Medizinische Dienstleistungen in Russland: die Trends von heute und morgen

Das Gesundheitssystem in Russland erlebt zurzeit einen schwierigen, aber auch interessanten Transformationsprozess, der eine günstige Gelegenheit sowohl für traditionelle Unternehmen der Gesundheitsbranche als auch für die Entstehung von komplett neuen Geschäftsmodellen bietet. / Maria Mikhaylenko und Ekaterina Kozlova, Roland Berger

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Ausgaben für Gesundheitsleistungen in Russland sind immer noch niedriger als in entwickelten Ländern. Laut offiziellen Quellen stiegen die realen Ausgaben des russischen Staates für den Gesundheitssektor in den letzten zehn Jahren um 74 Prozent an. Nach der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jedoch betrugen diese 2014 nur 5,4 Prozent des BIP, und laut der Weltbank waren es sogar nur 3,7 Prozent. Selbst optimistische Einschätzungen weisen auf eine Unterfinanzierung der Gesundheitsbranche hin im Vergleich zu entwickelten Ländern, in denen dieser Index zwischen vier und acht Prozent des BIP liegt. Laut WHO betrugen die Gesundheitsausgaben im Jahre 2014 11,3 Prozent in Deutschland, 13,6 Prozent in den USA, 8,9 Prozent in Brasilien und 6,9 Prozent in Polen.

Nach Angaben des russischen Finanzministeriums sind für 2016 keine weiteren Reduzierungen der Gesundheitsausgaben geplant. Es liegen aktuell allerdings noch keine offiziellen Angaben zur längerfristigen Haushaltsplanung vor, da seit dem Föderalen Gesetz Nr. 273 vom 30. September 2015 die Planungsfrist für den staatlichen Haushalt nun ein Jahr statt drei Jahre beträgt. In der mittleren Perspektive kann man erwarten, dass die existierende Lücke in der russischen Gesundheitsfinanzierung durch öffentliche Mittel nicht gedeckt werden kann. Das hängt sowohl mit der wirtschaftlichen Gesamtsituation und den Auswirkungen des niedrigen Ölpreises auf den russischen Haushalt zusammen als auch mit Regulierungstrends, vor allem der laufenden Gesundheitsreform inklusive der Implementierung des Kofinanzierungsmodells für Gesundheitsleistungen zwischen dem Staat und den Verbrauchern im Rahmen des Pilotprogramms für Krankenversicherung „OMS+“.

Freiwillige Versicherung: kein Wachstum zu erwarten

Andererseits können wir von einem Rückgang des realen Marktvolumens sprechen, wenn es um freiwillige Versicherung geht. Traditionell werden 95 Prozent solcher Programme von Arbeitgebern finanziert. Unternehmen, in erster Linie KMU, reduzieren ihre Ausgaben für Sonderleistungen an ihre Mitarbeiter. Viele streichen die freiwillige Versicherung aus den Leistungspaketen komplett oder eliminieren teure Behandlungen und Kliniken. Die Versicherer als größte Teilnehmer des jeweiligen Marktes geben zu, dass in der nächsten Zeit kein Wachstum zu erwarten ist. Als Motor für künftige Entwicklung könnte Kofinanzierung seitens der Angestellten dienen. In diesem Sektor werden die Gesundheitskosten also ebenfalls auf den Konsumenten übertragen.

Gesundheitsleistungen auf eigene Kosten

Nach unterschiedlichen Einschätzungen kann man von einem durchschnittlichen Kostenanteil privater Verbraucher von nicht mehr als 20-25 Prozent des gesamten Marktvolumens, inklusive des illegalen Marktes, sprechen. Selbstverständlich nehmen hauptsächlich Verbraucher mit mittlerem und hohem Einkommen kostenpflichtige Gesundheitsleistungen in Anspruch. Nach unseren Einschätzungen und unter Berücksichtigung der genannten Faktoren wird der Anteil von privaten medizinischen Leistungen in mittlerer und langer Perspektive wachsen und kann innerhalb der nächsten 15 Jahre bis zu 50 Prozent des Gesamtmarktes für Gesundheitsleistungen erreichen.

Erstens ist es häufig problematisch, eine qualitativ angemessene medizinische Leistung mit einer OMS-Police rechtzeitig zu erhalten, was das Wachstum von einerseits der grauen Zone und andererseits der legalen privatmedizinischen Versorgung fördert.

Zweitens werden die Verbraucher, die es gewohnt sind, hauptsächlich die freiwillige Versicherung in Anspruch zu nehmen, es wegen der Kürzung der Sozialleistungen nicht mehr tun können. Solche Menschen werden ihre Gesundheitskosten selbst tragen müssen. Das heißt, sie werden mehr Qualität für ihr Geld fordern – das Preis-Leistungs-Verhältnis und das Serviceniveau müssen stimmen. Die Kliniken müssen innovativer und wettbewerbsfähiger werden, um die Loyalität der Kunden nicht zu verlieren.

Und schließlich eignen sich Privatkliniken als erste innovative Methoden der Diagnose und der Prophylaxe an und können moderne Therapie und Technologien anbieten – zwar mit einer geringen Verspätung, aber trotzdem den globalen Trends folgend. Für öffentliche Kliniken und OMS-Programme sind solche Dienstleistungen zu teuer, aber mit dem Wohlstandswachstum der Bevölkerung wird die Nachfrage ebenfalls steigen.

Globale Trends in der Gesundheitsbranche

Neben lokalen Trends gibt es auch eine Reihe globaler Trends aufzuzählen, die eine Rolle auf dem russischen Gesundheitsmarkt spielen werden.

Als Erstes ist die Entwicklung der sogenannten 4P-Medizin („präventiv, personalisiert, präzise und partizipativ“) hervorzuheben. Genetische Tests und personalisierte Pläne für Prävention und Kur werden in Russland immer beliebter, in erster Linie in Moskau. Wir erwarten zudem, dass mit dem Wachstum des Bildungsniveaus und der Informiertheit der Bevölkerung die Nachfrage für solche Dienstleistungen weiterhin steigen und ihr Preis sinken wird. Dieser Trend wird das Wachstum auf dem Markt für Vorsorge- und Wellnessleistungen fördern und diese Dienstleistungen schließlich dem Massenmarkt zuordnen.

Digitalisierung und Uberisierung werden definitiv auch den Gesundheitsmarkt betreffen. Bereits heute kann man verschiedene Start-ups auf dem russischen Markt finden, die in der Gesundheitsbranche tätig sind, jedoch keine medizinischen Leistungen per se anbieten. Dieser neue Markt der digitalen Leistungen im Gesundheitssektor ist sehr divers und beinhaltet Cloud-Systeme für Gesundheitsprofile, Online-Arztterminvereinbarung, Fernmonitoring von physiologischen Indikatoren und Online-Beratung, Telemedizin, Web-Plattformen für Kooperation zwischen Ärzten und Patienten usw.

Diese globalen Trends werden in Russland in den nächsten Jahren umso stärker zu beobachten sein. Firmen, die sich am schnellsten an die Veränderungen der Marktlandschaft anpassen, werden besonders günstige Positionen erreichen und davon profitieren.

Entwicklungschancen für Marktteilnehmer

Es gibt heute eine Reihe an Möglichkeiten sowohl für große klassische Gesundheitsunternehmen, z.B. Kliniken, als auch für innovative Marktteilnehmer, die ihre Geschäftsmodelle weiterentwickeln wollen.

Für große Klinikketten werden die Fragen der Serviceverbesserung, der Kundenloyalität und der Kundenbindung bei Aufrechterhaltung eines angemessenen Preisniveaus aktuell wie nie sein. Das wird nicht nur innovative Marketing- und Servicelösungen, sondern auch Effizienzsteigerung in Operationen fordern.

Zum anderen erwarten wir das Aufkommen vieler unabhängiger digitaler Spieler bzw. Firmen, die ihre Lösungen in traditionelle Modelle der Gesundheitsunternehmen integrieren werden.

So oder so, für die Teilnehmer des russischen Gesundheitsmarktes ist es gerade an der Zeit, ihre Wettbewerbsstrategie angesichts der lokalen und globalen Trends zu überdenken und an aktuelle und künftige Veränderungen anzupassen.