HARTE ZEITEN FÜR DIE RUSSISCHE CHEMIEBRANCHE

DIE RUSSISCHE CHEMIEBRANCHE HAT EIN STARKES JAHRZEHNT HINTER SICH. DOCH DER DYNAMISCHE WACHSTUMSKURS IST VORBEI. VIELE UNTERNEHMEN AUS SONST STABILEN ABNEHMERSEKTOREN WIE DER KFZ- ODER DER BAUINDUSTRIE KÄMPFEN UMS ÜBERLEBEN. / BERND HONES, GTAI

Ob Agrarkonzerne, Automobilproduzenten oder Bauunternehmer - die Finanzkrise hat eine Reihe klassischer Abnehmerbranchen der Chemieindustrie eiskalt erwischt. Die Düngemittelerzeuger darben, weil die Nachfrage schneller sinkt als die Rohstoffpreise. Hersteller von Lacken und Reifen leiden unter dem abrupten Ende des Automobilbooms in Russland. Und solange Immobilienentwickler ihre Projekte auf Eis legen oder komplett verwerfen, bleiben viele Hersteller von Baumaterialien auf ihren Waren sitzen. Diese wichtigen Abnehmerbranchen der Chemieindustrie, vor wenigen Monaten noch Garanten für ein solides Wachstum, steuern in Russland in eine ungewisse Zukunft.

Jene Unternehmen in Russland, die trotz der Schwächephase investieren und bereit sein wollen für die Zeit nach der Krise, kämpfen neben der schwachen Nachfrageentwicklung auch mit wesentlich schlechteren Finanzierungsbedingungen: Banken ändern rückwirkend Zusagen für Kredite, drehen die Zinsschraube nach oben oder verweigern die Finanzierung mancher Projekte.

Teurere Kredite und ein unberechenbarer Absatzmarkt - "viele Konzerne haben deshalb ihre Investitionsprojekte gestoppt", sagt Alexej Pimenow, Leiter der Repräsentanz von Windmöller und Hölscher in Moskau, einem Hersteller von Maschinen zur Produktion von flexiblen Verpackungen. An dieser Situation werde sich auch 2009 nicht viel ändern, befürchten der Ingenieur und viele seiner deutschen Branchenkollegen. "Wir hoffen, dass es ab 2010 wieder aufwärts geht", sagt Pimenow.

Trotz der aktuellen Kreditengpässe und der "leichten Panik" im Chemiesektor, glaubt Tamara Chasowa, Vizepräsidentin des Chemie-Marktforschungs- und Consultingunternehmens Creon, dass die Nachfrage nach Chemieprodukten für die Bauindustrie im zweiten Halbjahr 2009 und 2010 wieder zunehmen werde. Schließlich stimuliere der Staat den Wohnungsbau. Chasowa erwartet deshalb für den PVC-Markt ein Wachstumspotenzial von acht bis zehn Prozent in den kommenden Jahren. Weil die Produktionskapazitäten ausgereizt sind, dürften die Importe in nächster Zeit schnell wachsen und die inländische Erzeugung bis 2010 überflügeln.

Absatzschwierigkeiten gibt es im Augenblick insbesondere bei weiterverarbeiteten Produkten des Kunststoffes. So senkten etwa viele Erzeuger von PVC-ummantelten Kabeln die Produktionsvolumina, weil die Lager bereits voll sind. Wie schnell sich die Lage entschärft, ist unklar. Der Wohnungsbau dürfte 2008 im Vergleich zum Jahr 2007 nicht gewachsen sein. Für 2009 erwarten Marktexperten sogar einen Rückgang der Bauleistungen um 15 Prozent.

Schwere Zeiten durchleben auch die Hersteller von Mineraldüngemitteln. Zwar fallen die Rohstoffpreise, aber die Nachfrage sinkt noch schneller und damit auch die Preise. Hintergrund: Wegen der Finanzkrise sind immer weniger landwirtschaftliche Betriebe in der Lage, Schädlingsbekämpfungsmittel und Dünger zu kaufen. Die Auswirkungen auf die Düngemittelhersteller sind gewaltig: Uralkali wird die Erzeugung im vierten Quartal um 500.000 t drosseln. Auch Silwinit plant eine Reduzierung der Produktion.

Wegen der prekären Situation im Landwirtschaftssektor, will die russische Regierung 2009 knapp 31 Milliarden US-Dollar an Krediten für Agrarbetriebe bereitstellen. Ein Viertel davon soll zur Finanzierung von Großprojekten mit einer Laufzeit von 15 Jahren vergeben werden. Der Rest ist für mittelfristige Investitionen sowie für die wichtigsten Anschaffungen binnen eines Jahres gedacht - das könnte sich sehr positiv auf die Entwicklung der Mineraldüngerhersteller auswirken. Während für einen gewöhnlichen Bankkredit mindestens 18 Prozent Zinsen pro Jahr fällig werden, sollen die von der Regierung bereit gestellten Kredite mit maximal fünf Prozent verzinst werden. Bislang finanzieren sich jedoch erst sehr wenige Unternehmen über Darlehen. "Der bürokratische Aufwand ist viel zu hoch", kritisiert IHK-Agrarexperte Juri Kornjusch aus dem landwirtschaftlich geprägten Rostow am Don.

Etwas konjunkturunabhängiger präsentiert sich der Markt für Arzneimittel. Auch der Markt für Wasch- und Reinigungsmittel dürfte kaum unter der Finanzkrise leiden.

Milliardenkredite vom Staat sollen den Erdölkonzernen Lukoil, TNK-BP und Gasprom neft helfen, Verbindlichkeiten im Ausland zu tilgen und Investitionsprojekte fortzuführen. Gleichwohl müssen die großen Branchenkonzerne ihre Investitionsprojekte einschränken und konzentrieren: Sie senken die Fördermengen, bauen dafür aber die Weiterverarbeitung aus. Der Produktionsausstoß der chemischen Industrie ist von Januar bis Oktober 2008 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 0,8 Prozent gestiegen. Aber nur dank des starken ersten Halbjahres. Im Oktober ist die Erzeugung von Stickstoffdünger, synthetischem Kautschuk, Chemiefasern und -garnen sowie Farben und Lacken und Gummi besonders stark eingebrochen.

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