Russland setzt auf Energieeffizienz

40 PROZENT IHRES ENERGIEVERBRAUCHS SOLL DIE RUSSISCHE WIRTSCHAFT BIS 2020 EINSPAREN. GUTE GESCHÄFTSCHANSEN FÜR DEUTSCHE HERSTELLER VON UMWELTTECHNIK / GERIT SCHULZE, bfai

Russland will den Energiebedarf seiner Wirtschaft bis 2020 um 40 Prozent senken. diese Zielvorgabe hat Präsident Dmitri Medwedjew im Juni 2008 ausgegeben. In einem speziellen Erlass fordert der Kremlchef Tarifanreize und Subventionen für den Einsatz energieeffizienterer Technologien und erneuerbarer Energiequellen.

Selbst im energiereichen Russland bekommen die Bürger die weltweit steigenden Preise für Energieträger deutlich zu spüren. Benzin kostet inzwischen mehr als einen US-Dollar je Liter und ist damit teurer als in den USA. Die Preise für Strom, Gas und Wärmeenergie steigen jährlich um 20 bis 30 Prozent und reichen in entlegenen Regionen wie Tschukotka oder Magadan bereits an europäisches Niveau heran. Außerdem hat Russland erkannt, dass es profitabler ist, Energie und Energieträger teuer zu exportieren, statt im Inland zu verschwenden. Experten haben berechnet, dass die Energieintensität des russischen Bruttoinlandsprodukts doppelt so hoch ist wie im Weltmaßstab (1,8 kWh je US-Dollar gegenüber 0,9 kWh je US-Dollar im globalen Durchschnitt).

Die Zeit ist also auch in Russland reif für Energie sparende Technologien. Anfang Juni 2008 hat der Kremlchef einen Erlass "Über Maßnahmen zur Erhöhung der energetischen und ökologischen Effizienz der russischen Wirtschaft" unterzeichnet (Ukas Nr. 889 vom 4.6.08). Demnach sollen bis Oktober Gesetzesentwürfe in die Staatsduma eingebracht werden, die das Energiesparen und den Einsatz von energieeffizienteren Technologien stimulieren. Ausdrücklich erwähnt ist auch die Förderung von alternativen Energien, die durch Tarifanreize und mit staatlichen Subventionen wettbewerbsfähig gemacht werden sollen. Bislang nutzt Russland lediglich die Wasserkraft als einzige erneuerbare Energiequelle in nennenswertem Umfang. Windräder drehen sich nur an einigen Pilotstandorten (Kaliningrad), Erdwärme und Solarenergie könnten vor allem in Südrussland eine Chance haben.

Mitte Juni 2008 hat sich auch Premierminister Wladimir Putin in den Prozess eingeschaltet. Auf einer Sitzung zur Reform des Energiesektors hat er Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft aufgefordert, schnell mit der Umsetzung von Energiesparmaßnahmen zu beginnen. Zur Erhöhung der Effizienz bei der Strom- und Wärmeerzeugung schlägt Putin den Bau von modernen Gas-Dampfkraftanlagen vor. Da diese auch Abgase des Verbrennungsprozesses nutzen, kommen sie auf Wirkungsgrade von über 50 Prozent. Herkömmliche russische Heizkraftwerke erreichen lediglich 35 bis 40 Prozent.

Einsparvorschläge hat Moskau im Juni 2008 auch von der Weltbank bekommen. Wie die Organisation vorrechnet, verschwendet Russland so viel Energie, wie Frankreich allein verbraucht. Die Energieintensität der Wirtschaft sei drei bis viermal höher als in westeuropäischen Ländern. Laut Weltbank könnte Russland mit Investitionen von 320 Mrd. US-Dollar etwa 45 Prozent seines Verbrauchs einsparen. Damit kosteten Investitionen in mehr Effizienz nur ein Drittel dessen, was neue Kraftwerke mit der gleichen Kapazität verschlingen würden. Innerhalb von zwei bis drei Jahren hätten sich die Investitionen amortisiert, weil Russland die eingesparten Energieträger teuer verkaufen könne, so die Weltbank. Das größte Einsparpotenzial sehen die Experten mit über 50 Prozent des bisherigen Verbrauchs bei den russischen Privathaushalten.

Von dem gewaltigen Nachholbedarf beim Einsatz von Energie sparenden Technologien möchte Deutschland besonders profitieren. Neben Einsparpotenzialen sucht Russland auch Umwelttechnik wie Filtersysteme, Klärwerke und Müllsortieranlagen, um seine ökologischen Probleme in den Griff zu bekommen. Umweltminister Sigmar Gabriel war Anfang Juni mit einer Unternehmerdelegation in Moskau und der Region Jekaterinburg, um Geschäftskontakte anzubahnen.

Am Rande des Gabriel-Besuchs in Russland hat die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit der russischen Bank Center-Invest aus Rostow-am-Don einen Kreditvertrag über zwölf Millionen Euro abgeschlossen. Mit dem Geld können kleine und mittelständische Betriebe in Südrussland Energieeffizienz-Maßnahmen finanzieren (maximaler Finanzierungsbetrag: 250.000 Euro). Umweltminister Gabriel geht davon aus, dass durch dieses Pilotprojekt Gesamtinvestitionen von 30 Millionen Euro ausgelöst werden. Davon könnten deutsche Lieferanten von Umwelttechnik profitieren.

Um die Ausfuhren solcher Technologien zu fördern, hat die Bundesregierung im Sommer 2007 die Exportinitiative Energieeffizienz gestartet (www.efficiency-from-germany.info). Im Rahmen dieses Programms findet voraussichtlich im November 2008 eine erste Informationsveranstaltung zu Russland in Berlin statt. Dort können sich deutsche Unternehmen über Absatzchancen in der Region Tatarstan informieren.

Weiterführende Informationen zum Thema Energieeffizienz und Nutzung erneuerbarer Energiequellen in Russland bietet zudem die Deutsche Energie-Agentur (dena) auf dem Internetportal Energieforum.ru. Für Umwelttechnologien bei der Gebäudesanierung in Russland ist die Initiative Wohnungswirtschaft Osteuropa e.V. (www.iwoev.org) ein guter Ansprechpartner.

Im Juli 2008 hat die Deutsch-Russische AHK die „Arbeitsgruppe Energie und Energieeffizienz“ ins Leben gerufen. Die Arbeitsgruppe soll Informationsplattform für alle Mitglieder sein, konkrete Projekte realisieren und den Technologietransfer zwischen Deutschland und Russland fördern. Außerdem wird sie sich den Themen Ausbildung, Pr und Lobby für diesen speziellen Themenkreis widmen.