Aussichten gut – Auswirkungen spürbar

Für deutsche Unternehmen bleibt Russland trotz Finanzkrise ein attraktiver Markt. / Jens Böhlmann, AHK

In Zusammenarbeit mit dem Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft hat die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) Ende November/Anfang Dezember 2008 eine Umfrage zum „Geschäftsklima Russland 2008“ durchgeführt. An der Umfrage beteiligten sich 153 Firmen in Russland und in Deutschland. Das generelle Ergebnis: Die Unternehmen spüren die Krise, jedoch über zwei Drittel der Unternehmen beurteilen ihre Geschäftsaussichten augenblicklich und in der nächsten Zukunft mit „gut“ bzw. „sehr gut“. Dieses Ergebnis mag auf den ersten Blick überraschen, denn auch Russland ist von den Folgen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise in erheblichem Maße betroffen, es wird jedoch erklärbar, wenn man ein wenig in die Tiefe geht: Russland wird von der deutschen Wirtschaft seit Jahren als einer der Zukunftsmärkte weltweit betrachtet; ein kurzfristiges Engagement ist in den meisten Fällen nicht geplant bzw. unmöglich. Zahlreiche Unternehmen sind bereits seit langer Zeit am Markt aktiv und haben die unruhigen Zeiten zwischen 1991 bis 1998, die im Finanzcrash 1998 gipfelten, bereits miterlebt. Sie sind intern auf krisenhafte Erscheinungen vorbereitet. Wer konnte, hat für den jetzt eingetretenen Fall Rücklagen gebildet.

Fast zwei Drittel wollen investieren

Die Geschäftsstrategie von fast zwei Dritteln aller befragten Unternehmen sieht deshalb nicht nur den Verbleib im Land vor, sondern eine weitere Ausdehnung der Geschäfte: 62 Prozent wollen auch in diesem Jahr investieren. Dafür sprechen der Einbruch der russischen Industrieproduktion, die in den letzen zwei Monaten 2008 im zweistelligen Bereich geschrumpft ist, der extreme Liquiditätsmangel russischer Unternehmen – der Staat musste für fast 300 Unternehmen Garantien übernehmen, insgesamt wurden bis Ende letzten Jahres fast 220 Milliarden US-Dollar vom Staat in die Finanz- und Realwirtschaft gepumpt – und die hohe Zahl von russischen Firmeninsolvenzen im letzen Quartal. Die bisher geplanten Investitionen deutscher Unternehmen in Russland belaufen sich auf ca. eine Milliarde Euro. Der Hauptteil der Investitionen soll in die Bereiche Energie, Automobilbau und Einzelhandel fließen. Vieles wird jedoch auch bei dieser Einschätzung von der globalen Entwicklung und den Steuerungsmaßnahmen des russischen Staates abhängen.

Für die progressive Grundhaltung der deutschen Wirtschaft zum Zielmarkt spricht auch die Tatsache, dass 66 Prozent aller Befragten planen, Personal einzustellen, nur drei Prozent wollen Personal abbauen. Die wesentlichen Vorteile, die für den Verbleib im russischen Markt sprechenm, sind nach wie vor hohe Wachstums- und Gewinnaussichten, günstige Kostenstrukturen und ein insgesamt starker Konsum – die Sparquote liegt in Russland deutlich unter der westlicher Länder. Auch der nachholende Konsum spielt weiterhin eine große Rolle. Als positiv werden außerdem der relativ geringe Konkurrenzdruck und die im Vergleich niedrige Steuerbelastung angesehen.

Ein entscheidender Wettbewerbsvorteil zugunsten der deutschen Wirtschaft ist zudem ihr ausgezeichneter Ruf.

Trotz dieser positiven Einschätzung sind sich die Unternehmen der Situation voll bewusst. Fast 70 Prozent befürchten negative Folgen für ihr Geschäft. Deshalb ist es von besonderer Wichtigkeit, dass die strukturellen und organisatorischen Schwächen der russischen Wirtschaft schnell beseitigt werden: Abbau der Bürokratie, Veränderung und Vereinheitlichung der Zollvorschriften, schnellstmögliche Harmonisierung der russischen mit internationalen Standards und Normen. Nachteilig wirken sich auch die veraltete Infrastruktur und die in einigen Teilen unklare Rechtslage aus.

In einigen Bereichen wirken die krisenhaften Erscheinungen wie ein Katalysator – sie bringen die Defizite deutlicher und schneller ans Licht: die seit Jahren existierenden – von Unternehmen, Investoren und Wirtschaftswissenschaftlern stets beklagten – Mängel in der Berufsausbildung, die zu geringe oder nicht intensiv genug betriebene Förderung des Mittelstandes und die kontraproduktive Migrationspolitik.

Einfluss der Krise auf das Gesamtergebnis

Bei der Einschätzung des allgemeinen Geschäftsklimas im abgelaufenen Jahr urteilen zwar immer noch 37 Prozent, dass sich dieser Wert verbessert hat, im Vorjahr waren es jedoch 64 Prozent. Demgegenüber beobachteten 35 Prozent eine Verschlechterung des Geschäftsklima; im Vorjahr waren es nur sechs Prozent. Diese Verschlechterung zeigt auch Auswirkungen auf die Beurteilung des künftigen Geschäftsklimas. 2007 gingen fast 80 Prozent der Unternehmen von einer weiteren positiven Entwicklung aus; 2008 war es nur knapp die Hälfte aller Befragten (46 Prozent), 30 Prozent rechnen mit einer nachhaltigen Verschlechterung der Situation. Die Mehrzahl der Unternehmen geht darüber hinaus von negativen Folgen der Finanzkrise auf die Gesamtsituation aus (69 Prozent), nur fünf Prozent rechnen mit wachsenden Möglichkeiten. Die Hauptursachen für diese optimistischere Einschätzung liegen in einer erwarteten Konsolidierung der russischen Wirtschaft insgesamt oder der jeweiligen Branche und deutlich gefallenen Rohstoffpreise.

Im Unterschied zur allgemeinen wirtschaftlichen Lage beurteilen die befragten Unternehmen die eigene Lage überwiegend positiv. Zwei Drittel (67 Prozent) schätzen die Entwicklung und Marktposition des Unternehmens als „gut“ bzw. „sehr gut“ ein. Auch wenn dieser Wert nur eine Momentaufnahmen darstellt, ist er ein deutliches Indiz für die unter dem Eindruck der Finanzkrise trotzdem gute Stimmung in der deutschen Unternehmerschaft.

Fazit

Die Russische Föderation ist für die deutsche Wirtschaft insgesamt immer noch ein sehr attraktiver Markt, der in der näheren und ferneren Zukunft große Perspektiven verspricht. Die strukturellen Defizite der russischen Wirtschaft sind ein Vorteil für deutsche Anbieter, so wie sie andererseits ein Hemmschuh der weiteren Entwicklung sind. Ähnlich wie bereits während der Finanzkrise 1998 sind die deutschen Unternehmen bereit, ihre Planungen unvermindert weiter voranzutreiben. Vieles wird jedoch davon abhängen, ob die vom russischen Staat ergriffenen Maßnahmen die erhoffte Wirkung zeigen, wie sich die stark steigende staatliche Beteiligung an der Privatwirtschaft auswirkt und ob die angekündigten Reformen zügig und konsequent in Angriff genommen werden.

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