Russland fordert sehr viel Zeit

MONIKA HOLLACHER SPRACH MIT DEM ARCHITEKTEN SERGEI TCHOBAN ÜBER ARCHITEKTUR UND BAUEN IN RUSSLAND.

Moskau: Spielwiese für Architekten. Wohin geht der Trend?

Die Stadt hat sich in den letzten 100 Jahren sehr heterogen entwickelt. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Moskau fast nur zweigeschossige Bauten. Für europäische Städte ist das sehr selten und hat damit zu tun, dass St. Petersburg bis zur Oktoberrevolution 200 Jahre lang die russische Hauptstadt war. Die Rückkehr des Hauptstadtstatus wirkte sich sehr stark auf die Entwicklung der Moskauer Innenstadt aus. Im Stadtbild entstanden große Risse. Neben einem sehr kleinen Haus wuchs ein Hochhaus empor, für den Bau eines einzigen großen Regierungs-gebäudes wurde ein ganzes Stadtviertel abgerissen.


In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Städtebau der großen Kontraste angelegt und wurde zum Gestaltungscode der Stadt. Er verleiht dem heutigen Stadtbild seinen unver-wechselbaren Charme und unterscheidet Moskau von Städten, die sich homogener entwickelt haben. Sicher hat es auch in homogeneren Städten wie z.B. Petersburg, Barcelona und Rom Veränderungen gegeben, aber nirgends sind sie so gravierend und kontrastierend wie in Moskau. Dieser Stil wird bis heute sowohl im Zentrum also auch in den Außenbezirken fortgesetzt.

Sie sind gebürtiger Petersburger und bauen jetzt wieder viel in Ihrer Heimatstadt.


Ja, natürlich kenne ich Petersburg sehr gut. Ich verstehe, dass der städtebauliche Designcode ganz anders ist und ganz andere Aufgaben an den Architekten stellt. Die Herausforderung für einen Architekten hängt aber nicht von der Größe eines Projekts ab. Ein Gebäude wirkt nicht durch die Zahl seiner Quadratmeter herausragend, sondern durch seine einzigartige Gestaltung. So gibt es in Moskau ein Haus auf dem Tschistoprudnyj Boulevard das ganz phantastisch ist: Die Fassade ist mit Figuren, die der Demetrioskathedrale in Wladimir nachempfunden sind, verziert. Jeder kennt dieses Haus. Es ist weder hoch, noch sonst auffällig, aber es hat dieses einzigartige gelungene Merkmal. Die Größe der Aufgabe hat nichts mit der Qualität der architektonischen Aussage zu tun. Im Gegenteil, je größer die Aufgabe, desto schneller kann man sich stilistisch vergreifen. Die Fertigstellung dauert bei Großprojekten viel länger, Ideen haben aber die Tendenz sehr schnell zu altern und diesem Alterungsprozess muss man etwas sehr Starkes entgegensetzen. Bei kleineren Häusern kann man mit wenigen gelungen Details in der Fassadengestaltung oder der Gestaltung der Erdgeschosszone positiv auffallen.


Welchen Unterschied sehen Sie zwischen russischer und westlicher zeitgenössischer Architektur?


Das Klima in Russland ist ganz anderes als in Westeuropa. Architektur reagiert sehr stark auf diesen Faktor. Vieles was im Westen gut aussieht, wirkt hier nicht. Der ganze Minimalismus, der nur auf feinsten Unterschieden zwischen Materialien, Gliederung und Einfügungen aufbaut, funktioniert hier aus meiner Sicht schlecht, weil das Klima aggressiv ist, weil das Licht sehr ge-dämpft ist, weil die großen Kontraste einer Großstadt wie Moskau es nicht immer ermöglichen, auf solch feine Unterschiede aufmerksam zu machen. Hier muss man andere Mittel finden. Nehmen wir z.B. das Thema Farbe: Auch in der Geschichte war russische Architektur immer sehr farbintensiv, das liegt an den Lichtverhältnissen und dem langen dunklen Winter.
Russland ist ein riesiges Land mit einer sehr starken eigenen künstlerischen Tradition. Vieles kommt aus der byzantinischen, östlichen, zentralasiatischen Tradition. Ein reiner Architekturimport würde dem russischen Wetter und der russischen Kultur nicht standhalten. Man muss auf die kulturellen Eigenschaften, die Russland ausmachen, reagieren. Architektur und Kunst müssen die Eigenständigkeit einer Kultur unterstützen und dürfen nicht zu einem Einheitsbrei verkommen.
Dass die Länderkooperationen im Zuge der Globalisierung größer werden, ist selbstverständlich. Trotzdem gibt es kulturelle Großbereiche und Russland ist einer davon. Nehmen wir z.B. die chinesische Kunst: Sie ist zu einem internationalen Renner geworden, eben weil sie so eigen-ständig ist und aus einer Tradition kommt, die lange abgeschottet existiert hat. Das ist der Vorteil, wenn Kunst nicht in einem Welttrend aufgeht, sondern kulturelle Individualität behält, das gibt ihr Substanz.
Ich hoffe, dass die russische Architektur ihre Individualität in Zukunft bewahren wird. In der archi-tektonischen Tradition sehe ich sehr viele Facetten, die weiter entwickelt werden könnten, wie z.B. Farbigkeit, Reliefstärke, Emotionalität. Alle haben in erster Linie mit physischen Eigenschaften zu tun: Natur, Klima, Licht - eben das, was Russland von Westeuropa unterscheidet. Es ist ein Prozess der Erneuerung, des Suchens und teilweise auch des wieder Verwerfens, weil möglicherweise etwas zu kitschig geworden ist oder zu nah an der Tradition anknüpft und des-halb zum Abklatsch verkommt. Dabei muss Architektur nicht unbedingt immer einer Tradition folgen, sie kann auch im Kontrast dazu stehen, aber es muss in jedem Fall eine absolut individuelle Antwort auf das sein, was hier vorgefunden wird.


Wie kommt man in Russland an seine Aufträge?


Erstens haben Architekturdienstleistungen in Russland immer noch keine hohe Qualität. Der Architekt ist einerseits Künstler, andererseits Dienstleister. Er muss verstehen, was der Bauherr will. Gerade die deutsche Schule ist in dieser Richtung sehr gut. Die deutschen Architekten haben immer unter sehr strengen Bedingungen gearbeitet, auch wirtschaftlich gesehen. Die Genauigkeit der Aufgabenlösung ist immer groß. Ich habe in Deutschland gelernt und lerne immer noch, sehr genau hinzuhören, was eigentlich notwendig und gefragt ist und dann die Aufgabe dement-sprechend zu erfüllen. Durch die Qualität der Dienstleistung, die man durch diese westliche Schu-le mitbringt, kann man sich auszeichnen und empfehlen. Selbstverständlich will ich auch gute Architektur machen, aber was gut ist, ist Geschmackssache. Wichtig ist vielmehr pünktlich zu sein und seine Lösungen technisch so auszurichten, dass sie realisierbar sind. Das hängt oft von Kleinigkeiten ab, die man richtig analysieren muss. Man muss den Bauherrn richtig verstehen.

Wie sieht es mit öffentlichen Ausschreibungen aus?


Bisher nehmen wir kaum an öffentlichen Ausschreibungen teil. Das hat sich so ergeben: Zurzeit beteiligen wir uns an einigen öffentlichen Ausschreibungen von Bebauungsplänen. Außerdem haben wir uns gemeinsam mit meinem Petersburger Partner, Ewgenij Gerasimow, an der Aus-schreibung des neuen Petersburger Rathaus beteiligt, das wir jetzt auch bauen. Allerdings handelte es sich dabei nicht um eine rein öffentliche Ausschreibung, es ist vielmehr ein Leasing-modell: der private Bauherr hat mit der Stadt zusammen die Ausschreibung durchgeführt und gemeinsam entschieden. Unser direkter Auftraggeber ist der private Bauherr, der später das Ge-bäude an die Stadt per Leasingvertrag übergibt  aber die Details sind mir nicht bekannt.
Insgesamt werden jetzt sehr viele Wettbewerbe in Moskau und St. Petersburg ausgeschrieben, und offensichtlich funktioniert das mittlerweile sehr gut. Öffentliche Ausschreibungen sind mittler-weile in Moskau und St. Petersburg gut etabliert und werden sowohl von den Auftraggebern als auch von den Auftragnehmern als notwendig und gut erachtet.

In Russland wird oft die Qualität der Bauleistungen bemängelt.


Es stimmt, dass die Qualität bei weitem noch nicht ausreichend ist. Das betrifft vor allem den Innenausbau und die Fassadengestaltung.

Der Architekt kann dem aber entgegensteuern, indem er bestimmte Details gar nicht erst entwickelt, dass heißt, man passt sich den Gegebenheiten im positiven Sinne an und versucht, mit einfacheren Details die notwendige Genauigkeit zu er-reichen. Man denkt sich also keine Nullfugen oder Nullanschlüsse, die eine besondere Qualität erfordern, aus. Das ist das eine. Das zweite ist, dass viele Materialien und ausländische Hersteller hier noch unbekannt sind. Man muss versuchen, diese Produkte einzuführen und be-kannt zu machen, um so die Palette der Gestaltungsmöglichkeiten breiter zu gestalten. Dafür muss sich der Architekt einsetzen und die Bauausführer an diese Materialen heran führen.


Ich selbst bin ein Materialfetischist. Ich denke immer an die Anwendung neuer Materialien,. Ich habe mit Ewgenij Gerasimow zum ersten Mal Kalkstein verwendet; das war damals eine Neuheit. Die Firmen waren völlig überrascht, dass so etwas überhaupt funktionieren kann. Jetzt propagieren sie Kalkstein. Wir bauen aber in Petersburg auch schon eine andere Fassade aus einer glasierten Keramik, nach Vorbildern vom Beginn des 20. Jahrhunderts.
Wir versuchen neue Techniken einzuführen und zu zeigen, wie sie angewendet werden. Wir be-mühen uns auch, neue Hersteller in Russland zu etablieren. Das ist ein ständiger Lernprozess, aber russische Firmen lernen gern, weil es letztendlich ein Marktvorteil ist. Und so gehen wir immer weiter. Gerade planen wir eine sehr schöne aus Stein gefräste Fassade. Dafür braucht man besonders harte Steine, die im hiesigen Klima einer Fräsung standhalten.


Was würden Sie deutschen Architekten empfehlen, die in Russland aktiv werden wollen?


Auf Grund der vielen spezifischen Eigenschaften, die Russland hat, braucht man Architekten, die Russland viel Zeit widmen. Als St. Petersburg im 18. und 19. Jahrhundert gebaut wurde kamen einige Architekten nach Russland, die im Westen gar nicht so bekannt waren, sich aber mit ihrer ganzen Kraft und Leidenschaft dem Land widmeten und damit auch erfolgreich waren. Denn in Russland muss man länger leben und länger warten bis etwas fertig wird oder ein Prozess eingesetzt hat. Ein Beispiel ist Quarenghi, der im 18. Jahrhundert in einer sehr schweren Situation phantastische Sachen geschaffen hat, weil er sich diesem Land ganz gewidmet hat.
Man kann in Russland nicht auf der Durchreise zwischen Peking und Dubai bauen. Man muss bestimmte Mechanismen kennen, wissen wie man Ideen durchsetzt. All das erfordert viel Zeit. Deshalb lehne ich für mich weitere Tätigkeitsfelder außerhalb von Westeuropa und Russland ab. Wenn man jedoch Zeit und Verständnis mitbringt, ist Russland ein guter Markt. Und ich kenne viele Architekten, die ähnlich denken, darunter auch Deutsche, wie z.B. Erasmus Eller, der hier sehr aktiv ist und dessen Position, wenn ich ihn richtig verstehe, genau diese ist und er ist damit sehr erfolgreich.

Sergei Tchoban wurde in St. Petersburg geboren. Er studierte Architektur an der Kunstakademie der UdSSR in Leningrad und arbeitete anschließend als Architekt in Russland. 1992 siedelte er nach Deutschland um und erhielt die deutsche Staatsbürgerschaft. Seit 1995 ist er Partner im Büro nps tchoban voss (vormals & Partner), Hamburg/Berlin/Dresden. 2004 gründete er ein Büro in Moskau und ist Kurator und Teilnehmer mehrerer Ausstellungen im In- und Ausland. Tchoban ist Mitglied der American Society of Architectural Illustrators.
Einem größeren Publikum wurde Sergei Tschoban durch den Bau des Federation Tower (Fertigstellung 2009) in Moskau, den er gemeinsam mit dem Hamburger Architekten Peter Schweger entwarf, bekannt.