Russlands Privatmedizin erfährt ungewohnten Zulauf

Für deutsche Exporteure von Medizintechnik erhöhen sich die Lieferchancen. / Ullrich Umann, GTAI

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Der russische Markt für Privatmedizin wächst. Der Umfang privat erbrachter Gesundheitsleistungen ist um 24 Prozent gestiegen – von 358,5 Milliarden Rubel (5,2 Milliarden Euro) im Jahr 2013 auf 445,2 Milliarden Rubel (6,4 Milliarden Euro) im Jahr 2014. Insgesamt besuchen zwar erst acht Prozent der russischen Bürger private Kliniken. Die Tendenz ist jedoch steigend. Für deutsche Exporteure von Medizintechnik verbessern sich dadurch die Geschäftschancen.

Von zwanzig der größten privaten Klinikketten und Krankenhäuser in Russland verzeichnete fast die Hälfte (44 Prozent) eine rasante Zunahme der Behandlungszahlen im Jahr 2014. Nur bei 20 Prozent der Einrichtungen waren die Patientenzahlen rückläufig. Das ist das Ergebnis einer 2015 von Ernst & Young Russia durchgeführten Befragung unter privaten Kliniken in Russland.

Überraschend ist vor allem das Wachstumstempo. Privatkliniken registrierten 2014 einen Patientenzuwachs von 25 bis 30 Prozent. Als Gründe für ihren Erfolg gaben sie eine bessere Ausstattung mit Medizintechnik, kürzere Warte- und Behandlungszeiten sowie eine freundlichere Patientenbetreuung an. Außerdem vergütet die gesetzliche Krankenkasse OMS in den staatlichen Gesundheitseinrichtungen nicht mehr alle Behandlungen und Therapieformen im vollen Umfang.

Psychiatrie und Kardiologie mit dem höchsten Zulauf

Unter allen Fachrichtungen verzeichneten Psychiatrie und Kardiologie – gemessen an den Patientenzahlen – den höchsten Zulauf in Privatkliniken. Dies hängt mit verstärktem Stress, aber auch mit einer hektischen und ungesunden Lebensweise zusammen. In der aktuellen Wirtschaftskrise verwundert dies nicht weiter.

Jahre hat es gebraucht, bis die Umsätze in Privatkliniken spürbar gestiegen sind. Nun geschieht der größte Zuwachs ausgerechnet in Krisenjahren. Paradoxerweise liegt das gerade an der schlechten Wirtschaftskonjunktur. Der russische Staat und die Regionen müssen wegen sinkender Einnahmen sparen – auch im Gesundheitswesen.

Zahl öffentlicher Gesundheitseinrichtungen sinkt

Laut Planungen wird die Zahl öffentlicher Krankenhäuser bis 2018 um 11,2 Prozent und die von Kliniken um 7,2 Prozent sinken. Der Entwurf für den föderalen Haushalt 2016 sieht eine weitere Reduzierung der Gesundheitsausgaben um acht Prozent auf 490 Milliarden Rubel vor. Bereits 2014 und 2015 waren die Ausgaben krisenbedingt gekürzt worden. Die Zahl der im öffentlichen Gesundheitswesen beschäftigten Ärzte sank 2014 um 12.800.

Zusammen mit dem medizinischen Fachpersonal wandern auch die Patienten in private Einrichtungen ab. Erst recht, seit sich Patienten in den staatlichen Kliniken bei einigen Behandlungsformen mit Zuzahlungen beteiligen müssen. Gleichzeitig erbringen Privatkliniken immer mehr Leistungen, die mit der gesetzlichen Krankenkasse OMS abgerechnet werden können.

Laut Umfrage arbeiten schon 52 Prozent der Privatkliniken mit OMS zusammen. Diese Quote ist regional aber sehr unterschiedlich. Das hängt damit zusammen, dass regionale Gesundheitsverwaltungen die Vergütungshöhe der OMS mit ausgestalten dürfen. In der einen Region lohnt sich für Privatkliniken deshalb die Kooperation, in anderen weniger.

Vergütung durch Pflichtkrankenversicherung OMS regional unterschiedlich

Im Moskauer Raum rechnen nur 18 Prozent der befragten privaten Einrichtungen Leistungen mit OMS ab. Zum Vergleich: Der landesweite Durchschnitt liegt bei 52 Prozent. Über dem Moskauer Durchschnitt liegt der Anteil in St. Petersburg. Hier ist die Pflichtkrankenversicherung OMS insbesondere großzügig bei der Vergütung von Leistungen der Gerätemedizin.

Dabei ist wichtig zu wissen, dass St. Petersburg das landesweit wichtigste Produktionszentrum für Medizintechnik darstellt. De facto fördert die Region über den hohen Abrechnungssatz der OMS für Gerätemedizin die regionalen Hersteller.

Rückläufige Auslandsreisen bringen Zuwachs für die Privatmedizin im Inland

Der steigende Zulauf von Patienten zu den privaten Gesundheitseinrichtungen in Russland hängt auch mit der 2014 und 2015 gesunkenen Zahl von Behandlungsreisen nach Westeuropa oder in die USA zusammen. Dies ist ein Resultat der starken Rubelabwertung. Dadurch haben sich Gesundheitsleistungen im Ausland für Personen mit Rubel-Einkommen stark verteuert. Vor 2015 reisten pro Jahr bis zu 150.000 russische Staatsbürger zur Kur oder Behandlung ins Ausland und beglichen dort Rechnungen und Honorarforderungen von zusammen einer Milliarde US-Dollar.

Für das Jahr 2015 sehen erste Prognosen einen Rückgang der Zahl der Auslandsreisenden für Behandlungszwecke von 30 bis 40 Prozent voraus. Ein zweiter Trend ist das Ausweichen von Hochpreisländern wie Deutschland, Österreich oder Israel auf preiswertere Gesundheitseinrichtungen in Litauen, Ungarn, der Türkei, Indien oder Thailand.

Wenn die Privatmedizin in Russland mittel- bis langfristig weiter wächst, vergrößert sich ein Kundenkreis, der sich im Unterschied zu staatlichen Gesundheitseinrichtungen nicht um politisch motivierte Beschaffungsvorgaben, die inländische Hersteller gegenüber westlichen Lieferanten bevorzugen, zu kümmern braucht. Für deutsche Exporteure von Medizintechnik und Dienstleister bedeutet der Zuwachs in der Privatmedizin, dass ihre Geschäftschancen steigen. Denn der staatliche Gesundheitssektor bietet aufgrund der 2015 eingeführten protektionistischen Beschaffungsvorschriften nur wenige Ansatzpunkte für Liefervorhaben.