Arbeitsmarkt gibt Wachstumsimpulse

Die weltweite Finanzkrise hat erhebliche Auswirkungen auf den russischen Arbeitsmarkt. / Christian Tegethoff, Kienbaum Moskau

Die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt haben sich im Vergleich zum Sommer vergangenen Jahres praktisch umgekehrt. Bis in den Frühherbst hinein konnten wechselinteressierte Kandidaten potenziellen Arbeitgebern ihre Bedingungen praktisch diktieren. Inzwischen herrscht aber eine neue Bescheidenheit, die sich beherzte Unternehmer zunutze machen können.
Grund zur Bescheidenheit auf Arbeitnehmerseite gibt es reichlich, waren zu Ende Januar 2009 doch offiziell 6.100.000 Russen arbeitslos gemeldet. Hinzu kommen diejenigen Personen, die zwar noch offiziell bei ihrem jeweiligen Arbeitgeber beschäftigt sind, sich faktisch aber in unbezahltem Urlaub oder in Kurzarbeit befinden.


Wie überall sind auch in Russland die Baubranche, die Automobilindustrie und der Finanzsektor besonders schwer betroffen. Autos sind angesichts der Kreditklemme, des Rubelverfalls gegenüber Euro und Dollar sowie wegen der realen Einkommenseinbußen der Bevölkerung  schwer verkäuflich; ein Umstand, der ausländische und einheimische Produzenten gleichermaßen betrifft.
Fast die Hälfte aller in den Branchen Immobilien, Bau und Finanzen tätigen Unternehmen hatten bereits Ende Dezember 2008 in einer Umfrage der Pyndex Group angegeben, ihren Mitarbeiterbestand im Vergleich zum Hochsommer teils erheblich reduziert zu haben. Lohn- und Vergünstigungskürzungen gehörten in den vergangenen Monaten zum Standardprogramm fast aller russischen Firmen.
Von der Misere betroffen sind nicht nur Arbeiter, die etwa in der Produktion oder auf dem Bau tätig sind. Auch Managergehälter werden gekürzt, Boni und geldwerte Zusatzleistungen gestrichen, Organisationen auf Führungsebene verschlankt und Stellenpläne rationalisiert. Kein Unternehmen ist in den vergangenen Monaten ungeschoren davongekommen, weder im boomverwöhnten Moskau, noch in Regionen wie dem schwerindustriell geprägten Ural.


Ob in Togliatti, Krasnodar, St. Petersburg oder Tscheljabinsk – überall trifft man auf russische Manager, die aufgrund der Probleme ihrer Unternehmen freigesetzt worden sind oder deren Vergütung um bis zu 50 Prozent gesenkt wurde. Manche Firmen sind sogar dazu übergegangen, Gehaltszahlungen zu verweigern oder auf unbestimmte Zeit zu verschieben – ein Gebaren, das bei vielen Russen ungute Erinnerungen an die 1990er Jahre weckt.


Die russische Mittelschicht sieht sich zurzeit von verschiedenen Seiten zugleich bedroht. Wer im vergangenen Sommer einen Hypotheken- oder Verbraucherkredit aufgenommen hat, etwa zum Kauf eines Neuwagens, zahlt jetzt kräftig drauf: Zu den ohnehin schon zweistelligen Zinsaufschlägen kommen erhebliche Aufschläge durch den Rubelverfall. Denn Kredite werden im Normalfall auf Dollarbasis ausgelegt. Wer gleichzeitig aber Rubel verdient, hat das Nachsehen. Gehaltseinbußen schmerzen in solch einer Situation doppelt.


Die neuen Rahmenbedingungen haben für die Personalrekrutierung verschiedene Konsequenzen: Erstens ist die Wechselbereitschaft von Kandidaten, die in einem stabilen Unternehmen tätig sind, neuerdings äußerst gering. Kaum jemand ist bereit, eine vermeintlich sichere Position zu räumen, auch wenn finanzielle Vorteile winken – die Stabilität eines Unternehmens ist wieder Wunschkriterium Nummer eins. Das ist eine gute Neuigkeit für die fluktuationsgeschädigten Arbeitgeber in Russland, aber eine schlechte für Firmen, die bei gut aufgestellten Wettbewerbern rekrutieren wollen.
Ingesamt sind die Vorzeichen aber trotzdem äußerst günstig für Unternehmen, die antizyklisch handeln und in der Krise Personal aufstocken wollen. Denn es sind eben nur die wenigsten potenziellen Kandidaten, die in krisensicheren Positionen beschäftigt sind; die weitaus meisten sehen ihren Arbeitsplatz gefährdet oder hatten in jüngster Zeit finanzielle Einbußen zu verkraften. Sie können sehr wohl für ein expandierendes Unternehmen interessiert werden, das in der Krise Mut zu Investitionen zeigt und zu einem langfristigen Engagement in Russland entschlossen ist.


So nutzt eine ganze Reihe von Unternehmen die Möglichkeiten, die sich im Zuge der Krise bieten. Unternehmen mit finanziellen Spielräumen zur Expansion profitieren von gesunkenen Mieten für Büro- und Gewerbeflächen, niedrigeren Preisen für den Einkauf von Bauleistungen und eben auch von der veränderten Situation auf dem Arbeitsmarkt. Unternehmer mit langem Atem bauen jetzt gezielt ihre Marktpositionen aus, um vorn mit dabei zu sein, wenn der Aufschwung wieder einsetzt.
Derartige Firmen finden sich im Einzelhandel: Prominente Beispiele gibt es etwa im Food- und Bekleidungssegment, aber auch im FMCG-Sektor, im Anlagenbau und in der Chemieindustrie. Die in Russland vertretene deutsche Unternehmerschaft hat in der Rubelkrise von 1998 gelernt, dass der Rückzug aus Russland angesichts zeitweiliger Probleme grundfalsch wäre. Diejenigen Firmen, die seinerzeit im Land geblieben sind, haben starke eine Position in ihren jeweiligen Märkten aufbauen können und während der langen Boomjahre prächtig verdient.


Heute kann niemand mit Bestimmtheit sagen, wann sich die Turbulenzen auf den internationalen Märkten legen werden und wann die russische Wirtschaft wieder auf den Wachstumspfad zurückkehrt. Deshalb ist es sicher richtig und notwendig, in der Krise Änderungen im Unternehmen vorzunehmen, Strukturen anzupassen und möglichen Wildwuchs zu beschneiden.


Mindestens ebenso wichtig ist es bei allem Sparzwang aber auch, Unternehmenspotenziale zu erhalten und vor allem die Wachstumsmöglichkeiten zu nutzen, die sich durch die Krise anbieten. Ein so aufgestelltes Unternehmen wird jetzt Boden gewinnen und spätestens dann überproportional verdienen, wenn die Wirtschaft wieder an Fahrt gewinnt.

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