Arbeitsmarkt im Zeichen des Wandels

Für viele Expats in Russland war 2015 das Jahr der Rückreise. Allerdings kann man mittlerweile viele gute Spezialisten auch im Land selbst finden. Außerdem gehören die Lohnkosten in Russland derzeit zu den wettbewerbsfähigsten weltweit. / Michael Germershausen, Antal Russia

Kurz nach der Einführung der russischen Gegensanktionen wunderten sich noch einige, warum Weißrussland auf einmal zu einem großen Fischlieferanten für Russland geworden war. Die neuen Steckenpferde der russischen Regierung Lokalisierung und Importsubstitution machen auch vor dem Arbeitsmarkt nicht halt. Während wir in guten Jahren von unseren fast 1000 Kandidatenplatzierungen immer eine zweistellige Anzahl von Expats in Lohn und Brot bringen konnten, waren es im Jahr 2015 weniger als zehn. Auch diese Mitarbeiter bekamen die Lokalisierung am eigenen Leibe zu spüren. Für die meisten bedeutete das ein russischer Arbeitsvertrag mit russischen Rubeln und keiner Kurssicherung. Für viele Ausländer war daher 2015 das Jahr der Rückreise.

Was verspricht das Jahr 2016?

Wenn man die Anzahl der Vakanzen auf Russlands größtem Jobportal Headhunter analysiert, kann man erkennen, dass im ersten Quartal 2016 ein positiver Trend zu beobachten ist. Es gibt also wieder mehr offene Stellen.

Der größte Zuwachs lässt sich in den Sektoren Logistik, Freizeit, Beratung, Automobil und Pharmazie beobachten. Zu den schwächeren Bereichen gehören die Rohstoffförderung, Versicherung und Tourismus. Hier gibt es im Moment weniger offene Stellen als noch vor einem Jahr. Laut einer aktuellen Umfrage unter den internationalen Kunden der Personalberatung Antal Russia plant in diesem Jahr jedes vierte Unternehmen, zusätzliche Mitarbeiter einzustellen. Der größte Teil jedoch plant maximal, die Mitarbeiter zu ersetzen, die das Unternehmen verlassen.

Ein weiterer Gedanke der Strategen in Russland ist, den Export von Nicht-Rohstoffen zu stärken. Auch auf dem Arbeitsmarkt geht das. Aufgrund der Währungsabwertung gehören die Lohnkosten in Russland im Moment zu den wettbewerbsfähigsten auf der Welt. Das bedeutet nicht nur, dass internationale Reifenhersteller im Moment aus Russland heraus nach Europa exportieren, sondern auch, dass russische Softwareingenieure, Bauingenieure, Finanzexperten in den Konzernen im Moment genutzt werden, um kostengünstig an globalen Projekten zu arbeiten. Man kann nur hoffen, dass diese Tendenz in den Heimmärkten nicht irgendwann die Gewerkschaften auf den Plan bringt.

Mitarbeiter bei Laune halten

Wie lange der Rubel noch preiswert sein wird, hängt von der Inflation ab. Solange die Reallöhne weiter sinken wie im Jahr 2015 und wie auch für dieses Jahr bei den meisten Firmen budgetiert, werden die Personalchefs kreative Ansätze finden müssen, um die Motivation der Mitarbeiter positiv zu halten. Die meisten Chefs werden in diesem Jahr nicht mehr als sieben bis neun Prozent Erhöhung verteilen. Mehr als 40 Prozent der Unternehmen haben allerdings erstmals gar nichts budgetiert.

Auch bei den Lohnnebenleistungen gibt es etwas Bewegung. Die meisten internationalen Arbeitgeber zahlen zusätzlich zum Gehalt eine private Krankenversicherung. Russische Mitarbeiter schätzen diese Errungenschaft sehr, obwohl in den letzten Jahren auch das staatliche Gesundheitssystem verbessert wurde. Allgemein scheint der Trend bei Lohnnebenleistungen zu flexiblen Angeboten zu gehen. So geben immer mehr Mitarbeiter an, dass sie sich in Zeiten von Staus und steigenden Fahrtkosten flexible Arbeitszeiten wünschen bzw. gern einen Tag pro Woche von zu Hause arbeiten würden.

Aussichten dank Lokalisierung eher gut

Während der letzten Krise 2009 hatte es viele Arbeitnehmer zu staatlichen Unternehmen gezogen. Diese Tendenz ist im Moment nicht zu beobachten. Eher im Gegenteil. Viele der staatsnahen Firmen haben ihre Budgets zurückgefahren und stellen weniger ein.

Auch in den Regionen Russlands sind die Auswirkungen der Krise zu spüren. Es gibt immer mehr Firmen, die ihre lokale Präsenz überdenken, und diverse Niederlassungen geschlossen haben.

Da Lokalisierung auch in weiteren Wirtschaftsbereichen in Russland geplant ist, sind die Aussichten für den russischen Arbeitsmarkt generell positiv zu bewerten. Allerdings werden in vielen Bereichen Mitarbeiter fehlen, denn obwohl seit einigen Jahren die Geburtenrate die Sterberate wieder übersteigt, altert die russische Bevölkerung weiter.

Der Gesetzgeber hat 2015 wieder viele Überraschungen vorbereitet. Die größten Auswirkungen beim Thema Personal hatten dabei das Gesetz zur Speicherung von personenbezogenen Daten in Russland und das Verbot der Zeitarbeit. Außerdem neu ist, dass Bewerber seit letztem Jahr eine schriftliche Begründung einfordern können, warum sie nicht eingestellt wurden.

Themen der Zukunft

Natürlich wird man immer wieder gefragt, welche Berufe in Zukunft eine große Rolle spielen werden. Vor allen Dingen im Bereich IT / E-Commerce sind viele neue Stellenbeschreibungen dazu gekommen, die vor einigen Jahren noch kein Thema waren. Als Beispiele können hier u.a. der Bioethiker, der IT-Genetiker, der Roboteroperator, der Code of Business Conduct Manager oder der Ökoanalytiker genannt werden. Mittlerweile lassen sich viele gute Spezialisten auch in Russland finden, und man muss nicht mehr auf die Expats ausweichen.

Ein neuer Trend ist außerdem, dass sich die durchschnittliche Zeit, die Arbeitnehmer beim selben Arbeitgeber verbringen, in den letzten Jahren verkürzt hat.

Wie auch in Deutschland sind immer weniger Studenten an technischen Berufen interessiert – und es gibt mehr Manager. Es wird immer schwieriger werden, Mitarbeiter für den produzierenden Bereich zu finden, die motiviert und technisch versiert sind.

Für deutsche Unternehmen gilt weiterhin, die Chancen zu nutzen, die sich auf dem russischen Markt ergeben. Seit einigen Jahren wächst die russische Bevölkerung wieder auf natürlichem Wege: Der Binnenmarkt wird wohl bald wieder 150 Millionen Konsumenten zählen, und deutsche Produkte werden in Russland weiterhin hoch geschätzt.