In Russland stimmt die Chemie – trotz Wirtschaftskrise

Nur wenige Branchen in Russland stemmen sich erfolgreich gegen die Wirtschaftskrise. Zu diesen positiven Ausnahmen gehört die Chemieindustrie. / Bernd Hones, GTAI

Die chemische Produktion legte 2015 um 6,3 Prozent und von Januar bis September 2016 um 4,6 Prozent zu. Dabei stieg die Wachstumsdynamik von 3 Prozent im 1. Quartal 2016 auf 7,4 Prozent im 2. Quartal, um im 3. Quartal auf 3,2 Prozent nachzulassen. Es gibt mehrere Gründe für diese paradoxe Entwicklung. Durch den schwachen Rubel ist der Import von chemischen Erzeugnissen relativ teuer geworden. Im Verhältnis dazu sind russische Erzeugnisse oftmals viel günstiger. Viele Konzerne stehen erstklassig da, weil sie ihre Produkte im Ausland preisgünstig anbieten und ihre Werke besser auslasten können. Auch wenn das Marktvolumen im Inland insgesamt geringer wird – russische Produzenten schneiden sich vom bestehenden Kuchen immer größere Scheiben ab.

Deshalb erzielen viele chemische Unternehmen zurzeit ganz ordentliche Umsätze. Firmen, bei denen die bestehenden Kapazitäten nicht mehr ausreichen oder veraltet sind, gehen sogar noch einen Schritt weiter und investieren. Dazu zählen Produzenten von Kunststoffen, Düngemitteln, Farben und Lacken sowie Petrochemiewerke. Den Raffinerien bleibt auch gar keine andere Wahl, denn Benzin und Diesel müssen künftig den immer strenger werdenden Abgasnormen (Euro-5) entsprechen.

Außerdem wären da noch Russlands Megaprojekte – wie die Gaspipeline „Sila Sibiri“ von Gazprom in Ostsibirien mit einem Gaschemiewerk in Blagoweschtschensk an der Grenze zu China. Oder die Flüssiggasprojekte auf den Halbinseln Jamal und Gydan von Novatek zusammen mit europäischen und chinesischen Partnern. Schließlich das Mega-Petrochemiewerk SapSibNeftechim in Tobolsk – das größte Kunststoffprojekt auf russischem Boden. Während des Wirtschaftsforums in St. Petersburg Mitte Juni 2016 wurde ein weiteres Großprojekt angekündigt: Der Bau eines Gasverflüssigungswerkes im Hafen Wysozk im Leningrader Gebiet. Kosten: 40 Milliarden Rubel. Geplante Fertigstellung: 2019. Bei all diesen gewaltigen und von staatlicher Seite geförderten Projekten winken deutschen Zulieferern, Ausrüstern und Planern gute Geschäftschancen.

Russische Düngemittelriesen weiter im Aufwind

Russische Hersteller von Düngemitteln zählen zu den Gewinnern des schwachen Rubels. Traditionell exportieren sie einen Großteil ihrer Erzeugnisse ins Ausland. Dort erzielen sie Erlöse auf Euro- oder US-Dollar-Basis. Dadurch haben sie die nötigen Devisen für neue Investitionen. So will das Unternehmen AO Asot aus Kemerowo (gehört zur SDS-Holding) für 1,2 Milliarden Euro seine Stickstoff-Düngemittelproduktion erweitern mit Anlagen für 2000 Tonnen Ammoniak, 1250 Tonnen Ammoniumsalz-Lösungen, 1200 Tonnen Salpetersäure und 1000 Tonnen Ammoniumsalze. Das heißt, die bestehenden Kapazitäten werden mindestens um das Eineinhalbfache vergrößert.

Eurochem und der italienische Industriekonzern Maire Tecnimont haben Mitte Juni 2016 auf dem St. Petersburger Wirtschaftsforum den Bau eines Ammoniakwerkes im Leningrader Gebiet besiegelt. Das Werk soll 225 Millionen US-Dollar kosten und bei der Stadt Kingissepp gebaut werden, berichtet der Wirtschaftsnachrichtendienst Prime. Die Gesamtkosten des Projektes dürften eine Milliarde US-Dollar betragen. Das neue Werk soll im Jahr 2018 in Betrieb gehen.

In der Region Tula südlich von Moskau baut das Unternehmen Schekinoasot ein Werk für 450.000 Tonnen Methanol und 135.000 Tonnen Ammoniak pro Jahr. Kosten: 19 Milliarden Rubel (ca. 260 Millionen Eurol). Das Werk soll im Jahr 2018 den Betrieb aufnehmen.

Farbenhersteller investieren trotz mauer Marktlage in neue Kapazitäten

Weniger als neun Kilogramm Farben und Lacke kaufen russische Bürger jährlich im Schnitt. In Europa ist es mehr als das Doppelte. Kein Wunder, dass die Wachstumschancen in Russland gigantisch sind. Doch zurzeit sinkt die Nachfrage. Trotzdem investieren russische und internationale Hersteller weiter in den Markt. Sie hoffen darauf, dass der Entwicklungsplan der Regierung bis 2030 aufgeht. Danach soll die Nachfrage in den kommenden 15 Jahren um mindestens 24 Prozent auf 1,7 Millionen Tonnen steigen. Der Pro-Kopf-Konsum je Bürger würde damit von knapp neun auf 13 Kilogramm zulegen. Und der Importanteil am Verbrauch auf sieben Prozent sinken.

Obwohl die Nachfrage sinkt und die Auslastungsquote vergleichsweise niedrig ist, steigt die Produktion. Von Januar bis September 2016 hat der Ausstoß von synthetischen organischen Pigmenten für Farben und Buntlacke um 19,3 Prozent und der Ausstoß von Farben und Lacken um 17,8 Prozent zugenommen, berichtet der Föderale Statistikdienst Russlands.

Etliche Firmen glauben trotz der schwierigen Lage an den russischen Markt. Sie investieren in neue Anlagen oder modernisieren die bestehenden. Laut Branchenverband Centrlack investieren russische Unternehmen gerade in neue Projekte mit einer Gesamtkapazität von insgesamt 41.000 Tonnen. Westliche Investoren bauen im Augenblick zusätzliche Kapazitäten zur Produktion von 75.000 Tonnen.

Der deutsche Konzern BASF will seine Präsenz in Russland 2016 ausbauen. Dazu erweitert er die Palette in Russland gefertigter Farben und Lacke im eigenen Werk in Bolschoje Tolbino im Moskauer Gebiet. Künftig sollen dort auch Komponenten für Polymer-Beton-Beschichtungen hergestellt werden, heißt es am Branchenportal LKM.

Russland zieht immer mehr Kunststoffverarbeiter an

Russland gilt als stabiler Produzent von Massenkunststoffen. Verarbeiter hatten jedoch bislang einen schweren Stand. Durch den schwachen Rubel scheint das Interesse an der Verarbeitung von Polymeren in Russland zu steigen. Das Unternehmen Europolimer will eine Milliarde Rubel in ein Werk zur Folienproduktion investieren. Die Fabrik in der Region Rostow am Don soll für 13.000 Tonnen Folien pro Jahr ausgelegt werden. Diese Erzeugnisse will Europolimer an Lebensmittelproduzenten als Verpackungsmaterial verkaufen – eine Boom-Branche in Russland.

Das Unternehmen Termoplast wird im Gebiet Rostow zum Ende des Sommers 2016 ein neues Werk eröffnen, in dem jährlich 6000 Tonnen Wasser- und Gasrohre aus Polyethylen hergestellt werden können. Gleich danach will das Unternehmen mit dem zweiten Bauabschnitt beginnen und bis 2018 die Kapazitäten um weitere 5000 Rohre aufstocken, heißt es beim Branchenportal RCCnews.ru.

Der deutsche Henkel Konzern ist nicht nur ein riesiger Hersteller von Waschmitteln, sondern auch ein wichtiger Kunststoffverarbeiter. Wie Ende Juni 2016 bekannt wurde, will das Unternehmen einen Teil seiner Produktion von Silikondichtungen von Estland nach Russland verlagern. Die Fabrik im Baltikum wird zwar nicht geschlossen, aber ein Teil der Produktion wird künftig am Standort Tosno im Leningrader Gebiet konzentriert. Dort sollen die Kapazitäten zur Produktion und Lagerhaltung um 20.000 Tonnen auf 22.000 Tonnen pro Jahr steigen.

Raffinerien investieren weiter

Das Unternehmen Amurskaja Energetitscheskaja Kompanija wird in der Amur-Region noch Ende 2016 mit dem Bau einer neuen Ölraffinerie beginnen. Die Verarbeitungskapazitäten sollen bei sechs Millionen Tonnen Rohöl und Gaskondensat liegen. Aus diesen Rohstoffen werden im Gebiet Amur dann Dieselkraftstoff, Benzin nach Euro-5-Norm, Petrolkoks und Flüssiggas hergestellt und größtenteils nach China exportiert. Das Projekt kostet 1,8 Milliarden US-Dollar und soll 2020 abgeschlossen werden.

Das Unternehmen OrskNefteOrgSintes will von 2016 bis 2023 die bestehenden Anlagen modernisieren und erweitern. Für rund fünf Milliarden US-Dollar soll in den kommenden sieben Jahren die Verarbeitungstiefe auf 96 Prozent erhöht werden. Zurzeit veredelt das Werk nahe der Grenze zu Kasachstan Jahr für Jahr rund 6,6 Millionen Tonnen Rohöl.

Der größte Investor ist Rosneft. Der Erdölriese will bis 2020 über 500 Milliarden Rubel (über 6,8 Milliarden Euro) in seine Raffinerien investieren. Laut Rosneft-Chef Igor Setschin soll mit dem Geld die Verarbeitungstiefe der Anlagen auf 76 Prozent erhöht werden. Durch dieses Investitionsprogramm soll das EBITDA zum Geschäftsjahr 2019 um den Faktor drei auf 200 Milliarden Rubel steigen.

Russlands Raffinerien modernisieren ihre Anlagen zur Treibstoffproduktion. Ziel: Hochwertige Benzine und Diesel mit hohen Oktanwerten. Seit 1. Januar 2016 dürfen Pkw in Russland nur noch mit Treibstoffen nach der Euro-5-Norm betankt werden. In Metropolen wie Moskau und St. Petersburg ist das auch der Fall. Aber bei weitem nicht überall im größten Land der Welt. Der Grund: Nicht alle Raffinerien haben die Umstellung fristgerecht geschafft. De facto dürfte es den Euro-5-Treibstoff in den meisten Regionen ab 1. Juli 2016 geben. De jure hat das Energieministerium den Verkauf von Benzin und Diesel nach dem Euro-4-Standard sogar bis Ende 2017 verlängert.