Jürgen König: „Jeder Mensch auf der Welt sollte den gleichen Zugang zu medizinischen Produkten haben“

Interview mit Jürgen König, Präsident/Generaldirektor Merck LLC

Jürgen König, Präsident/Generaldirektor Merck LLC

In welchen Geschäftsfeldern ist Merck in Russland aktiv?

Merck ist in Russland mit den Sektoren Life Science, Health Care und Performance Materials vertreten. Unter Health Care sind vier Bereiche zusammengefasst. Merck Serono – das sind ethische Pharma- und Biotech-Produkte aus den Bereichen Fertilität, Onkologie, Multiple Sklerose. Der zweite Bereich sind Consumer Health Produkte, also nicht verschreibungspflichtige Präparate. Allergopharma und Biosimilars sind bisher noch nicht in Russland vertreten.

Unter dem Bereich Life Science sind alle Laborchemikalien subsumiert, aber auch alle Präparate für die Biotech-Industrie. Wir beliefern diesen Bereich mit den Anlagen und mit den Chemikalien, z.B. Anlagen für die Zucht von Zellkulturen und Zellmixer, Filtrierungssysteme. Und für den Bereich Bio Sciene Wasserfiltrierungssysteme und Zellcounter. Das läuft unter dem Oberbegriff Merck Millipore.

Denn so, wie wir 2007 die Schweizer Firma Serono gekauft haben, haben wir 2010 die amerikanische Firma Millipore übernommen und werden jetzt versuchen, Sigma Aldrich zu kaufen. Deren Geschäft würden wir dann in den Bereich Life Science integrieren.

Was genau sind Performance Materials?

Unter Performance Materials versteht man ganz unterschiedliche Anwendungen. Angefangen von Farbpigmenten für Autolacke: Immer dann, wenn es so schön in zwei Farbtönen glänzt, ist ein Merck-Produkt drin. Farben, die beim Druck verwendet werden, kommen von Merck. Diese Produkte finden fast überall Anwendung: bei Häuserfassaden, in der Kosmetikbranche, der Automobilindustrie, im Industriedesign.

Im Scherz habe ich mir einmal gewünscht, dass das goldene Farbspektrum der Kuppeln orthodoxer russischer Kirchen auch von Merck hergestellt würde – die erste Bestellung gibt es jetzt!

Zählen Monitore und Bildschirme auch in diesen Bereich?

Genau! In ihrem, wie in jedem Smartphone gibt es ein Display, das mit Flüssigkeitskristallen arbeitet. Jeder moderne Fernseher arbeitet mit so genannten LCD-Kristallen. Diese Flüssigkristalle hat Merck erfunden. Spannend ist, dass dieses Präparat schon vor mehr als einhundert Jahren erfunden wurde. Man hatte damals ein Produkt, aber noch keine Anwendung.

Die Eigentümerfamilie hat damals beschlossen, das Produkt weiterzuentwickeln, um eines Tages damit Bilder darstellen zu können. Die allererste Anwendung waren die Tamagotchis, in denen kleine Bildschirme verbaut wurden, die mit unserer Technologie arbeiteten. Es folgten dann relativ schnell Uhren, Instrumente, Maschinen, Monitore, Fernsehbildschirme bis zum heutigen iPhone. Bildschirme werden heute überwiegend von Samsung und LG hergestellt, beide auf der Basis von Flüssigkristallen von Merck. Unser Weltmarktanteil liegt bei über 60 Prozent.

Als die LED-Technik auf den Markt kam, dachten alle, Flüssigkristalltechnik gehört der Vergangenheit an. Aber das ganze Gegenteil passierte, weil die neueste Technik sowohl mit LED als auch mit LCD-Technologie arbeitet, was dazu führt, dass die Bildschirme immer dünner werden. Wir liefern im Übrigen beide Technologien. Der dünnste augenblicklich produzierte Fernsehbildschirm ist noch nicht einmal fünf Millimeter breit.

Wie stabilisiert man ein solches System?

Die Technik wird auf das Glas in Schichten aufgetragen. Entscheidend ist dabei, dass die Beschichtung perfekt erfolgt, sonst könnte es Ausfallerscheinungen am Fernsehbild geben.

Am 16. September 2015 eröffnete Merck in Moskau ein Life-Science-Labor.

Das heißt, seit einigen Jahren rentiert sich die Investition in das Verfahren?

Ja, schon lange. Mittlerweile ändern sich die TV-Geräte alle sechs Monate. Jeder neue Fernseher ist ein bisschen besser als sein Vorgänger. Außerdem sind die Formate von Samsung und LG so unterschiedlich, dass wir für beide stets weiter entwickeln. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem die Sicherheitsinstruktionen im Flugzeug nicht mehr aus Papier bestehen, sondern in Form eines Displays gestaltet sind, auf dem man 350 Filme, 500 Bücher und ein paar Hundert Magazine auswählen kann. Und natürlich wird auch die Sicherheitsbelehrung in Form eines Videos dargereicht werden.

Wann genau wird diese phantastische Vorstellung Wirklichkeit?

Viel schneller, als wir beide uns das vorstellen können. Erste Prototypen existieren bereits. Die so genannte Flexible Technology macht das alles möglich.

Wir haben aber auch die Konkurrenz zum Display im Portfolio: OLED, Organic Light Emitting Diode – eine organische Leuchtdiode. Noch ist diese Technologie sehr teuer. Ein kleiner Fernseher ist noch sehr teuer.

Was ist der Vorteil?

Man denkt, man öffnet das Fenster. Schärfe, Brillianz, Farben sind noch besser, noch natürlicher.

Aus dem Bereich Performance Materials gibt es noch ein phantastisches Produkt: Smart Windows. Diese Fenster passen sich automatisch den äußeren Lichtverhältnissen an. Auch diese Technologie ist noch sehr jung, etwa ein Jahr alt und noch nicht auf dem Markt. Mit ihr spart man viel Energie – und den Platz an der Außenfassade für Jalousien.

Sind Sie im Hochtechnologiesektor von den Sanktionen betroffen?

Wir sind in keinem unserer Geschäftsbereiche betroffen. Ganz prinzipiell ist unsere Einstellung, dass jeder Mensch auf der Welt den gleichen Zugang zu medizinischen Produkten haben sollte. Deshalb können wir uns nicht vorstellen, dass Sanktionen auch auf diesen Sektor ausgedehnt werden.

Man versucht ja vermehrt, Medikamente in Russland herzustellen?

Das können wir verstehen. Russland ist nicht das einzige Land, in dem man bestimmte Produkte in Eigenregie herstellen möchte. Allerdings ist der Wissenstransfer auf diesem Gebiet sehr kompliziert, und es kommt sehr darauf an, wie man den Prozess gestaltet. Man braucht eine solide Vorbereitung, die richtige Auswahl, Schulungen, Audits, Validierungen.

Es ist nicht damit getan, einfach nur ein Gesetz zu verabschieden. Es bedarf einer komplett ausgearbeiteten Strategie, der Anpassung an GMP, an international gültige Standards, an allgemein gültige Vorschriften. Von entscheidender Bedeutung sind das Qualitätsmanagement und das Controlling.

Sie wollen lokalisieren?

Ja, wir haben aber auch schon verschiedene Präparate, die komplett in Russland produziert werden.

Der Markt trägt dieses Engagement?

Ja, wir fangen mit den vom Volumen her größten Produkten an und versuchen dann, Stück für Stück weiter zu lokalisieren. In Russland gibt es 143 Millionen Menschen, in der gesamten GUS rund 300 Millionen Einwohner. Ein Markt groß genug, um entsprechende Investitionen zu rechtfertigen.

„Wir wachsen zweistellig, und wir werden auch weiter zweistellig wachsen. Das ist auch noch möglich, weil erstens das Russlandgeschäft noch relativ klein ist, und wir vor zwei Jahren erst richtig angefangen haben.“

Wie sieht es mit den Zulassungen und rein russischen Prüfverfahren aus?

Im Bereich Pharma haben wir überhaupt keine Probleme, dort hat sich der Aufwand im Vergleich zu vor fünf Jahren verringert. Wir machen lokal viele klinische Studien, die wir dann in die globalen Studien integrieren. Wir haben somit die für solche Studien notwendige Kompetenz wie Ärzte und Kliniken vor Ort. Wir betreiben in Russland Forschung und Entwicklung.

Was Sie nicht in Russland herstellen, hat sich entsprechend verteuert?

Nein, denn es gibt eine Medikamentenpreisbindung. Außerdem haben wir Wettbewerber z.B. aus China, die durchaus ebenbürtig sind. Wir müssen also andere Wege finden, um weiter konkurrenzfähig zu bleiben. Wir sind teurer, aber wir bieten ständig Innovationen, gleichbleibende Qualität und Service an, und das unterscheidet uns von unseren Wettbewerbern.

Ihr Vorsitzender der Geschäftsleitung & CEO, Karl-Ludwig Kley will überall auf der Welt deutlich wachsen. Geht das auch in Russland?

Selbstverständlich! Ich glaube, er meinte auch Russland. Wir wachsen zweistellig, und wir werden auch weiter zweistellig wachsen. Das ist auch noch möglich, weil erstens das Russlandgeschäft noch relativ klein ist, und wir vor zwei Jahren erst richtig angefangen haben. Dieses Wachstumsziel gilt aber für alle Emerging Markets.

Was genau versteht Merck darunter?

Alle Märkte, die man gemeinhin darunter fasst: BRICS, aber auch Lateinamerika, die Türkei und vor allem auch Afrika.

Afrika als Ganzes?

Wir haben im Unternehmen entschieden, dass wir Afrika als einen Kontinent mit extrem hohem Zukunftspotential einstufen und investieren dort in erster Linie in die Ausbildung und in Krankenhäuser. Wir schulen Krankenschwestern, Ärzte, finanzieren Aufklärung und Methodik. Es gibt eine in Afrika weithin unterschätzte Krankheit: Diabetes, weil viele Ärzte das Krankheitsbild nicht richtig diagnostizieren. Dabei reicht für die Erkennung ein einfacher Zuckertest. Wir geben aber auch Geld für Patientenschulungen aus, in denen wir erklären, wie man sich ernähren muss, um Diabetes zu vermeiden.

Jetzt sind wir weit von Russland weg gekommen, deshalb die Frage: In welchem Verhältnis stehen die amerikanischen und die deutschen „Mercks“?

We are the original! Während des ersten Weltkrieges wurden alle deutschen Tochtergesellschaften in den USA konfisziert. Bei der Gelegenheit hat die Familie Merck die Tochter Merck & Co. verloren. Dann wurde vereinbart, dass die Amerikaner den Namen in den USA und in Kanada verwenden dürfen und das Merck-Stammhaus aus Darmstadt im Rest der Welt. Die Amerikaner machen darüber hinaus nur Pharma, keine Chemie.

Und wie heißt Merck Deutschland in den USA?

Dort heißen wir EMD, das dechiffriert sich als Emanuel Merck Darmstadt.

Zurück nach Russland. Wie viele Mitarbeiter haben sie derzeit in Russland?

Augenblicklich etwas mehr als 240. Bis zum Jahresende sollen es 300 sein. Damit haben wir innerhalb von nur zwei Jahren die Mitarbeiterzahl verdoppelt. Einerseits brauchen wir zunehmend mehr Außendienstmitarbeiter, andererseits wurden bestimmte Produkte früher von Takeda vermarktet. Das machen wir jetzt wieder selbst.

Das hört sich alles gut an. Welches Ergebnis erwarten Sie zum Ende des Jahres?

Wir werden zweistellig wachsen. Punkt.

Und perspektivisch?

Es wird eine Herausforderung, aber mit vielen Möglichkeiten.

Das Gespräch führte Jens Böhlmann, AHK Russland