Importsubstitution – nicht nur ein Modewort?

Bereits seit Sommer 2014 unternimmt Russland Schritte zur Intensivierung seiner Importsubstitutionspolitik. Das Land will seine Importabhängigkeit reduzieren und die heimische Industrie unterstützen. Was heißt das für unsere Mitgliedsunternehmen, die bereits seit Jahren in Russland sind und auch hier produzieren? Wir haben gefragt.

Ullrich Marschner, Generaldirektor Hochland Russland OOO

Ullrich Marschner, Generaldirektor Hochland Russland OOO

Wie bewerten Sie die Ausrichtung der russischen Regierung zur Importsubstitution? Ist das als Entwicklungschance für die russische Wirtschaft zu verstehen oder eher als Abkapselungsversuch?

Das ist wohl in allererster Linie der Versuch, den westlichen und den eigenen Sanktionen einen Impuls für die Entwicklung der russischen Wirtschaft abzugewinnen (Probleme als Chance). Insofern natürlich zu begrüßen und entspricht den ewigen Aufrufen der (westlichen) Wirtschaftsweisen, die russische Wirtschaft zu diversifizieren. Problem ist allerdings, dass ein klares Programm und natürlich auch Geld für eine Anschubfinanzierung fehlt.

Wer kann bzw. wird dadurch gewinnen?

Lokal produzierende Unternehmen, wenn sie über ein Programm und die notwendigen Investitionsmittel verfügen und Klarheit über die Marktentwicklung haben, was durchaus selten der Fall ist.

Und wer gehört zu den Verlierern?

Westeuropäische Lieferanten, sofern sie derzeit unter die Sanktionen fallen. Sie werden entweder durch einheimische oder asiatische Produkte ersetzt. Weiterer Nachteil: geringere Qualität der Produkte. Abnabelung vom Weltmarkt und damit vom Wettbewerb. Aber das ist wohl eher den westlichen Sanktionen geschuldet als den Initiativen der russischen Regierung.

Welche Chancen bzw. Risiken sehen Sie dabei für Ihr Unternehmen?

Risiko: Nichtvorhersehbarkeit der Dauer der Sanktionen. Abnabelung des russischen Milch- und Käsemarktes vom Weltmarkt. Chancen: Besetzung von Marktsegmenten.

Was sollte man dabei aus Ihrer Sicht anders machen?

Die westlichen und russischen Sanktionen sollten planmäßig, schrittweise aufgehoben werden und eine sinnvolle Balance zwischen Importsubstitution unter Nutzung westlicher Technik und westlichen Know-hows angestrebt werden.

Christoph Roehrig, Head of Market Area Russia and CIS, BASF SE Business Center Moscow

Christoph Roehrig, Head of Market Area Russia and CIS, BASF SE Business Center Moscow

Wie bewerten Sie die Ausrichtung der russischen Regierung zur Importsubstitution?

Importsubstitution ist eine gute Initiative, die – wenn richtig umgesetzt – für das Land und die Wirtschaft von Vorteil sein könnte. Durch die Importsubstitutionspolitik versucht Russland, die heimische Produktion anzukurbeln und das Risiko der Abhängigkeit von Drittanbietern zu verringern. Nichtsdestotrotz gilt das Wettbewerbsprinzip, und dieses soll auch weiterhin bestehen.

In den letzten Jahren hat Russland bedeutende Fortschritte bei der Verbesserung des Investitionsklimas und seiner Wettbewerbsfähigkeit gemacht. Maßnahmen wie der Ausbau der Infrastruktur, die Förderung bei der Lokalisierung mit Steuervergünstigungen, die Weiterentwicklung von Sonderwirtschaftszonen und andere Strategien der Marktstimulierung haben sich als sehr effizient herausgestellt. BASF würde es sehr begrüßen, wenn die russische Regierung ihre Bemühungen in diese Richtung fortsetzen würde. Aus der Perspektive ausländischer Investoren ist das die beste Methode, um die russische Industrie, inklusive der Chemieindustrie, zu entwickeln und modernisieren.

Welche Chancen bzw. Risiken sehen Sie dabei für Ihr Unternehmen?

BASF hat bereits Schritte eingeleitet, um die Produktion in Russland auszuweiten. Im Moment werden Autolacke, bauchemische Lösungen, Polyurethan-Systeme und andere Produkte lokal hergestellt. Daher hoffen wir, dass es seitens der russischen Regierung keine neuen Regulierungen geben wird, die Marktteilnehmer, die bereits in Russland investiert haben, diskriminieren, den Wettbewerb einschränken oder bürokratische Hürden schaffen. Eine solche Politik birgt für Russland langfristig das Risiko, dass viele ausländische Investoren ihre geplanten Investitionen kürzen oder deutlich reduzieren.

Welche Vorteile verspricht die Importsubstitution? Wer wird/kann dabei gewinnen?

In unserer Branche ist die Wertschöpfungskette sehr lang – von der Verarbeitung kohlenstoff-basierter Rohstoffe bis zur Fertigung des Endprodukts. Zu jedem Glied dieser Kette tragen russische und internationale Unternehmen bei. Die führenden russischen Unternehmen planen die Substitution von Basispolymer-Importen im großen Stil. Wir beobachten, dass neue Anlagen gebaut und in Betrieb genommen werden, und dass die dort hergestellten Produkte den Import derselben natürlich verdrängen werden. Firmen wie Sibur, Nischnekamskneftechim, Kasanorgsyntes und andere beherrschen nun die Produktion von Styropor und Polycarbonaten und haben die Fertigungskapazitäten für Polyolefin und Polyvinylchlorid erweitert. Im Bereich der sogenannten Grundchemikalien funktioniert die Importsubstitution recht gut. Ausländische Unternehmen wie BASF haben bereits erkannt, dass Produzenten vor Ort zu ernsthaften Wettbewerbern auf diesem Feld werden.

Klingt doch gut für Russlands Importsubstitutionsstrategen. Oder gibt es da doch gewisse Hindernisse?

Ja, wir stellen fest, dass mit zunehmender Produktionstiefe die Anzahl der Produkte, die in Russland gefertigt werden, abnimmt. Allzu oft fehlen dem Land nicht nur die Produktionsanlagen, sondern auch die notwendigen Technologien und Produkte, die innovative Lösungen erfordern. Es sind diese Lösungen, die den zehntausenden verschiedenen Industrieprodukten ihre einmaligen Merkmale verleihen. Der Rückstand in Wissenschaft und Technik ist erheblich.

Was sollte man dabei aus Ihrer Sicht anders machen?

Die Chemieindustrie ist eine Branche, in der importierte Produkte oft nicht durch heimische ersetzt werden können. In den 90er Jahren hat sich eine Vielzahl der Produkte in Russland nur deswegen besser verkauft, weil sie besser verpackt waren. Oft waren die russischen Entsprechungen genauso gut wie die importierten Produkte, doch die Verpackung war entscheidend. In der Chemieindustrie funktioniert diese Logik nicht: In Russland sind – leider – ganze Produktsegmente nicht vertreten, und hier wird die Importsubstitution Jahre und gewaltige Investitionen benötigen, um zu gelingen.

Hansjürgen Overstolz, Präsident, CEO, Robert Bosch OOO

Hansjürgen Overstolz, Präsident, CEO, Robert Bosch OOO

Wie bewerten Sie die Ausrichtung der russischen Regierung zur Importsubstitution?

Ein gesunder Reflex jeder Volkswirtschaft ist es, sich von Importen soweit wie möglich unabhängig aufzustellen. Die russische Regierung macht immer wieder deutlich, zuletzt beim Petersburger Wirtschaftsforum SPIEF-2016, dass das Land die Nähe zu Europa sucht. Der Vorschlag zur Gründung einer großen internationalen Wirtschaftsunion kam dort auch von russischer Seite. Das ist das Gegenteil von Abkapselung.

Welche Vorteile verspricht die Importsubstitution?

Die russischen Unternehmen können sich konkurrenzfähiger aufstellen, Produktivität steigern und Kapazitäten ausbauen. Auch ausländische Unternehmen, die im Inland investieren (z.B. Kooperationen, eigene Produktion) werden von Importsubstitution begünstigt.

Welche Nachteile sind zu befürchten?

Der Verbraucher verzichtet auf Importprodukte, aber die heimischen Unternehmen können sich beweisen und den Verbraucher überzeugen. Nachteile für den Verbraucher entstehen bedingt durch Preissteigerungen (fehlender Wettbewerb, zu geringe Kapazitäten) oder teilweise geringere Qualität. Dies trifft im Übrigen für alle Stufen der Wertschöpfungskette zu, nicht nur für den Endverbraucher.

Welche Chancen bzw. Risiken sehen Sie dabei für Ihr Unternehmen?

Bei Überreaktionen in der Importsubstitutionspolitik kann es zu unerwarteten Behinderungen im Warenverkehr kommen. Es bieten sich Chancen für unsere lokalen Fertigungen, da wir für staatliche Aufträge, die zunehmend Local Content verlangen, berücksichtigt werden können. Dies führt zu verstärkter Kooperation mit Firmen, die nicht von Importsubstitution betroffen sind. Auf der anderen Seite können wir – auch nach 112 Jahren Präsenz in diesem Land – nicht unser gesamtes Produktspektrum in Russland produzieren, so dass dies bei extremer Importsubstitutionspolitik Umsatzeinbruch bedeuten würde.

Was sollte man dabei aus Ihrer Sicht anders machen?

Ein Strukturwandel, der auch mit der Importsubstitution eingeleitet werden soll, kann nicht einfach staatlich verordnet werden. Wichtig ist, Rahmenbedingungen zu schaffen, die dazu führen, dass langfristig investiert wird. Hierzu gehören Rechtssicherheit, Abbau der Bürokratie und Korruption sowie ein Ausbau der berufsvorbereitenden Bildungslandschaft.

Die Fragen stellte Lena Steinmetz, AHK Russland