„Die russische Messewirtschaft nähert sich immer mehr westlichen Standards an“

Interview mit Svetlana Fedoseeva, Geschäftsführerin Deutsche Messe Rus OOO

Svetlana Fedoseeva, Geschäftsführerin Deutsche Messe Rus OOO

Die Deutsche Messe Rus OOO gibt es erst seit 2011. Warum denn so spät?

Eigentlich sind wir schon viel länger auf dem russischen Markt. Die Deutsche Messe AG hatte seit 1993 eine Vertretung in Russland. All die Jahre bis 2011 war es unser Ziel, hier eine vollwertige Tochtergesellschaft zu gründen. Aber für einen erfolgreichen Markteintritt reicht der Wunsch allein nicht. Man muss eine ganze Reihe von Faktoren berücksichtigen, denn in unserem Geschäft birgt der Start bei Null zahlreiche Risiken. Sobald die Lage günstig war, gaben wir die Neugründung der Deutsche Messe Rus OOO bekannt.

Was waren die Beweggründe für Ihren Eintritt in den russischen Markt?

Für ausländische Investoren und Hersteller war und bleibt der russische Markt sehr interessant. Trotz des Abschwungs der letzten Jahre ist Russland nach wie vor ein dynamischer, wachstumsstarker Markt und bietet somit vielen Unternehmen gute Möglichkeiten, hier vertreten zu sein. Wir dürfen auch den geografischen Aspekt nicht außer Acht lassen: Russland ist das größte Land der Welt, das heißt, hier gibt es einen multiregionalen Markt. Auf diesem arbeiten wir aktiv mit unseren Kollegen in den Regionen zusammen, z.B. in Jekaterinburg.


Was gibt es dort?

In Jekaterinburg findet die größte Messe in der Ural-Region statt, die Holzbearbeitungsmesse LESPROM-URAL Professional, die wir zusammen mit unserem Partner „Interregionale Messegesellschaft Ural“ ausrichten. Im kommenden September bereits zum vierten Mal. Über die Jahre hat sich die Messe zu einem großen Projekt entwickelt: Unter dem Dach der GRAND EXPO-URAL werden hier an vier Tagen parallel vier Fachmessen ausgerichtet.

Was hat sich in der hiesigen Messewirtschaft seit Ihrem Markteintritt verändert?

In puncto Professionalität nähert sich die russische Messewirtschaft immer mehr westlichen Standards an. Der Markt wächst. Aus meiner Sicht sind heute Fachmessen stärker nachgefragt, wo ganz gezielt Kunden für bestimmte Produktgruppen gesucht werden. Das ist der Standard, den wir möglichst erreichen wollen. Das größte Vorbild waren und bleiben für uns die Messen, die von unserer Zentrale, der Deutschen Messe AG, organisiert werden.

© LLC Interregional Exhibition Company-Ural
© LLC Interregional Exhibition Company-Ural

Hat sich die aktuelle Krise bei Ihnen bemerkbar gemacht?

Wie Sie vielleicht wissen, setzt sich das chinesische Wort für „Krise“ aus zwei Zeichen zusammen: „Gefahr“ und „Chance“. Sicherlich kann man den negativen Einfluss der Krise nicht leugnen. Ganz am Anfang war sie stark spürbar, als die Verkaufszahlen nach unten gingen, vor allem bei Auslandsverkäufen. Andererseits helfen Krisen bekanntlich, Kräfte zu mobilisieren, neue und effektivere Wege der Programmgestaltung der Messen zu finden, um das Interesse der Teilnehmer und der Besucher aufrechtzuerhalten. Dank der Zusammenarbeit mit dem Deutschen Haus für Wissenschaft und Innovationen in Moskau (DWIH) gewannen wir für unsere Messen einen zuverlässigen „Lieferanten“ von erstklassigen Referenten –Wissenschaftlern und Praktikern aus Deutschland. Die Themen ihrer Vorträge sind nicht nur für Profis mit langjähriger Erfahrung von großem Interesse, sondern auch für Berufsanfänger wie auch für Studenten einschlägiger Fachrichtungen.

Welche Hindernisse stehen aktuell an?

Ein großes Hindernis ist ohne Zweifel die wirtschaftliche und politische Lage der letzten Jahre. Einigen internationalen Unternehmen kamen Zweifel an der Notwendigkeit, in den russischen Markt zu investieren, auf. Dies wirkt sich natürlich auf den internationalen Charakter und die Größe der Ausstellungsflächen aus. Um dem entgegenzuwirken, setzen wir spezielle Instrumente ein, die unseren Ausstellern weiterhin maximale Gewinne ermöglichen. Ein Beispiel: Im vergangenen Jahr haben wir gemeinsam mit dem Swerdlowsker Fonds für Unternehmensförderung im Rahmen der GRAND EXPO-URAL in Jekaterinburg eine Geschäftskontaktbörse organisiert. Daran nahmen Vertreter von 30 Unternehmen aus 10 Ländern der Welt, darunter aus der Türkei, aus Deutschland, Lettland und Finnland, teil. Über 70 Unternehmen aus der Region Ural waren dabei. Im Ergebnis wurden Kooperationsvereinbarungen in Gesamthöhe von über 700.000 Euro unterzeichnet. Die Veranstaltung fand einen großen Anklang, deshalb wollen wir sie im September erneut anbieten.

Was macht Russland aus Ihrer Sicht zu einem attraktiven Messestandort?

Erstens ist es das Land selber, das ungemein interessant ist. Viele wollen wissen, wie die Menschen in Russland leben, und was für sie im Leben wichtig ist. Dann haben wir hier einen spannenden, zwar schwer berechenbaren, aber dafür einen äußerst chancenreichen Markt. Hier findet man außerdem moderne Ausstellungsflächen, und zwar nicht nur in Moskau, sondern landesweit. Und es gibt hier eine lebendige Konkurrenz.

Um was fehlt noch zum perfekten Image?

Es fehlen die gesetzliche Regulierung des Messegeschäfts und entsprechende Berufsausbildungsprogramme. Nichtsdestotrotz tun wir, genauso wie unsere Kollegen aus anderen Messegesellschaften, alles Mögliche, damit die russische Messewirtschaft sich weiter entwickelt und nicht nur finanziell ertragreich ist, sondern auch Russland als einen attraktiven Messestandort nach außen präsentiert und zeigt, dass Geschäfte mit diesem Land möglich und gewinnbringend sind.

Die Fragen stellte Lena Steinmetz, AHK Russland