„Das macht Freude, sich mit etwas zu befassen, womit man Bestehendes verbessern kann“

Interview mit Thomas Stenzel, Geschäftsführer Messe Düsseldorf Moscow OOO

Thomas Stenzel, Geschäftsführer Messe Düsseldorf Moscow OOO

Messe Düsseldorf kam als eines der ersten westeuropäischen Unternehmen auf den russischen Markt. Wann war das genau?

Das erste Mal beteiligten wir uns 1963 an einer sowjetischen Messe. Politisch war zu dieser Zeit die Situation zwischen den USA und der Sowjetunion sehr angespannt. Es wurde eine bundesrepublikanische Beteiligung an einer Messe in Moskau gesucht, das war der Auftakt für uns. Dadurch verstetigte sich das Engagement, und 1979 eröffneten wir eine Repräsentanz in Moskau. Seitdem agieren wir ununterbrochen in Russland.

Es war also von Anfang an lohnenswert?

Ja, und zwar für beide Seiten, denn zum einen war die deutsche Industrie immer an Geschäften in Russland interessiert, zum anderen war auch der Bedarf da. So wird das auch heute in Russland wahrgenommen: Sie haben beste technische Lösungen, wir haben die wertvollen Rohstoffe.

Wie hat sich der Messemarkt in Russland seit Ihrem Einstieg gewandelt?

In der Sowjetunion gab es nur eine Messeorganisation, die alle Messen an allen Standorten abbildete. Nach der politischen Wende änderte sich das. Der Markt wandelte sich insofern, dass neben der Hauptstadt Moskau sich auch andere Industriezentren als Messezentren herausbildeten und heute eine feste Positionierung im Messemarkt haben. Hier in Moskau ist Expocentre weiterhin unser stabiler Partner mit seinem zentralen Gelände in Krasnaja Presnja. Alle anderen Standorte entwickelten sich individuell, es entstanden neue Messezentren, kleine wie große. Russland ist definitiv ein Messeland, ähnlich wie Deutschland.

Wo sind Sie denn neben Moskau noch aktiv?

Wir haben Partner in St. Petersburg, Kasan und Nowokusnezk. In Nowokusnezk organisieren wir als Partner von „Kusbasskaya Yarmarka“ zusammen die führende Bergbaumesse „Ugol Rossii & Mining“. Sie sehen daran, dass Fachmessen ihren Weg in die Standorte finden, wo der Bedarf auch vorhanden ist. In Zukunft werden sich neben dem Hauptstandort Moskau auch immer mehr Regionen als Messeplatz entwickeln.

Welche Branchen werden aus Ihrer Sicht in den nächsten fünf Jähren eine wichtige Rolle im Messebereich spielen?

In erster Linie sind es nach wie vor die Technologiebranchen. Maschinenbau, moderne Kunststoffe, Chemie – das sind sicherlich unsere Kernthemen, die schon immer wichtig waren, die auch wichtig bleiben. Außerdem von Bedeutung ist der Lebensmittelbereich: Versorgung mit Nahrungsmitteln, Produktion und Export von Lebensmitteln. Der russische Konsumgütermarkt hat im Moment leider eine kleine Delle, weil die Einkommen für Importprodukte nicht reichen. Das wird sich aber wieder ändern: Der russische Verbraucher ist sehr konsumfreudig. Ich glaube, hier kann man eine große Zukunft erwarten. Das gilt im Übrigen auch besonders für russische Konsumgüter-Produzenten!

Mittlerweile sind in Russland auch andere deutsche Messeveranstalter tätig. Wie vertragen Sie sich mit ihnen?

In Deutschland stehen wir alle im Wettbewerb zueinander, und auch hier in Russland ist es so, dass jeder „seine“ Themen bearbeitet. Möglicherweise gibt es auch Berührungspunkte, ich muss aber sagen, dass Fairness hier ein großes Stichwort ist. Ich freue mich, dass die Frankfurter Kollegen genauso wie wir im russischen Verband der Messewirtschaft organisiert sind: Das zeigt, dass die deutsche Messewirtschaft auf dem russischen Markt aktiv und integriert ist.

© Messe Düsseldorf

Wie lässt es sich auf dem russischen Markt aktiv sein? Welche Herausforderungen gilt es hier zu meistern?

Jedes Land hat seine Herausforderungen. Hier haben wir z.B. ganz andere Vorrausetzungen in entfernten Standorten wie Sibirien, wo wir längere Transportwege und höhere Transportkosten einkalkulieren müssen, was sich wiederum auf die Beteiligungspreise für Unternehmen niederschlägt. Das heißt, dass die Kalkulation einer Messebeteiligung schon genauer geplant sein muss. Die größte Schwierigkeit des Ausstellers liegt allerdings in der Auswahl der richtigen Veranstaltung. Das ist nicht einfach, in so einem großen Land zu unterscheiden, welche Messe die richtige ist, denn viele Messen klingen ähnlich und versprechen die richtigen Kontakte. Für Unternehmen ist es daher sinnvoll, darüber nachzudenken, ob sie außer Moskau noch einen regionalen Standort besuchen sollten. Und genau dafür sind wir als Messegesellschaft auch da, um diese Beratung zu leisten. Wir besitzen die notwendige Expertise und können Unternehmen begleiten. Das heißt: Wir empfehlen ihnen realistische Beteiligungen, wir beraten sie, wie man Exponate an den gewünschten Ort transportiert, und worauf man besonders achten muss.

Für Sie ist es also keine Frage, ob Russland als Messestandort attraktiv ist?

Ich glaube, es wird sogar noch attraktiver. Die russische Messeindustrie ist gut geordnet, und zwar nicht nur in Moskau, sondern auch in den Regionen. Sie müssen sich die neuen Messegelände wie z.B. in St. Petersburg ansehen, und was sonst in diesem Bereich investiert und geschaffen wird. Sie werden sehen, dass das exzellente Plätze sind. Die russische Messewirtschaft hat eine große Zukunft vor sich. Das Land ist groß genug, hat Potenzial, und das ist gut sowohl für unsere Kunden als auch für die russische Industrie. Internationale Zusammenarbeit ist das Erfolgsrezept für alle Seiten: Das ist genau das, was wir auf Messen anbieten.

Gibt es etwas, was seitens der russischen Gesetzgebung geändert werden müsste, um Ihnen und anderen Messeveranstaltern die Arbeit hier zu erleichtern?

Sicher, vor allem, wenn ich direkt an die Zollgesetzgebung denke. Da ist es in Deutschland schon einfacher, Messegüter auf eine Ausstellung zu bringen. Dort können Sie Waren als Messegüter deklarieren, zur Messe bringen und auch gleich wieder ausführen. Hier ist das alles erheblich schwieriger, dafür sind Spezialisten nötig.

Das wäre allerdings praktisch der einzige Wunsch. Ansonsten sind Vertreter der russischen Politik, von föderaler und lokaler Ebene, permanent auf Messen: So bekommen diese ein sehr direktes Feedback von den Ausstellern, was gerade läuft und was nicht.

Haben Sie ein besonderes Rezept für eine gelungene Messe in Russland?

Sie können eine Messe nur machen, wenn Sie zuhören und Ihre Partner verstehen. Zuhören ist das Erste, was ein Messeveranstalter können muss. Das Zweite ist kreativ sein. Wenn man beide Zutaten vereint, bekommt man eine erfolgreiche Veranstaltung. Ich denke da gerade an unsere Modemesse und muss gestehen: Ich bin fasziniert, wie wir die CPM – Collection Premiere Moscow mit unseren Partnern und Ausstellern jedes Mal neu entwickeln.

Neben diesen beiden Zutaten, die ich nannte, gibt es aber noch etwas, was wichtig ist – gute Gelände, wie z.B. das Expоcentre in Moskau oder das private Gelände in Nowokusnezk. Ich freue mich wirklich, dass hier in diesem Bereich so viel investiert wird. Außerdem gehört dazu auch Mut – Mut der Aussteller, der ausländischen Verbände, vor allem wenn es darum geht, mittelständische Unternehmen nach Russland zu holen und sie dabei zu unterstützen. Denn die mittelständischen Unternehmen sind, wie wir es aus Deutschland kennen, die Träger der Wirtschaft und sollten – als Motor der Kreativität und der Diversifizierung – auf den Messen präsent sein.

Nicht zuletzt ist die Serviceorientiertheit das Maß aller Dinge für den Veranstalter. Das ist bei uns auch immer eines der Hauptkriterien bei der Vor- und Nachbereitung einer Messe.

© Messe Düsseldorf

Wie sieht denn die Aufteilung zwischen den westeuropäischen und russischen Unternehmen als Messeteilnehmer aus?

Wenn ich es nur nach den Ausstellern beurteile, sehe ich, dass der Anteil der russischen Firmen im Moment steigt. Wenn ich aber sehe, welche Firmen da engagiert sind, dann stelle ich fest, dass das ein gesunder Mix ist – zwischen rein russischen Unternehmen und internationalen Unternehmen, die sich hier durch Tochtergesellschaften engagieren. Die Letzteren bringen ihr Know-how in den Markt ein, wollen die Wirtschaft entwickeln, und das kann Ziel und Zweck sein, dass die großen Potenziale der russischen Wirtschaft gemeinsam erwirtschaftet werden.

Sie sprechen von großen Potenzialen, die letzten zwei-drei Jahre waren allerdings ziemlich schwierig. Spüren Sie denn keine Auswirkungen der Wirtschaftskrise?

Doch, das tun wir. Es ist gerade schwierig, den Newcomer zu bekommen, weil die Informationslage über Russland in Deutschland und in Europa eher negativ ist. Sicher ist Russland ein Land mit Herausforderungen, die aber zu meistern sind: Das beweisen die vielen Tausend Unternehmen, die hier aktiv sind, die auch hier bleiben.

Unser Problem Nr. 1 im Zusammenhang mit der Krise ist die Budgetknappheit der Unternehmen, denn so sind die Stände etwas kleiner. So ist eben die momentane Marktentwicklung, wichtig ist es aber, dass Unternehmen, die sich einmal für den russischen Markt entschieden haben, in der Mehrheit auch bleiben. Wenn die wirtschaftliche Basis Russlands wieder stärker wird, werden sich auch die Unternehmen wieder stärker auf dem Messemarkt präsentieren. Für neue Firmen heißt es Mut haben, sich an den bestehenden Strukturen orientieren und sich beraten lassen, ob bei ihren Verbänden oder bei der AHK. Letztlich ist es gewollt, dass ausländische Firmen hier investieren.

Ich kann nur sagen, dass ich gern mit unseren russischen Partnern zusammenarbeite, denn diese Zusammenarbeit ist von einem hohen Maß an Vertrauen gekennzeichnet, und das ist das, was zählt.

Sie blicken ziemlich zuversichtlich in die Zukunft.

Ja, ich bin Optimist, vielleicht ist es deswegen für mich einfacher, in diesem Bereich zu arbeiten. Wir haben es auch gut: Wir befassen uns mit der Zukunft, da die Unternehmen immer neue Ideen vorstellen! Und es macht Freude, sich mit etwas zu befassen, womit man Bestehendes verbessern kann. Genau das fasziniert mich an der Messewirtschaft: Das trägt nicht nur der Organisator, das tragen vor allem die Teilnehmer, die Industrieunternehmen, die sich dabei einen wunderbaren Wettbewerb der neuen Ideen liefern.

Das Gespräch führte Lena Steinmetz, AHK Russland