„Keine erfolgreiche Zukunft für Europäer ohne Russland“

Dr. Rainer Seele, Präsident der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK)

Am 27. Februar 2015 fand in Berlin bereits zum dritten Mal die Russland-Konferenz „Markt. Modernisierung. Mittelstand“. Das Interesse an Russland ist ungebrochen – das war das klare Fazit der Konferenz. / Von Jens Böhlmann, AHK Russland

„Wir glauben an den russischen Markt und an die Zusammenarbeit mit unseren russischen Partnern – jetzt wie in Zukunft!“, treffender als der Präsident der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK), Dr. Rainer Seele hätte man die Atmosphäre nicht in Worte fassen können, in der die Russland-Konferenz stattgefunden hat. Mit fast 500 Teilnehmern ist sie eine der größten Russland-Veranstaltungen in Deutschland überhaupt und Treffpunkt für alle, die sich über die aktuelle Situation in Russland aus erster Hand informieren wollten.

Trotz der schwierigen wirtschaftlichen und poltischen Lage betonten sowohl der russische Botschafter, Wladimir Grinin als auch der Hauptgeschäftsführer des DIHK e.V., Dr. Martin Wansleben den beiderseitigen Willen zur Zusammenarbeit und zur Unterstützung der Unternehmen. „Man müsse die Tapferkeit der deutschen Unternehmen loben, die ungeachtet aller Turbulenzen weiter in Russland tätig sind“, so der Botschafter. Denn, die wirtschaftliche Lage hat sich 2014 deutlich verschlechtert. Die Einzelfaktoren: Rubelabwertung, Ölpreisverfall, schwache Konjunktur, westliche Sanktionen und russische Einfuhrbeschränkungen verstärkten sich zu einer verhängnisvollen Melange. Die unmittelbar spürbaren Folgen waren ein deutlicher Anstieg der Preise und der Inflation, enorm verteuerte Kredite für russische Klienten, rückläufiger Handel – auch und vor allem mit Deutschland, nachlassende Aufträge und eine sehr spürbare Zurückhaltung bei Neuinvestitionen. Auch die sonst sehr robuste Binnenkonjunktur hat deutlich nachgelassen. Der alles entscheidende Faktor in diesem Zusammenhang ist Vertrauen. Dieses gelte es widerherzustellen und dafür auch die zahlreichen Kontakte der Unternehmen intensiv zu nutzen.

Die deutschen Unternehmen sind dazu in ihrer überwältigenden Mehrheit bereit. Sie wollen weiter am russischen Markt festhalten, den sie immer noch zu über drei Vierteln als attraktiv bzw. sehr attraktiv empfinden. 2015 wird aus Sicht der Unternehmen ein Jahr mit einer ausgesprochen niedrigen Erwartung an die konjunkturelle Entwicklung in Russland. Die Seitwärtsbewegung des Marktes nutzen die Unternehmen, um sich strategisch für die Zeit nach der Krise aufzustellen. Noch immer gelten die Umsatz- und Gewinnerwartungen als die größten Vorteile des Marktes und seine langfristige Tragfähigkeit in fast allen Branchen.

Augenblicklich bereitet den Unternehmen neben den „üblichen“ Herausforderungen – Bürokratie, Korruption, Fachkräftemangel – der zunehmende Protektionismus die größten Sorgen. AHK-Präsident Seele wurde dann auch sehr deutlich in der Beurteilung dieser Tendenz: „Wir sprechen uns ganz deutlich gegen jegliche Form dieser Wettbewerbsverzerrung aus. Egal, ob es sich um diskriminierende Ausschreibungsbedingungen handelt oder um Sonderzölle auf ausländische Produkte.“

Paneldiskussion „Wie normal ist das Russlandgeschäft?“Ein möglicher Ausweg ist die Lokalisierung. Auch diese Form der Markterschließung kennt ihre Tücken, aber augenblicklich dreht der Markt in Richtung Käufer. Zahlreiche internationale Firmen haben sich zurückgezogen, und die einheimischen Produzenten kämpfen mit den Veränderungen des Binnenmarktes und mit deutlich gestiegenen Kosten. Die Einstufung als russisches Unternehmen kann darüber hinaus Vorteile bei Ausschreibungen und Förderprogrammen bieten. Unter diesen Umständen können Mergers & Acquisitions durchaus sinnvoll sein. Begünstigt wird diese Tendenz durch das Bestreben, in erster Linie der russischen Regionen, für Investoren möglichst ideale Bedingungen zu schaffen. Nicht umsonst hat sich die Russische Föderation innerhalb von zwei Jahren um fast 60 Positionen auf den 62 Platz im Ranking Ease of Doing Business der Weltbank verbessert und ist damit unter den BRICS-Staaten am besten platziert.

Die Verunsicherung unter den Unternehmen ist auch bei nüchterner und sachlicher Betrachtung deutlich spürbar. Besonders anspruchsvoll sind Prognosen über die Marktentwicklungen und die Veränderung der Rahmenbedingungen. Zu viele externe Faktoren machen eine belastbare Voraussage fast unmöglich. Doch auch unter den obwaltenden Bedingungen der Sanktionen und im derzeit nicht nur medial aufgeheizten Klima sind viele Instrumente des Außenhandels nach wie vor praktikabel. Es gilt deshalb für Exporteure und Anfänger im Russlandhandel sich gut und solide zu informieren, um die möglichen Geschäfte auch zu machen. So sind Absicherungen über sogenannte Hermes-Kreditversicherungen ebenso möglich wie Finanzierungen über europäische Banken mit Markt üblichen Verzinsungen. Positiv sind auch Änderungen im Gesellschaftsrecht, die Einführung der Vertragsfreiheit und ein neues Vergaberecht.

Im Ergebnis herrschte ein hohes Maß an Einigkeit darüber, dass die Themen Markt, Modernisierung, Mittelstand nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Dieser Dreiklang muss in Russland entwickelt werden. Präsident Seele sieht zu einer Zusammenarbeit mit Russland denn auch keine Alternative: „Gerade in Zeiten krisenhafter Entwicklungen müssen wir darüber nachdenken, wie wir die Grundlagen für eine dauerhaft erfolgreiche Zusammenarbeit gestalten können. Es wird für uns Europäer keine erfolgreiche Zukunft ohne Russland oder gar gegen Russland geben. Das gilt politisch. Und das gilt wirtschaftlich.“


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