Nach dem Aufschwung ist vor dem Aufschwung

Die deutsche Unternehmerschaft stellt sich auf „Durchhalten“ ein und rüstet sich für die Zeit nach der Krise. Monika Hollacher sammelte Stimmen deutscher Unternehmer vor den Festtagen in Moskau.

René Schlegel, Robert Bosch

In 2008 konnten wir unsere Expansion in allen Unternehmensbereichen (Zulieferteile für die Kraftfahrzeugindustrie, Gebrauchsgüter/Gebäudetechnik und Investitionsgüter) sowohl in Russland als auch in den umliegenden Ländern fortsetzen und die Resultate entsprechen weitgehend unseren ehrgeizigen Wachstumszielen. Ebenfalls begannen wir erfolgreich in Engels, Saratower Gebiet, auch für den Export bestimmte Elektrowerkzeuge zu produzieren und bauten unser eigenes Niederlassungsnetz sowie die Anzahl der Bosch Car Service Filialen nochmals deutlich aus, um auch in den Regionen verstärkt präsent und ansprechbar zu sein.

Wir erwarten aufgrund der weltwirtschaftlichen Situation auch ein deutlich verlangsamtes Wachstum in Russland und den GUS Ländern. Die aktuell tiefen Rohstoffpreise wirken hier als negativer Verstärker mit Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den Rubel. Allerdings erwarten wir gerade bezüglich der Rohstoffe auch recht schnell wieder eine Erholung. Kurzfristig sind auch die für uns wichtigen Sektoren Automobilindustrie und Bauwirtschaft vom Abschwung klar betroffen. Bei der Nachfrage von Konsumentenseite erwarten wir allerdings im Vergleich mit vollständig entwickelten Märkten einen milderen Abschwung. Russland und die umliegenden Länder werden jedoch, wie andere Emerging Markets auch, Ihren relativen Vorteil bezüglich Wirtschaftswachstums im Vergleich mit etablierten Märkten behalten, wenn auch auf tieferem Niveau. Unsere Konzentration auf Expansion in Russland mit entsprechenden Marktanteilsgewinnen wird deshalb unverändert anhalten. Damit wollen wir für unsere Kunden gerade in volatilen Zeiten als stabiler Lieferant gelten. Wir erwarten dadurch eine nachhaltige Festigung unserer Handelsbeziehungen mit Partnern in Russland und der GUS. Mittel- und Langfristig sehen wir Russland und die GUS weiterhin als einen der deutlich überproportional wachsenden Märkte mit einer hohen Aufnahmefähigkeit für unsere Produkte und Dienstleistungen.

Ulrich Marschner, Hochland

Natürlich macht die Finanz- und Wirtschaftskrise um Russland keinen Bogen, und die ersten Auswirkungen sind bereits zu sehen. Was uns angeht, sind das vor allem Liquiditätsprobleme im Groß- und Einzelhandel, die jedoch Schritt für Schritt überwunden werden. Auswirkungen auf die Kaufkraft und das Kaufverhalten der Verbraucher werden nicht ausbleiben, und das wird natürlich für einen noch nicht abzuschätzenden Zeitraum eine „Bremsspur“ hinterlassen.

Ich sehe jedoch auch Gründe für mittelfristigen Optimismus: Die russische Wirtschaft wird nach bisherigen Prognosen auch in 2009 weiter wachsen, was sie deutlich von vielen anderen Volkswirtschaften unterscheidet. Russland ist wirtschaftlich und politisch wesentlich stabiler als 1998 und damit besser in der Lage, auf diese Herausforderungen zu antworten. Krisen wird es immer wieder geben. Sie sind für uns überhaupt kein Grund, die fundamentale Einschätzung für unser Russlandengagement zu ändern.

Ulf Schneider, Russia Consulting

Für uns war 2008 ein Rekordjahr! Dies gilt sowohl für den Umsatz, als auch für Anzahl der Mitarbeiter in unserem Unternehmen. Wir werden die Krise nutzen, uns Gedanken machen über eine weitere Qualitätsverbesserung, wir werden weitere Räume mieten und teilweise zur Untervermietung anbieten und wir werden weitere gute Kollegen suchen und einstellen. Ich hoffe, dass die Krise sich in diesem Sinne positiv auf unser Unternehmen auswirken wird. Diese Einstellung habe ich auch bei einigen unserer Kunden, die viel Wert auf langfristige Planung legen, festgestellt.

Natürlich sind im Zuge der Krise auch einige unserer Kunden mit Schwierigkeiten konfrontiert. Als Tendenz stellen wir fest, dass besonders große Projekte betroffen sind. Mittelständische Unternehmen stehen momentan besser da. Sie denken langfristig und sind, wie wir, für das Jahr 2009 guten Mutes, dass sich die Krise nicht übermäßig auf ihr reales Geschäft auswirken wird. Sie werden die Gelegenheit nutzen, um sich für die Zeit nach der Krise zu wappnen. Je mehr Unternehmen langfristig und positiv denken, um so eher wird die Krise überwunden sein.

Harald Purainer, Schattdecor

Natürlich hat uns die Krise überrascht, aber wir sind nicht schockiert. Unsere Geschäfte sind langfristig (für die nächsten 20 Jahre) ausgelegt. Sicher macht sich die Krise auch bei uns bemerkbar. Normalerweise liegt unsere Produktion im November und Dezember bei 120 Prozent, aber zurzeit fahren wir höchsten 90 Prozent. Ich finde 90 Prozent nicht so dramatisch, wenngleich es mir nicht gefällt. Durch unseren Neubau in Tschechow haben wir jetzt sehr hohe Kapazitäten, mit denen wir im Sommer noch nicht rechnen konnten.

Die Kunden zahlen in der Regel rechtzeitig und denen, den es jetzt schlecht geht, ging es auch schon vorher schlecht. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sie vom Markt verschwinden.

2009 wird sicher ein schwieriges Jahr, obwohl unsere Prognose nicht so schlecht ausgefallen ist. Man darf nicht zu blauäugig sein, aber man sollte auch nicht in Panik verfallen. Vieles wird natürlich auch von der Gesamtentwicklung in Russland abhängen.

Auf unserem Markt sind wir mit 65 Prozent Marktanteilen Marktführer, und ist es in dieser Position schwer, weiter zu wachsen. Wir werden eher damit zu kämpfen haben, unseren Anteil gegen die Angriffe der Konkurrenz zu verteidigen. Auch ohne Krise ist das eine schwere Aufgabe. Aber selbst wenn es zu einem Durchhänger kommt, werden wir diese Zeit nach dem ungeheuren Wachstum der letzten Jahre zur Konsolidierung nutzen können, um nach der Krise gut gerüstet zu sein. Wir werden z. B. unsere Mitarbeiter weiterbilden, dazu fehlte in den letzten Jahren oft die Zeit. Große Hoffnung habe ich, dass die russische Regierung bei Ihren Maßnahmen die Vermögensteuer senkt oder streicht. Sie ist ein wichtiger Punkt bei Investitionsentscheidungen und bestraft den ehrlichen Investor.

Jörg Bongartz, Deutsche Bank

Das Jahr 2008 war ein schwieriges Jahr, das wir in Russland dennoch recht erfolgreich abgeschlossen haben. Wir konnten aber natürlich die Ergebnisse des Vorjahres nicht wiederholen. 2007 waren wir sehr stark im Investmentbanking tätig, hatten etliche Börseneinführungen betreut und Übernahmeberatungen durchgeführt. Im IPO-Bereich arrangierten wir in der ersten Jahreshälfte 2008 noch zwei Börseneinführungen, später aber keine weiteren mehr, weil die Märkte sich vollkommen gedreht hatten. Für uns ist das Kapitalmarktgeschäft sehr wichtig.  Anleiheemissionen haben sich das ganze Jahr über sehr schwierig gestaltet, und es waren nur noch sehr wenige Transaktionen - vor allem für große Unternehmen im Staatsbesitz - möglich.

Aber es haben sich trotz der krisenhaften Entwicklungen in Russland auch einige Geschäftsbereiche sehr erfreulich entwickelt. Wir verzeichnen einen deutlichen Zuwachs in den stabilen, kommerziellen Geschäftsbereichen, dem Transaction Banking und Private Wealth Management. Darüber hinaus haben wir strategisch einen neuen Weg eingeschlagen, in dem wir im Herbst 40 Prozent der UFG Asset Management gekauft haben, um uns stärker im russischen Fondsgeschäft zu etablieren. Die UFG Asset Management ist hier eine der größten Fonds-Gesellschaften. Mit diesem langfristig angelegten Schritt schaffen wir uns ein gutes Standbein, um Investmentprodukte aus einer hervorragenden Position heraus anbieten zu können.

Auch 2009 wird ein Jahr großer Herausforderungen. Das kommerzielle Bankgeschäft wird voraussichtlich weiter wachsen, und wir werden dies strategisch nutzen. Das Geschäft an den Kapitalmärkten wird sich hingegen weiter schwierig gestalten. Wir müssen damit rechnen, dass auf absehbare Zeit ein Teil des Geschäfts ausbleiben könnte. Das Beratungsgeschäft im M&A-Bereich wird sich vermutlich durch die bevorstehende Restrukturierung der Industrie beleben.