Deutsche Logistiker punkten in Russland

DER FLORIERENDE EINZELHANDEL SOWIE IMPORTIERTE MASCHINEN UND Kfz-TEILE AUS WESTEUROPA KATAPULTIEREN RUSSLAND IN DIE RIEGE DER WICHTIGSTEN LOGISTIKSTANDORTE WELTWEIT / VON BERND HONES, bfai

Der russische Markt ist insbesondere für deutsche Logistiker, Planer und Errichter von Lagerhallen sowie für Spediteure interessant. Denn wenn ihre Kunden aus Deutschland, Frankreich oder Italien auch auf dem russischen Markt einsteigen, übernehmen sie dort ebenfalls die Logistik. Mittlerweile bauen sogar immer mehr russische Firmen auf deutsches Logistik-Know-how.

Vier Züge der Deutschen Bahn - vom ersten bis zum letzten Waggon beladen mit Kfz-Teilen - fahren täglich aus der Slowakei und der Tschechischen Republik zum weißrussischen Bahnhof Brest. Dort übernimmt die russische Eisenbahngesellschaft Transkontainer die Güter und bringt sie zum VW-Werk nach Kaluga. Ab Ende August sollen es sogar sieben Züge pro Tag sein, sagt Michael Hess, stellvertretender Geschäftsführer bei Schenker in Russland. "Großprojekte wie diese sind nur mit der Bahn möglich, oder per Schiff.“ Auf diese Weise bekommt auch das Ford-Werk in St. Petersburg seine Komponenten für neue Pkw.

Die Automobilbranche in Russland ist einer der wichtigsten Kunden deutscher Speditionen und Logstiker. Kein Wunder: Um Einfuhrzölle zu umgehen, Marktbarrieren zu sprengen und besser auf spezielle Kundenwünsche eingehen zu können, fertigen immer mehr internationale Automobilkonzerne vor Ort. Und weil sie den überwiegenden Teil ihrer Komponenten aus Europa beziehen, sind Just-in-Time-Lieferungen sehr gefragt.

Und genau damit haben deutsche Logistiker mehr Erfahrung als russische. Entsprechend groß ist der Zulauf. Schenker beispielsweise hat einen Kundenstamm von mehr als 700 Unternehmen in Russland. Dazu zählen natürlich nicht nur Industriebetriebe wie VW, sondern auch Handelshäuser wie etwa Metro. Für Waren, die mit dem Lkw und nicht via Schiff oder Bahn nach Russland gelangen, betreibt Schenker neben einem 35.000 qm großen Logistikzentrum und einer Reihe von Pufferlagern in der russischen Hauptstadt auch noch kleinere Umschlagpunkte in den 40 größten Städten des Landes. Russlandweit hat Schenker 600 Mitarbeiter.

Sobald die Waren am Sammellager 30 km südlich von Moskau ankommen, werden diese entweder zwischengelagert oder gleich über die Cross-Docking-Halle auf russische Lastwagen verteilt. Diese fahren mit der Fracht - nach Bestimmungsorten sortiert - zu den Umschlagpunkten in der Provinz. Kleinere Lkw bringen die Güter schließlich an ihren finalen Bestimmungsort.

Russland ist zwar ein stark wachsender Markt, aber wer dort erfolgreich sein will, muss sich auf Schwierigkeiten gefasst machen. Gewaltig klafft die Schere zwischen der Produktivität von Lagerarbeitern, Büropersonal und sachkundigen Managern und deren steigenden Lohnforderungen. Außerdem müssen sich westliche Logistiker auf kurz entschlossene Kunden gefasst machen: Viele Einzelhändler bestellen erst dann neue Waren nach, wenn ihre Regale bereits leer sind. Dann aber soll es schnell gehen. Darum halten Logistikdienstleister in der Regel mehr Waren auf Lager, als dies in Deutschland der Fall ist. Eines der wichtigsten Probleme sind die horrenden Mietpreise für Lagerhallen: Wegen der großen Nachfrage und des geringen Angebots an erstklassigen Flächen gehören die Mietpreise zu den höchsten weltweit. "Nur London City ist teurer", sagt Hess.

Der landesweit durchschnittliche Mietsatz liegt bei 125 bis 130 US-Dollar pro Quadratmeter und Jahr. Im Umkreis von Moskau kostet die Miete von 1.000 Quadratmeter Lagerfläche sogar bis zu 200.000 Euro.

Trotzdem lohnt sich der Aufwand: In den nächsten zehn Jahren will Hasenkamp den Umsatz verdoppeln. Auch für den deutschen Schenker-Konzern ist der russische Markt sehr attraktiv. Die russische Schenker-Tochter hat 2007 rund 90 Millionen Euro umgesetzt. "Seit 2004 steigen die Umsätze jährlich um 30 Prozent", sagt Hess.

Die hohen Mietpreise locken sowohl Architekten als auch Betreiber von Logistikzentren. So wie das Hamburger Familienunternehmen Garbe. "Wir wollen noch in diesem Jahr das Grundstück für ein neues Garbe-Logistikzentrum sowie eine vermietete Bestandsimmobilie kaufen", sagt Russland-Geschäftsführer Sascha Kalb. Je höher die Anforderungen der Nutzer neuer Logistikimmobilien sind, desto besser stehen die Geschäftschancen für deutsche Planer und Architekten, meint Niko Rickert, Vorstandsmitglied des Klubs deutscher Architekten und Ingenieure in Moskau. Manchen russischen Büros fehle es noch am nötigen Know-how, alle an der Planung beteiligten Parteien zu kombinieren, so Rickert. Dazu gehören Planer der externen und internen Verkehrsinfrastruktur, die Forschungs- und Logistikplaner sowie die Experten für die Automatisierungs- und Containerlogistik ebenso wie die Architekten.

Im Jahr 2007 wurden etwa 1,5 Millionen qm Lagerflächen neu gebaut, 2008 sollen es zwei Millionen qm sein. Die meisten neuen Flächen entstanden in der Hauptstadt, in vielen Regionen gibt es dagegen noch überhaupt kein Angebot. Deswegen dürften vor allem die Regionen für Entwickler von Logistikzentren von Interesse sein - zumal diesen Weg auch die großen europäischen Handelshäuser einschlagen.