„Hier bei uns leben die glücklichsten Menschen“

Interview mit dem Gouverneur des Gebiets Tjumen, Wladimir Jakuschew

Wladimir Jakuschew, Gouverneur des Gebiets TjumenBären, Taiga und Erdöl – das sind häufig die Begriffe, die man mit dem Gebiet Tjumen in Verbindung bringt. Und wie würden Sie Ihren „Herrschaftsbereich“ beschreiben?

Auf dem Wappen des Gebiets Tjumen gibt es eine Inschrift, sie lautet: „Durch Sibirien wird es wachsen“. Hier – in Tjumen und Tobolsk – entstand vor vier Jahrhunderten das staatliche Sibirien Russlands. Die Hauptstadt der Region Tjumen wurde 1586 gegründet. Es war die erste russische Stadt hinter dem Ural, gelegen auf dem Kreuzweg großer Handelsstraßen zwischen West und Ost, und gilt zu Recht als das „Tor Sibiriens“. Tobolsk ist die geistige Hauptstadt Sibiriens und ihre Architekturperle. Hier wurde die erste Steinkirche Sibiriens erbaut, die St. Sophia-Himmelfahrts-Kathedrale, sowie der hinterm Ural einzige Kreml mit einem eigenen Roten Platz.

Also gibt es hier einiges zu sehen?

Sicher, aber nicht nur zu sehen. Hier gibt es z.B. eine Reihe von Thermal-Heilquellen. Wo sonst auf der Welt können Sie bei frostigen minus 30 bis minus 40 Grad in einer Quelle mit 40 Grad heißem Mineralwasser baden? In Tjumen können Sie das. Es sind aber nur einige Gründe, weshalb man unbedingt unser Gebiet besuchen sollte.

Was hätte das Gebiet Tjumen im Bereich der Wirtschaft vorzuweisen?

Das Gebiet gehört zu den führenden Regionen Russlands im Bereich der wirtschaftlichen Entwicklung. Das wirtschaftliche Wachstum liegt hier weit über dem Landesdurchnitt. Das regionale Bruttoinlandsprodukt stieg in den vergangegen sechs Jahren im Durchschnitt um 10 Prozent pro Jahr an. Sein Volumen vergrößerte sich von 2006 bis 2013 um 230 Prozent, der Umfang von Investitionen in das Stammkapital – um 270 Prozent. Investitionen sind einer der wichtigsten Faktoren, welche die Richtung und das Tempo der Entwicklung des Gebiets angeben. Die Pro-Kopf-Investitionen des Gebiets übersteigen die landesdurchschnittlichen Kennzahlen um 170 Prozent. Außerdem hält die Region schon seit drei Jahren die Führungsposition im Bau von Wohnflächen. Die vom Präsidenten aufgestellte Aufgabe – bis 2020 soll pro Jahr mindestens ein Quadratmeter pro Einwohner gebaut werden – wurde hier vorzeitig erfüllt, und das bereits 2013.

Auch nach Industrieproduktionsvolumen liegt Ihr Gebiet landesweit auf Platz eins.

Schon im Laufe mehrerer Jahre erlebt die Region eine zweite Industrialisierung. In dieser Zeit entstanden hier neue Produktionsstätten und sogar neue Branchen, z.B. Mettalurgie, Erdölchemie, Glasproduktion und Produktion von Wärmedämmstoffen neuer Generation.

Der Industrieproduktionsindex betrug im Januar 2015 fast 112 Prozent, das Wachstum der verarbeitenden Industriebranchen lag über 118 Prozent. Dieses Tempo halten wir bereits seit fünf Jahren. Und wir wollen es auch weiterhin tun. Diese Ergebnisse wurden in erster Linie dank der neu entstandenen und auch der bestehenden Betriebe möglich. Wir haben schon ein erstes Erdölverarbeitungswerk, das EVW Antipinski, welches über 7,7 Millionen Tonnen Erdöl jährlich verarbeitet. In der Chemieindustrie geht das Wachstum in erster Linie auf Tobolsk-Polymer OOO, in der Metallurgie auf das Werk UGMK-Stal und die neue Produktionshalle im Sibneftemasch zurück. Nach der Inbetriebnahme des Werks Knauf Insulation stieg die Produktion von Baustoffen an.

In der Landwirtschaft betrug der Produktionsindex 2014 102 Prozent. Die Region versorgt sich selbst und vollständig mit Grundnahrungsmitteln. Im vergangenen Jahr konnten wir trotz der schlechten Wetterlage eine gute Ernte einbringen, und zwar durch eine systematische Modernisierung unseres Agrarindustriekomplexes.

Welche Rolle spielen in der Wirtschaft des Gebiets kleine und mittlere Unternehmen? Gibt es für sie besondere Förderprogramme?

Eine gute Arbeit leistet bei uns der Fonds „Investitionsagentur des Gebiets Tjumen“. Er begleitet Investitionsprojekte im Wert bis zu 300 Millionen Rubel und gewährt den KMU des Gebietes Investitionsdarlehen für die Umsetzung dieser Projekte. Darüber hinaus vergibt der Mikrofinazierungsfonds des Gebites Tjumen Mikrokredite in Höhe von bis zu einer Million Rubel und für die Dauer von max. 12 Monaten zum Auffüllen ihrer Umlaufmittel. Aktive Kreditnehmer des Fonds sind 880 KMU. Bereits seit einigen Jahren gibt es bei uns ein Gründerzentrum. Hier bekommen Neugründer Mietvermögen zu günstigen Konditionen für die Dauer von bis zu drei Jahren. Außerdem bietet das Zentrum diverse Beratungsdienstleistungen an. Im Moment sind dort 43 Firmen untergebracht. Die durschnittliche Überlebensrate der im Gründerzentrum ansässigen Unternehmen beträgt 95 Prozent.

„Tjumen war die erste russische Stadt hinter dem Ural und gilt zu Recht als das ‚Tor Sibiriens‘“Im Jahr 1992 schlossen Tjumen und Niedersachsen ein Kooperationsabkommen ab. Welche Bilanz lässt sich heute ziehen?

In diesen Jahren haben wir zahlreiche gemeinsame Projekte zum gegenseitigen Vorteil realisiert. In letzter Zeit fließen unsere Interessen immer stärker im Agrar- sowie Bildungsbereich zusammen. So hat uns im Jahr 2014 im Rahmen eines Pilotprojekts der Geschäftsleiter der Deutschen Lehranstalt für Agrartechnik DEULA-Nienburg Bernd Antelmann zweimal besucht. Thema der Gespräche war die Modernisierung des Ausbildungssystems für die Agrarindustrie unter Anwendung des dualen Berufsbildungssystems. Auch haben wir die Perspektiven für die Gründung beim Agrarkolleg in Jalutorowsk eines Ausbildungszentrums für das breite Spektrum landwirtschaftlicher Berufe und gleichzeitig eines Fortbildungszentrums für Fachkräfte aus einschlägigen Bereichen. Im Juni und Dezember 2014 hospitierten die Direktoren unserer Berufsfachschulen in den Einrichtungen deutscher Partner und in der Deutschen Lehranstalt für Agrartechnik DEULA-Nienburg.

Wie fügen sich da deutsche Unternehmen hinein?

Sehr erfolgreich. Wir sind froh, dass die niedersächsische Firma Bentec – führender Hersteller von Bohranlagen, Erdöl- und Erdgastechnik mit einer über 125-jährigen Geschichte – im Jahr 2006 beschloss, ein Tochterunternehmen in Tjumen zu gründen. In der Folge wurden über 100 neue Arbeitsplätze geschaffen. Darüber hinaus sind in der Region noch weitere Firmen mit deutscher Kapitalbeteiligung aktiv, z.B. die КСА Deutag Drilling GmbH, die Unternehmen Sibschwank und Schattdecor, um nur einige zu nennen. Ich hoffe, dass sie sich bei uns wohl fühlen. Wir bemühen uns um ein möglichst freundliches Investitionsklima und unterstützen die Investoren in allen Realisierungsphasen ihrer Projekte.

Und was heißt das in Zahlen ausgedrückt?

Momentan werden bei uns über 330 Investitionsprojekte in verschiedentsten Branchen in Höhe von insgesamt 1,3 Billionen Rubel realisiert. Sie alle erhalten eine umfassende staatliche Unterstützung, darunter auch Steuervergünstigungen und Subventionen. Dieses Fördersystem ermöglicht es, Realisierungskosten der Investitionsprojekte im Gebiet Tjumen um 10 bis 20 Prozent zu reduzieren. In den Jahren 2013–2014 eröffneten im Gebiet 21 neue Produktionsbetriebe. Von diesen Projekten wurden sechs von ausländischen Firmen realisiert. In diesem Jahr sollen noch fünf weitere Industriebetriebe eröffnet werden.

Macht Ihnen die aktuelle Krise nichts aus?

Die Instabilität der globalen Wirtschaft, Sanktionen, „galoppierende“ Währungskurse, Preisabsturz für Energieträger – all das schafft sicherlich zusätzliche Risiken. Jedoch bieten neue Herausforderungen auch neue Perspektiven: Gewinnen wird, wer sie klug nutzen kann.

Wir stellen uns darauf ein, dass die schwierige wirtschaftliche Lage Jahre andauern wird. Deshalb müssen wir sehr vorsichtig mit dem Ausgeben von Haushaltsmitteln sein. Gleichzeitig setzen wir die Fördermaßnahmen für Unternehmen fort. Wir haben einen Gesetzesentwurf über ein Steuermoratorium für Unternehmer erarbeitet. In Kürze wird er neben einem Gesetzesentwurf über Steuerferien für Existenzgründer in der Gebietsduma vorgelegt. Im Endstadium befindet sich ein ein weiterer Entwurf über die regionalen Sonderwirtschaftszonen, welche staatliche Unterstützung, Steuervergünstigungen und eine Infrastrukturplattform in sich vereinen sollen. Wichtig ist auch, dass das Gebiet Tjumen keinen einzigen Rubel Marktanleihen hat. Das wollen wir auch in Zukunft vermeiden. Unsere Aufgabe besteht in einer Neubilanzierung des Haushalts, damit wir alle Verpflichtungen erfüllen können.

„Tobolsk ist die geistige Hauptstadt Sibiriens und ihre Architekturperle.“Um auf die erste Frage zurückzukommen: Mit welchen touristischen Attraktionen kann das Gebiet Tjumen überzeugen?

Tourismus hat sich bei uns zu einer selbständigen Wirtschaftsbranche entwickelt. Wir haben ein reiches historisches, architektonisches und kulturelles Erbe sowie einzigartige Naturschätze. Der Touristenstrom ist in den letzten drei Jahren um mehr als 30 Prozent gestiegen.

Aktuell werden etwa 100 verschiedene Führungen im Gebiet Tjumen angeboten. Seit Langem nicht mehr wegzudenken ist das touristische Zentrum „Abalak“, wo jedes Jahr das Festival historischer Rekonstruktionen „Abalakskoje pole“ (Abalak-Feld) stattfindet. Im hochmodernen Zentrum für Wintersportarten „Perle Sibiriens“ werden große internationale Wettbewerbe im Skilauf und Biathlon ausgetragen. Übrigens werden wir im April zum ersten Mal ein Champions Race bei uns aufnehmen, bei dem die Spitzenbiathleten der Welt antreten werden.

Es klingt alles sehr positiv.

Wussten Sie, dass in Tjumen die glücklichsten Menschen leben? 81 Prozent unserer Landsleute gaben bei der Befragung des russischen Meinungsforschungsinstituts WZIOM an, dass sie glücklich sind. Und im vergangenen Jahr schaffte es Tjumen an die Spitze der Rangliste für Lebensqualität in russischen Großstädten, welche auf der Grundlage soziologischer Befragungen der Finanzuniversität der Regierung der RF erstellt wurde. Dabei wurden Einwohner von 37 russischen Großstädten befragt.

Jeder, der auch nur ein einziges Mal Tjumen besuchte, wird bestätigen, dass es eine moderne europäische Stadt mit guten Bedingungen zum Leben, Arbeiten, Studieren und Kindergroßziehen ist.

Die Fragen stellten Lena Steinmetz, AHK Russland