DAS NETZ WIRD BREITER

NACH DEN SCHULEN SOLLEN JETZT RUSSLANDS DÖRFER ANS NETZ. DER AUSBAU DES BREITBANDNETZES GEHT WEITER. DAS INTERNET BLEIBT TROTZ KONJUNKTURFLAUTE EIN WACHSTUMSFELD. / GERIT SCHULZE, GTAI

Russlands Internetgemeinde wächst trotz schlechter Konjunkturzahlen weiter. Im Juni 2009 hatten 9,53 Millionen Privathaushalte einen Breitband-Zugang zum World Wide Web. Dabei entfallen auf die zehn größten Anbieter etwa 74 Prozent des Marktes. Insgesamt surfen schon über 40 Millionen Russen regelmäßig im Netz. Erfolgreich abgeschlossen wurde zudem ein staatliches Programm, mit dem alle 52.000 Schulen des Landes einen schnellen Internetzugang bekommen haben.

Allerdings ist die Regierung unzufrieden mit der Internet-Verbreitung außerhalb der Gebietszentren. In Moskau liegt die Marktdurchdringung für Breitbandanschlüsse derzeit bei 75 Prozent, in den Regionen erst bei 18 Prozent. Dort dominiert die mehrheitlich staatliche Holding Swjasinvest über ihre regionalen Tochterunternehmen wie ZentrTelekom, SibirTelekom oder Uralswjasinform den Zugang zum Netz.

Der Konzern bietet bislang nur in größeren Städten Breitbandanschlüsse an. Das Föderale Gesetz "Über die Telekommunikation" (Nr. 126-FS vom 7. Juli 2003) schreibt jedoch vor, dass in allen Ortschaften mit mehr als 500 Einwohnern ein öffentlicher Internetzugang geschaffen werden muss. Dafür wählt die Föderale Agentur für Telekommunikation (www.minsvyaz.ru/departments/rossvyaz) per Ausschreibung Betreiber aus, die für die Bereitstellung von Internetknoten in entlegenen Gemeinden Subventionen bekommen.

Davon profitieren möchte unter anderem die Russische Post. Das Unternehmen plant Investitionen von 1 Milliarden Rubel (rund. 22 Millionen Euro) in so genannte "kollektive Zugangspunkte". Dabei steht die Post unter dem Druck einer Regierungsanordnung vom Juli 2009, die eine Mindestgeschwindigkeit von 256 Kbit/Sekunde für solche Zugangspunkte vorsieht. In vielen Postämtern Russlands laufen noch Modems mit deutlich niedrigerer Bandbreite.

Doch die Regionen sind offenbar auch ohne staatliche Subventionen interessant für Investitionen privater Internetprovider. Der bislang auf Moskau konzentrierte Anbieter Akado hat bereits in sechs Ortschaften der Moskauer Oblast ein eigenes Netz aufgebaut. Der Mobilfunkprovider Wympelkom setzt seine Expansion im Moskauer Umland ebenfalls fort und hat 26 weitere Städte im Visier. Experten von iKS-Consulting beziffern die Kosten eines Breitbandanschlusses in Moskau pro Haus auf 2.000 bis 3.000 Euro.

Eine Lösung für besseren Internetzugang im ländlichen Raum wären die mobilen WiMAX-Funknetze. Derzeit bieten allerdings erst vier Unternehmen diese Dienstleistung an, vorrangig in den beiden Metropolen des Landes: Skartel (Moskau und Sankt Petersburg), Komstar-OTS (Moskau), Sinterra (Moskauer Oblast) und Nowye telekommunikazii/WiTe in Kemerowo.

Ein fünfter Operator, Interprojekt (Marke: Freshtel), will im Oktober starten. Das Unternehmen gehört zu Icon Private Equity und plant WiMAX-Netze in elf Regionen Zentral- und Südrusslands. Allein 2009 sind dafür rund 150 Millionen Euro Investitionen vorgesehen. Eine ähnliche Größenordnung gibt auch Skartel für seine Expansion in sechs weiteren Städten aus. Außerdem plant Tattelekom für 4,5 Millionen Euro den Aufbau eines WiMAX-Netzes in Tatarstan.

Die WiMAX-Kundschaft wächst mit unglaublichem Tempo: Nutzten Ende 2008 erst 8.000 Kunden diesen Internetzugang in Russland, so steigt diese Zahl bis Ende 2009 auf 460.000, schätzt J'son & Partners Consulting. Ein Jahr später könnten es dann 1,7 Millionen Kunden sein.

Wer zuhause keinen Internet-Anschluss hat, findet vor allem in Moskau und Sankt Petersburg immer mehr Cafés oder Klubs, die kabellosen Internetzugang per Wi-Fi bieten. Laut iKS-Consulting ist die Zahl der Wi-Fi-Zugangspunkte im 1. Halbjahr 2009 russlandweit um ein Fünftel auf 4.000 gestiegen. Ein Drittel davon befindet sich in der Hauptstadt.

Die Regierung will die zunehmende Verbreitung schneller Internetzugänge nutzen, um mehr öffentliche Dienstleistungen online abzuwickeln. Ab 2011 wird der elektronische Dokumentenaustausch möglich sein, sagte Telekom-Minister Igor Schtschegolew bei einem Arbeitstreffen mit Premierminister Putin Anfang August. Unter anderem soll die Vorlage von Lizenzen, die Erteilung von Auskünften und Bescheinigungen sowie die Einreichung von Registrierungsunterlagen online möglich werden. Bis Jahresende 2009 will Minister Schtschegolew eine Liste mit Verwaltungsvorgängen definieren, die künftig über das Internet abgewickelt werden können.

Zuvor muss allerdings noch das Procedere der E-Signatur optimiert werden. Die technische Infrastruktur für das Projekt "Elektronische Regierung" wird Russlands Festnetz-Monopolist Rostelekom aufbauen. Dafür stellt Moskau 2009 und 2010 insgesamt 6 Milliarden Rubel (rund 130 Millionen Euro) zur Verfügung.

Schon heute klicken sich monatlich bis zu 250.000 Bürger auf den offiziellen Webseiten der staatlichen Behörden ein. Am beliebtesten ist die Homepage des Föderalen Steuerdienstes (www.nalog.ru). Mit viel technischem Aufwand und spezieller Hilfssoftware kann dort sogar die Steuererklärung elektronisch übermittelt werden.

Der starke Anstieg der russischen Internetnutzer erhöht das Gewicht der einheimischen Webseiten im globalen Netz. Die russische Internetseite Yandex gehört inzwischen zu den acht größten Suchmaschinen weltweit. Das Unternehmen konnte seinen Marktanteil bis Juni 2009 innerhalb eines Jahres auf 1,5 Prozent nahezu verdoppeln, berichtete die US-Marketingagentur comScore. In Russland selbst wird jede zweite Internet-Suche über das Yandex-Portal abgewickelt. Monatlich arbeitet die Seite immerhin 1,7 Milliarden Suchanfragen ab. Der Jahresumsatz des Internet-Unternehmens lag 2008 bei 300 Millionen Dollar.

Internet-Händler wie die russische Amazon-Kopie Ozon.ru profitieren ebenfalls von der wachsenden Internetgemeinde im Land. Das Unternehmen konnte im 1. Quartal 2009 inmitten einer tiefen Rezession der Gesamtwirtschaft seine Umsätze um ein Drittel steigern.

Auch bei den Reklameerlösen ist das Internet die letzte Wachstumsbastion unter den Werbeträgern in Russland. Während der Gesamtmarkt im 1. Halbjahr 2009 um 30 Prozent eingebrochen ist, konnten die Webseitenbetreiber von Januar bis Juni um 5 Prozent höhere Umsatzerlöse mit Bannerwerbung, Popup-Fenstern und anderen Formaten erzielen. Nach Berechnungen des russischen Werbeverbandes AKAR lag das Internet-Werbevolumen im 1. Halbjahr 2009 (ohne Kontextwerbung) bei 3,2 Milliarden Rubel (70 Millionen Euro).

 

Russlands größte Anbieter von Breitband-Internetanschlüssen (Stand: Juni 2009)

Unternehmen

Zahl der Abonnenten

Komstar-OTS

1.128.000

Wympelkom

880.300

WolgaTelekom

785.000

ZentrTelekom

773.000

Sewero-Sapadny Telekom

709.400

Er-Telekom

706.000

Akado

616.000

Uralswjasinform

575.000

Sibirtelekom

437.500

Juschnaja telekommunikazionnaja kompanija

408.000

Quelle: Advanced Communications & Media, zitiert nach Prime-Tass

(S.Z.)

Einnahmenstruktur der russischen Webseiten-Betreiber

Einnahmeart

Einnahmen in Mio. US$

Anteil an den Gesamteinnahmen in %

Gesamt

1.500

100

.Kontext-Werbung

350

23

.Banner-, Popup-Werbung

300

21

.Kostenpflichtige Inhalte

220

15

.Optimierung

200

14

.Content-Verkauf

190

13

.Webseiten-Erstellung, -unterstützung

160

11

.Stellenmarkt

40

3

Quelle: Assoziazija Internet i Bisnes

Die zehn meistbesuchten Webseiten im russischen Internet

Website

Thema

Yandex.ru

Suchmaschine

VKontakte.ru

Soziales Netzwerk

Mail.ru

E-Mail-Dienste

Odnoklassniki.ru

Soziales Netzwerk

Rambler.ru

Suchmaschine

Google.ru

Suchmaschine

Narod.ru

Dateien- und Webseiten-Hosting

UCoz.ru

Online-Erstellung von Webseiten

Torrents.ru

File-Sharing, Dateiaustausch

LiveInternet.ru

Blog-Dienst, Tagebücher

Quelle: Serverdienst Alexa Internet (www.alexa.com)

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