„Der russische Markt ist reif für qualitativen technologischen Aufschwung“

Interview mit Pavel Gontarev, Generaldirektor SAP CIS

Pavel Gontarev, Generaldirektor SAP CIS

Darüber wurde viel geredet und nun nimmt das russische Staatsprogramm „Digitale Wirtschaft“ konkretere Umrisse an. Was erwarten Sie davon?

Der Übergang zur Digital Economy ist nicht nur wichtig, sondern für den Fortschritt der russischen Wirtschaft unbedingt erforderlich. Zum ausschlaggebenden Erfolgsfaktor entwickelt sich für die Firmen nunmehr die Fähigkeit, feinfühlig und rasch auf marktrelevante Wandlungen und veränderte Kundenbedürfnisse zu reagieren und erforderliche Transformationen vorzunehmen. Gerade hier kann die SAP entscheidende Unterstützung gewähren.

Wir bieten unseren Kunden völlig neue Verfahren und in ihrer Art einmalige Produkte an, über die in Russland niemand verfügt. Wir kreieren Lösungen im Einklang mit den wichtigsten Tendenzen der Digitalisierung – dies sind das Internet der Dinge, maschinelles Lernen und Datenverarbeitung. Diesen drei Technologiefeldern widmen wir auch besondere Beachtung.

Digitalisierung der Wirtschaft kann die technologische Entwicklung Russlands anspornen und sich als Basis für Heranbildung neuer Spezialisten bewähren. Bis 2024 will Russland seine Wirtschaft mit Digitalisierung weltmarktfähig machen.

Welche Bereiche haben dabei aus Ihrer Sicht höchste Priorität?

Das Programm zielt vor allem darauf ab, mit IT-Beistand die Wirksamkeit aller Wirtschaftszweige zu fördern. Die Entwicklung in diesem Bereich muss meines Erachtens auf drei Schlüsselvektoren basieren. Aufgabe Nummer eins ist der Aufbau einer Produktion digitaler Instrumente. Der Staat fordert die Unternehmen bereits auf, russische Software und russische Innovationsprodukte zu schaffen, indem er Entwicklungsinstitute gründet.

Der nächste Schritt ist die Förderung des Einsatzes digitaler Instrumente, und zwar sowohl durch staatliche Organisationen als auch durch private Unternehmen und die Bevölkerung. Als Option wäre denkbar, einen öffentlichen Auftrag für derartige Produkte zu gestalten oder steuerliche Vergünstigungen für diejenigen festzulegen, die in ihrer Tätigkeit Innovationen anwenden.

Zum Vektor Nummer drei sollte digitales Zusammenwirken zwischen Unternehmen, Staat und Bürgern werden. Dazu wäre es sinnvoll, Big-Data-Technologien, elektronische Signaturen und Identifizierungsverfahren zu verwenden und Schranken für die Entwicklung des Ökosystems abzubauen. Alle diese Schritte erfordern weitreichende Novellierungen in der rechtlichen Regulierung und der Gesetzgebung. Im Programm ist das vorgesehen.

Bringt dieses Staatsprogramm für die SAP und andere ausländische Unternehmen irgendwelche spürbaren Veränderungen mit sich?

Das Programm soll Voraussetzungen für die Entwicklung der digitalen Wirtschaft in Russland schaffen, aber es setzt keineswegs die Verwendung ausschließlich russischer Technologien voraus.

Wir sind nicht bestrebt, Produkte anzubieten, die in Russland entwickelt werden. Im Mittelpunkt unserer Aktivitäten stehen globale Technologien, die in Russland vorerst noch nicht verfügbar sind, und zwar wegen des Arbeitsaufwands ihrer Entwicklung im Rahmen eines einzelnen Landes.

Unsere Kunden interessieren sich immer weniger für einfache Lösungen. Am stärksten gefragte Produkte sind bei uns Projekte mit neuen Technologien. Wir haben russische Kunden, mit denen wir Projekte in den Bereichen IoT, Big Data und E-Commerce realisieren.

„Unsere Kunden interessieren sich immer weniger für einfache Lösungen. Am stärksten gefragte Produkte sind bei uns Projekte mit neuen Technologien.“ © SAP

Das SAP-Büro Moskau wurde vor 25 Jahren, in dem für Russland alles andere als einfachen Jahr 1992, eingeweiht. Seitdem ist vieles anders geworden. Auf welche Erfolge sind Sie stolz?

Wir haben in den 25 Jahren einen weiten Weg zurückgelegt, und zwar sowohl beim Ausbau unseres Geschäfts als auch unter dem Aspekt der Entwicklung des Marktes und des Landes insgesamt.

Anfang der 90er Jahre ging es primär um den Aufbau von Unternehmen als steuerbares Business. Damals bewährten sich ERP-Lösungen als Schlüsselfaktor für den Zusammenschluss territorial verteilter Gesellschaften. Es gab mehrere Benchmark-Projekte, und zwar bei TNK BP, SUAL, Surgutneftegaz und Euroset. Unser einheitliches Managementsystem fasste die gesamte geographisch verteilte Struktur zusammen und gestaltete Businessprozesse und das Verwaltungssystem des betreffenden Unternehmens. Das waren auch die wichtigsten Aufgabenstellungen in den ersten Jahren.

In der nächsten Entwicklungsphase unseres Geschäfts in Russland gewann die Aufgabe an Aktualität, einheitliche Systeme für interne Kontrolle und Buchführung nach russischen und internationalen Standards zu implementieren. Sie halfen den Unternehmen, Investoren für ihre Geschäftsaktivitäten zu gewinnen, und zwar auch ausländische Investoren, denen es auf die Transparenz aller Abläufe ankommt.

Unmittelbar darauf folgte die erste Welle echter Transformation: Wir vertieften uns nunmehr in die Schlüsselprozesse in Betrieben unterschiedlicher Wirtschaftszweige. Mit dem Internet der Dinge und den Big-Data-Methoden begann für Technologien die nächste Entwicklungsetappe. Mit diesen Instrumenten lassen sich nicht nur laufende Prozesse optimieren, sondern auch neue Ansätze für das Businessmanagement identifizieren. Dies ist eben der Entwicklungsvektor, den wir uns neben gemeinsamen Neuentwicklungen für die Zukunft vorgemerkt haben.

Die SAP ist für den russischen Markt zu einem Partner geworden, mit dem unsere Schlüsselkunden wachsen und sich wandeln. Eben diese Aufgaben stellt uns das globale Management: Wir sollen Innovationspartner sein und Spitzenreiter im Unternehmens-, darunter auch im Cloud-Segment bleiben. Unser Anteil beträgt momentan rund 50 Prozent, wir haben jedoch vor, unsere Marktpräsenz zu erweitern.

Und auf welche SAP-Produkte auf dem russischen Markt sind Sie besonders stolz?

In diesem Jahr bieten wir unseren Kunden neue Instrumente für die Lösung ihrer Businessaufgaben an, und zwar die neue Produktlinie unter dem gemeinsamen Markennamen SAP Leonardo. Dies ist ein Set von Instrumenten für das Internet der Dinge, maschinelles Lernen und Big Data, die sich mit unseren traditionellen Applikationen, in erster Linie mit SAP S/4HANA, integrieren lassen.

Prognostizierung des Reparaturbedarfs mithilfe des Internet der Dinge zählt zu jenen Projekten, die bei unseren Partnern als besonders aktuell mit am stärksten gefragt sind. Auf dem SAP-Forum wurde Predictive Analytics für Eisenbahnen vorgeführt, das auf dem Einsatz von Messgebern und Lösungen von SAP Predictive Maintenance and Service, SAP HANA и SAP Cloud Platform für Erfassung, Speicherung und Auswertung von Daten von rollendem Material und Ausrüstungen in einem einheitlichen System beruht. Eingebaute Vorrichtungen analysieren die Situation und informieren umgehend über die Notwendigkeit des Austauschs bzw. der Instandsetzung von Ausrüstungen und ändern dabei das Programm für planmäßige Reparaturen. Im Ergebnis gehen Material- und Überstundenkosten zurück, Sicherheit und Produktivität nimmt indes zu.

Eines unserer strategischen Felder sind Cloud-Technologien. Momentan entfallen darauf 15 bis 20 Prozent unseres Geschäftsvolumens, wobei dieser Anteil permanent wächst. Nach der Eröffnung eines Datenzentrums in Russland ist die Nachfrage nach unserem Cloudservice weiter gewachsen.

Wo sehen Sie Ihre größten Chancen auf dem russischen Markt?

Viele von unseren Kunden haben ihre Automatisierungsprojekte bereits vollendet und schauen nun in Richtung neuer Technologien wie Big Data und maschinelles Lernen. Viele Unternehmen schließen sich uns als Partner bei gemeinsamer Entwicklung und Implementierung von Innovationen an. Dies sind Unternehmen der Metallbranche wie Severstal und NLMK, Staatsgesellschaften wie Rostec und Banken wie die Sberbank. Der russische Markt ist reif für qualitativen technologischen Aufschwung, der sich selbstverständlich unter Mitwirkung der SAP vollziehen wird.

„Der russische Markt ist reif für qualitativen technologischen Aufschwung, der sich selbstverständlich unter Mitwirkung der SAP vollziehen wird.“ © SAP

Nennen Sie bitte ein paar Erfolgsbeispiele.

Wir haben in letzter Zeit gemeinsam mit vielen unseren Kunden in Russland Projekte in den Bereichen Internet der Dinge, Big Data und E-Commerce umgesetzt. Bei Sibur wurde ein Modell für die Prognostizierung des Volumens an Fertigprodukten aufgebaut, das auf den Big Data von den Messgebern in der Produktion basiert. Die Firma Afanassij automatisiert sämtliche Abläufe der Lieferkette vom Lager bis hin zum Kühlschrank im Laden. Mit der Pilotlösung auf technologischer Basis der SAP Cloud-Plattform lassen sich das Vorhandensein von Produkten im Kühlschrank kontrollieren, das Erscheinen von Erzeugnissen fremder Produzenten verfolgen, Temperatur und Lage überwachen sowie Daten für analytische Berichte akkumulieren.

Ich hätte nie gedacht, dass ein Stahlunternehmen seine Produkte übers Internet vertreiben würde. Severstal hat jedoch mit unserer Unterstützung einen Internetshop auf der Plattform SAP Hуbris Commerce eröffnet. Es wird immer mehr solche Erfolgsgeschichten in Russland geben.

Wie stellt sich die SAP die nächsten 25 Jahre in Russland vor?

Die SAP hat in Russland einen weiten Weg zurückgelegt. Wir sind nun bestrebt, nicht mehr als herkömmlicher Lieferant von Applikationen, sondern als Innovationspartner zu agieren. Jetzt entwickeln wir gemeinsam mit unseren Kunden Innovationslösungen. Wir wollen uns in den nächsten drei Jahren auf drei Hauptbereiche konzentrieren: Innovationen, Ökosystem und Personalschulung.

Wir bilden Personal in der Nutzung von Daten aus und arbeiten mit Hochschulen im Rahmen des neuen Programms Next Gen Lab zusammen, das Studenten die Möglichkeit bietet, in Forschungslabors zu arbeiten und Innovationsprojekte zu entwickeln. Einschlägige Labors entstehen gegenwärtig auf der Basis solcher Bildungseinrichtungen wie die staatliche Hochschule für Radiotechnik, Elektronik und Automatik, Russische staatliche Gubkin-Universität für Erdöl und Erdgas, die Higher School of Economics – in Moskau und die Universität für Informationstechnologien, Mechanik und Optik, die Staatliche Universität und die polytechnische Universität – in St. Petersburg.

Für den Fortschritt der digitalen Wirtschaft ist die Heranbildung einer großen Zahl von Spezialisten für die Nutzung und Entwicklung von Technologien unabkömmlich, und ich bin sicher, dass die SAP hierbei eine sehr wesentliche Rolle spielen wird.

Sie leiten das AHK-Komitee für Digitalisierung. Welche Themen sind denn heute besonders gefragt?

Deutsch-russische Zusammenarbeit im Technologiebereich ist Diskussionsgegenstand sowohl in der deutschen Wirtschaftsgemeinschaft als auch unter Vertretern staatlicher Strukturen. Themen, die unser Komitee beschäftigen, wurden in zwei Positionspapieren der AHK dargelegt.

Ein Dokument betrifft das Thema personenbezogene Daten und Big Data. In Russland tätige deutsche Unternehmen erkennen zunehmend die Notwendigkeit, in ihrer Arbeit Informationstechnologien zu nutzen: Es entstehen riesige Mengen an Daten, woraus sich die Notwendigkeit ergibt, alle Informationsströme gesetzlich zu regulieren. Diese Fragen werden auch auf die Agenda der Deutsch-Russischen strategischen Arbeitsgruppe für Wirtschaft und Finanzen gesetzt.

Das zweite Dokument behandelt mögliche Varianten der Regulierung von Prozessen gemeinsamer Software-Entwicklung.

Die Komiteemitglieder sind von den vielversprechenden Perspektiven deutsch-russischer technologischer Zusammenarbeit überzeugt; sie vereinigt das Potential der stärksten Unternehmen beider Länder und fördert sowohl die Erweiterung der Möglichkeiten im beiderseitigen Handel als auch erfolgreichere Weltmarktkonkurrenz. Gemeinsame Initiativen zur Entwicklung der digitalen Wirtschaft bringen bereits eine neue, positive und an beschleunigter Entwicklung orientierte Agenda in den bilateralen Beziehungen hervor.

Die Fragen stellte Lena Steinmetz, AHK Russland