Wissenschaft kennt keine Grenzen

RUSSLAND VERSUCHT DURCH BESSERE FINANZIERUNG UND VERSTÄRKTE BETEILIGUNG BEI INTERNATIONALEN FORSCHUNGSPROJEKTEN AN SEINE TRADITIONELLE STÄRKE VON WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG AN ZU KNÜPFEN. MONIKA HOLLACHER SPRACH MIT DEM PRÄSIDENTEN DER HELMHOLTZ-GEMEINSCHAFT, PROF. DR. JÜRGEN MLYNEK.

Wie positioniert sich die Helmholtz-Gemeinschaft in Russland?

Lassen Sie mich zunächst etwas zur Mission der Helmholtz-Gemeinschaft im Allgemeinen sagen. Wir sind die Dachorganisation 15 nationaler Forschungslabors in Deutschland, die mit einem langen Atem versuchen über die Forschung die großen gesellschaftlichen Heraus-forderungen unserer Zeit zu meistern. Uns interessieren ausgewählte Themen, von denen wir glauben, dass sie gesellschaftlich für unsere Zukunft wichtig sind: Dazu gehören Energie, Gesundheit, Erde und Umwelt, Verkehr und Weltraum, Schlüsseltechnologien und die Struktur der Materie.
Der zweite Punkt ist die Bereitstellung einer komplexen Forschungsinfrastruktur, modernsten Technologieplattformen und einzigartigen Großgeräten für die nationale und internationale Forschungsgemeinde.
Der dritte Punkt ist der Transfer von Wissen und Technologie in eine Anwendung, die zur ge-sellschaftlichen oder wirtschaftlichen Wertschöpfung beiträgt.
Was bedeutet das für unsere Tätigkeit in Russland? Wir sind eine Organisation, die inter-national hochgradig vernetzt ist. Gerade bei den wissenschaftlichen Großgeräten haben wir eine weltweite Nutzergemeinde, zu der Russland immer gehört hat und auch heute gehört.


Auch zu sowjetischer Zeit?

Eigentlich immer. Das Gute an der Wissenschaft ist, dass sie keine Grenzen kennt. Auch zu Zeiten des Kalten Krieges gab es immer einen Wissenschaftleraustausch zwischen Ost und West. Auch was die Nutzung solcher Großgeräte betrifft.
Neben der internationalen Nutzergemeinde, ist der Austausch von Personen ein weiteres internationales Element unserer Arbeit. In Verbindung mit der Forschungsinfrastruktur, egal wo sie sich befindet, gab es immer schon einen regen Austausch von Wissenschaftlern, ein-schließlich der Doktoranden.
Zur Zeit des Kalten Krieges haben unsere russischen Kollegen versucht eine gute Forschungsinfrastruktur aufrecht zu erhalten. Das war nicht überall möglich, aber an einigen Orten ist das auch mit Hilfe von Devisen gelungen. Nach dem Ende des Kalten Krieges folgten 16 bis 17 Jahre in denen es der Wissenschaft sehr schlecht gegangen ist. Es wurde nichts weiter entwickelt oder modernisiert, es wurden keine Technologieplattformen bereit-gestellt, die letztendlich notwendig sind, um über Grundlagenkenntnisse zu Anwendungen und schließlich zu Ausgründungen und neuen Unternehmen zu kommen. Das heißt, es gibt einen riesigen Nachholbedarf.

Und wie stellt sich die Situation gegenwärtig da?

Mittlerweile hat Russland erkannt, dass an die traditionelle Stärke von Bildung, Ausbildung, Wissenschaft und Forschung angeknüpft werden muss. Was wir merken ist, dass aus den erheblichen Einkünften aus dem Verkauf von Rohstoffen, jetzt auch wieder ein Teil in die Bemühungen Anschluss an internationale Forschung und Entwicklung zu finden, fließt.

Um welche Projekte geht es konkret?

Konkret geht es um zwei Großprojekte: Das ist der europäische Röntgenlaser in Hamburg, X-ray Free Electron Laser, kurz European XFEL. Ein 3,4 Kilometer langer Beschleuniger für Elektronen, der kohärente Strahlung im kurzwelligen Röntgenbereich erzeugt und damit ganz neue Möglichkeiten zur Materialuntersuchungen und für die Strukturbiologie eröffnet. Das andere ist die „Facility for Antiproton and Ion Research“, FAIR, eine Kombination aus Be-schleunigern und Ringspeichern für geladene Teilchen bis hin zu schweren Ionen in Darm-stadt. Mit FAIR können wir experimentell erkunden, wie die Kernbausteine zu Ihrer Masse kommen und die Entstehung der schweren Elemente verstehen und einen Einblick in die Frühzeit des Universums gewinnen. Die Kosten bei beiden Projekten betragen ungefähr eine bis 1,2 Milliarden Euro.


Die Kosten für diese Projekte werden zu einem großen Teil von Deutschland getragen, 25 Prozent von den Europäischen Partnern (15 Nationen). Russland wird sich daran über-proportional stark beteiligen und ist bereit, für den XFEL in Hamburg 250 Millionen zu be-zahlen und sich bei FAIR mit 180 Millionen zu beteiligen. Das ist ein klares Signal, dass man sich bei internationalen Projekten viel stärker engagieren will als in der Vergangenheit. Außerdem will man, weil ja die Beteiligung auch „In-kind-Beiträge“ vorsieht, also die Lieferung von Hardware, Gerätschaften, die in Russland gebaut werden, die Technologie im eigenen Land weiter bringen, um dann in zehn bis 20 Jahren wieder einmal ein Großprojekt für die internationale Wissenschaftsgemeinschaft in Russland bauen zu können.


Ein weiterer Aspekt bei solchen Projekten ist das Training junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Gerade diese internationalen Großprojekte sind für die Qualifizierung des Nachwuchses geeignet. Man bewegt sich in einem hochkomplexen Umfeld, in dem alles gut  zusammen spielen muss. Es wird zwar nur ein Teilaspekt bearbeitet, dennoch ist man Be-standteil eines großen Ganzen. Die jungen Leute lernen viel über Projektmanagement, ent-wickeln in einem internationalen Umfeld Sprach- und Sozialkompetenz. Man lernt modernste Technologie kennen. Es ist also nicht nur eine intellektuelle Herausforderung, es werden auch Leute auf höchstem Niveau für Führungsaufgaben trainiert, die man dann wieder im eigenen Wissenschaftssystem oder auch in der Wirtschaft einsetzen kann. Aus jedem teilnehmenden Land können sich Forschergruppen mit Projektanträgen, die von einer Kommission unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten ausgewählt werden, bewerben.

Wo sind Sie mit Büros vertreten?

Wir haben in Brüssel ein Büro, weil wir sehr daran interessiert sind, Projekte auch über die Europäische Union zu finanzieren. Dabei sind wir übrigens sehr erfolgreich. Außerdem haben wir seit 2005 ein Büro in Moskau und eins in Peking.

Das ist sehr selektiv. Warum in Moskau?

Weil wir das Gefühl hatten, in Russland mehr dafür tun zu müssen, um die wissenschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland auf das Niveau zu bringen, das wir für wünschenswert halten. Mit anderen Ländern, wie z.B. den USA haben unsere Wissenschaftler und Zentren seit Jahrzehnten hervorragende Beziehungen - auch ohne uns. Teilweise sind unsere Zentren sogar mit eigenen Büros vertreten, so wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Washington.
Wir glauben, dass Russland und China im Hinblick auf eine strategische Partnerschaft für die Zukunft wichtig sind.

Wie beurteilen Sie die materielle Ausstattung Ihrer Partner?

Es muss noch sehr viel in Geräte, in Technologieplattformen und moderne Ausstattung in-vestiert werden. Teilweise auch in die Grundausstattung.
Ein weiteres großes Problem ist die Bezahlung der Mitarbeiter. Der öffentliche Bereich ist noch nicht wettbewerbsfähig. Die meisten Absolventen gehen in die Wirtschaft. Das ist bis zu einem gewissen Maß auch in Ordnung. Aber mancher würde gern in der Forschung bleiben, wenn es sich finanziell rechnen würde. Die Einkommenslücke zwischen Doktoranden- und Postdoktorandengehältern und der Wirtschaft muss so weit es geht geschlossen werden.

Es werden zurzeit Milliardenbeträge für Anwendungen bereitgestellt. Was halten Sie von der Idee, durch massive finanzielle Unterstützung den Wissenschaftstransfer in die Wirtschaft voranzutreiben?

Das ist vor allem dann interessant, wenn man auf eine herausragende Grundlagenforschung aufsetzen kann. Ich denke, es würde sich für Russland lohnen, noch fünf bis zehn Jahre ver-stärkt in Forschung und Ausbildung zu investieren, um dann einige Excellence Center aufzu-bauen. Denn in jedem Fall braucht ein Hightech Unternehmen, egal was es herstellt, ent-sprechend gut und zeitgemäß ausgebildete Mitarbeiter.