Innovative Glasfassaden für Russland

Das Gesicht russischer Großstädte wird immer mehr von zeitgenössischer Architektur geprägt. Weithin sichtbar durch technisch anspruchsvolle Fassaden aus Glas, Aluminium und Stahl.
Andreas Bachmann, OOO Josef Gartner

Aktuelles Projekt von Gartner – Lakhta Center in St. Petersburg.

Die Gebäudehülle ist ein wesentliches Gewerk anspruchsvoller gewerblicher Bauprojekte, seien es repräsentative Bürogebäude, Museen, Theater oder dergleichen. Die Fassade bildet das „Gesicht“ eines Bauwerkes und bestimmt dessen Erscheinung und damit Wahrnehmung und Identität im Stadtraum. Dabei ist das Gewerk Fassade im Bauprozess in Bezug auf Leistungsparameter und Bauablauf in einer Schlüsselstellung. An der Schnittstelle zwischen innen und außen wird über die funktionale Qualität des gebauten Innenraumes entschieden. Das Schließen der Gebäudehülle markiert den terminlichen Abschluss des raumbildenden Rohbaus, und stellt zugleich den Start der Ausbauphase eines Bauprojektes dar. Die Besonderheit des Gewerkes Fassade ist dabei, dass üblicherweise Entwicklung, Planung und Herstellung von Fassadenprodukten sowie deren Einbau auf der Baustelle in der Hand eines qualifizierten Fassadenbauunternehmens liegen.

Gartner seit 2009 in Russland

Die Josef Gartner GmbH aus dem bayerischen Gundelfingen steht als Marke für maßgeschneiderte Fassaden, entwickelt zur Realisierung innovativer Architekturideen. Beispiele dafür sind in Deutschland die BMW Welt in München, das Commerzbank-Hochhaus in Frankfurt oder die Elbphilharmonie in Hamburg. Technisch ambitionierte und geometrisch komplexe Gebäudehüllen wie der Apple Campus in San Francisco, der Roche Tower in Basel oder das Taipeh 101 in Taiwan wurden und werden in Deutschland entwickelt und in die Welt geliefert und eingebaut.

Seit 2009 ist Gartner über seine Tochtergesellschaft OOO Josef Gartner mit Sitz in St. Petersburg auch in Russland präsent. Bisher wurden in Moskaus neuem Hochhausviertel Moscow City der Evolution Tower mit einer Verdrehung der Fassade von 3,6 Grad geschossweise und das Penthouse auf dem Mercury City Tower mit auffahrbaren Toren der Abmessungen 5 x 6 Meter in um 45 Grad geneigter Einbaulage realisiert. Den Anfang in Russland machte jedoch die Glasfassade der zweiten Bühne des Mariinsky-Theaters in St. Petersburg.

Der Fassadenmarkt in Russland

Auch in Russland kann man neben dem Massenmarkt der Wohntürme und gewöhnlichen Businesscenter schöne Beispiele einzigartiger Bauwerke mit komplexen Fassaden finden. Während staatliche Programme des Wohnungsbaus weitgehend abgekoppelt von der konjunkturellen Entwicklung weiterlaufen, werden die Projekte außerhalb des Billigmarktes in direkter Abhängigkeit zur Wirtschaftslage des Landes entwickelt und gebaut. Nach der Krise 2008–2010 folgte eine kurze, aber heftige Konjunktur der Bauwirtschaft 2011–2013, welche durch die derzeitige Flaute abgelöst wurde. Auch derzeit befinden sich einige Projekte sehr bemerkenswerter Architektur in der Entwicklungsphase, vor allem in Moskau. Aber diese kommen seit 2015 kaum voran, seien sie offiziell eingefroren oder werden nur sehr langsam ohne nennenswerten Fortschritt weiter verfolgt.

Die Ausnahme vom Trend: Lakhta Center

Es gibt aber auch die Ausnahme vom konjunkturellen Trend: Lakhta Center, neue Konzernzentrale der Gazprom in St. Petersburg. Entgegen der Baukrise wird das Projekt zügig vorangetrieben, pro Woche wächst ein Geschoss in den Himmel. Gartner erhielt 2015 nach siebenjähriger Vorbereitung den Auftrag für die Fassade des Turmes, der mit 465 Metern Höhe bald das höchste Bürogebäude Europas markieren wird. Gleichzeitig ist die Fassade auch technisch von höchstem Anspruch, im Grundriss ein fünfzackiger Stern, jeweils 0,8 Grad je Geschoss verdreht, mit öffenbaren Lüftungselementen in jedem Bürogeschoss.

Lokalisierung, oft politisch getrieben und künstlich herbeigeführt, hat hier einen rein technischen Hintergrund. Die Fassadenelemente, in Form eines Parallelogramms und von Abmessungen 4,20 x 2,80 Meter, werden aus deutschen Materialien in einer Gartner-Fertigungsstätte in St. Petersburg zusammengebaut. Ein Transport aus Gundelfingen schied aufgrund der Abmessungen aus. Aber aus der Not wurde eine Tugend. Neu errichtete Produktionshallen standen in bester Auswahl zur Miete bereit. Qualifiziertes Montagepersonal konnte in St. Petersburg gewonnen und schnell unter Anleitung deutscher Kollegen für den Zusammenbau von Fassadenelementen begeistert werden. Damit betreibt Gartner heute in Russland dank der getätigten Investitionen in Menschen und Material einen seiner modernsten Produktionsstandorte weltweit. Ähnliches gilt für die Ausstattung der Baustellenbesetzung. Ein Team von 60 Mitarbeitern in der Baustellenleitung managt einen Bauablauf, der professionellsten Anforderungen nicht nur nach russischen, sondern auch internationalen Maßstäben genügt. Gemeinsames Ziel mit dem Kunden ist es, die Fassade von Lakhta Center bis zum Jahresende 2017 geschlossen zu haben, auch wenn derzeit durchaus noch etwas Turm im Rohbau fehlt.

Ausblick in eine bessere Zukunft?

Dank der ausgeführten Projekte wie Evolution Tower und Lakhta Center konnte Gartner im Markt der komplexen Glasfassaden zum Marktführer in Russland aufsteigen. Derzeit arbeiten für das Unternehmen 180 junge und hoch motivierte Mitarbeiter an den Standorten St. Petersburg und Moskau. Aber wie geht es nach 2017 weiter? Wir gehen von einem Zutreffen der Prognose aus, die für 2017 ein schleichendes Ende der Krise und ein leichtes Wirtschaftswachstum vorhersagt, was uns positiv stimmt. Im Baubereich wird der Billigmarkt bei der Erholung vorangehen, ein schneller „Return of Invest“ im Fokus der Entscheider stehen. Das Wiederaufleben einzigartiger Bauprojekte wird aber nochmals etwas länger dauern. Dabei sehen wir den klaren Trend zum Kostendruck auch bei Projekten mit schwierigsten Fassadenkonstruktionen. Das wird wohl dann zu weiteren Lokalisierungen der Lieferkette von Fassadenprodukten aus Glas, Aluminium und Stahl führen. Aber am Ende sollte auch wieder ein Markt für Fassadenprodukte aus Deutschland in Russland entstehen.