DIE LAGE IST KRITISCH ABER NICHT HOFFNUNGSLOS

Nach schweren Einbrüchen am Jahresanfang hat sich die Lage in der Lebensmittelbranche wieder beruhigt. Die Zeichen stehen gut. / Dr. Ewald Ewering, Russmarketing GmbH

Im vergangenen Jahr stiegen die deutschen Lebensmittelexporte gegenüber 2007 um 25 Prozent, damit wurde die magische Grenze von 1,6 Milliarden Euro erreicht. Dieser Rekord stammte noch aus dem Jahr 1997 und er hielt über zehn Jahre. Aber auch 1997 kam die kalte Dusche gleich nach der Euphorie – 1998 brach der gesamte russische Finanzmarkt zusammen, Ende 2008 kam nach dem Rekord gleich die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise.

Das Jahr 1998 war eine markante Zäsur für die Lebensmittelbranche. Die Importe brachen aufgrund des massiven Kaufkraftverlustes ein, die Importeure bzw. Distributeure konnten die Lieferungen nicht mehr bezahlen, der Zahlungsverkehr kam nahezu zum Erliegen. Die Katastrophenmeldungen rissen für die bis dato erfolgsverwöhnten deutschen Exporteure nicht mehr ab, zahlreiche Pleiten russischer Geschäftspartner waren zu beklagen.

In der gegenwärtigen Krise können wir zwar viele Parallelen zur Situation von 1998 ziehen, aber es gibt auch ganz gravierende Unterschiede. Die Auswirkungen schlagen sich nicht in dem Umfang im Verbraucherverhalten nieder, wie dies damals der Fall war. Auch die Folgen in der Lebensmittelproduktion, im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und in den Sektoren des Hotel- und Gaststättengewerbes sind nicht annähernd so verheerend. Der Crash von 1998 rief einen Schock hervor, der alles zum Erliegen brachte, die gegenwärtige Krise verläuft wesentlich moderater. Das wirtschaftliche Leben in der Lebensmittelbranche hat zwar Schaden genommen, aber es geht weiter, wenn auch auf einem niedrigerem Niveau. Im Einzelnen lassen sich folgende Trends festhalten.

Importsituation

Der Import ist bei allen Produktgruppen in den Monaten Januar und Februar 2009 laut Angaben der russischen Zollstatistik vergleichsweise stark zurückgegangen, teilweise um mehr als 20 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum 2008. Betroffen waren ebenso die wichtigen Produktgruppen Fleisch und Milch.

Im März waren die Rückgänge moderater, und bewegten sich unter zehn Prozent. Bemerkenswert ist, dass sich die Fleischimporte teilweise erhöhten, wobei insbesondere der Rindfleischeinfuhr eine besondere Bedeutung zukam. Schwer taten sich Exporteure für alkoholische Getränke, die kräftige Liefereinbußen in die Russische Föderation zu verkraften haben.

Die Importe aus Deutschland fielen im ersten Quartal 2009 auf nahezu 230 Millionen Euro, 2008 waren es noch 350 Millionen Euro gewesen. Auch hier war der Rückgang besonders stark im Januar und Februar, nicht zuletzt aber auch aufgrund des großen Liefervolumens im Dezember. Für die folgenden Monate werden sich die Exporte wiederum nach oben orientieren. Wachsende Preise für Importwaren haben die Grauimporte laut Innenministerium in den ersten beiden Monaten um 82 Prozent steigen lassen.

Konsumentenverhalten

Wie reagiert der Verbraucher auf den Rubelverfall, auf die gestiegen Lebensmittelpreise? Im Januar  war ein wahrer Kaufboom zu verzeichnen, der auf die Furcht vor einem weiteren Rubelverfall zurückzuführen ist. Die vielen Feiertage zu Jahresbeginn und die zahlreichen Rabattangebote des Einzelhandels lockten die Menschen in die Kaufhäuser und Supermärkte. Dieser Boom flachte Ende Januar 2009 aufgrund der mittlerweile spürbaren Einkommensverluste, insbesondere bei der städtischen Mittelschicht, und der Lebensmittelverteuerung von durchschnittlich über fünf Prozent ab. Qualitativ höherwertige Produkte werden demgegenüber weiterhin von einer kaufkräftigen Oberschicht nachgefragt. Im 2. Quartal verschlechterte sich das Konsumklima zusehends.

Mit einer wachsenden Zurückhaltung beim Kauf von bei Bier, Wein, Saft, Trinkjoghurt, Käse, Backwaren ging eine Hinwendung zu traditionellen und lokalen Produkten einher, wie z.B. Käse aus heimischer Produktion, Kefir, Kwas und Quark. Selbst die profitverwöhnten Bierbrauer vermelden Verkaufs- und damit Umsatzrückgänge in einer Größenordnung von sechs bis zehn Prozent.

Das Staatliche Amt für Statistik ermittelte einen Umsatzrückgang im Gastronomie-Bereich um 7,2 Prozent im 1.Quartal 2009 gegenüber dem jeweiligen Vorjahreszeitraum. Die Wirtschaftskrise geht somit auch an den Restaurants des mittleren Preissegments nicht vorüber, da offensichtlich mehr zu Hause konsumiert wird. Dennoch gibt es auch hier Gewinner. Fast-Food-Ketten wie McDonalds expandieren, da sie sich einer wachsenden Klientel erfreuen. Allein in Moskau konnte der Fast-Food-Bereich im März insgesamt ein Umsatzplus von bis zu 30 Prozent hinlegen.

Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel

Noch 2008 schossen die Supermärkte in Russland wie Pilze aus dem Boden, ihre Anzahl erhöhte sich allein im vergangen Jahr um 28 Prozent. Aus Untersuchungen von Nielsen Russia geht hervor, dass die Anzahl der Super- und Minimärkte in den letzten 6 Jahren um das sechsfache gestiegen ist.

Nach Prognosen von Michail Burmistrow, Abteilungsleiter für Analytik der Agentur, wird die Finanzkrise die Entwicklung des Einzelhandelssektors wesentlich verlangsamen. Wegen Insolvenz, Formatwechsel oder Übernahme könnten im laufenden Jahr bis zu 15 Prozent der Läden in den Regionen und bis fünf Prozent in Moskau und St. Petersburg geschlossen werden. Die Schließung von Ketten wie „Grossmart“, „Mosmartik“, „Samochwal“, der Insolvenz von „Nesabudka“ und „Alpi“ sowie anderer regionaler Ketten belegt diesen Trend. Nach Expertenmeinungen wird sich die Eröffnung neuer Supermärkte 2009 auf jährlich 35 gegenüber 76 in 2008 und 90 in 2007 verlangsamen. Bereits jetzt überschlagen sich die Meldungen zu Übernahmen und Erweiterungen von finanziell gut aufgestellten LEH-Ketten. Denn etwa 50 russische Handelsketten leiden wegen geschrumpfter Umsätze unter finanziellen Schwierigkeiten. Internationale Einzelhandelsunternehmen wie Carrefour, Wal-Mart, Hyperglobus, Auchan, Metro und Selgros zeigen ein ernstes Interesse an diesen LEH-Ketten. Marktexperten meinen, dass bereits Ende dieses Jahres westliche Retailunternehmen einen beträchtlichen Anteil des russischen Marktes einnehmen werden. Gewinner der Krise sind die großen Discounter, die sich eines steigenden Umsatzes erfreuen, da die Konsumenten den Märkten und den so genannten Tante-Emma-Läden davonlaufen. Schwer tun sich die Lieferanten, die sich verlängerten Zahlungszielen, verminderten Absätzen und finanziellen Engpässen ausgesetzt sehen.

Lokale Lebensmittelproduktion

Ähnlich wie 1998 nutzen auch jetzt ausländische und lokale Investoren die Chance, zu Lasten von teueren Importprodukten, neue Marktanteile zu gewinnen. Auch bieten sich für die deutschen Exporteure neue Lieferchancen für Ingredients und Rohstoffe. Auf der Fachmesse für Ingredients im November 2008 machte sich ein verhaltenes Kaufverhalten bei den russischen Partnern breit, aber es bestand unter den Ausstellern eindeutige Zuversicht auf eine Fortsetzung des Geschäftes. Auch der Rohstoff Rindfleisch ist im Augenblick der Renner für die deutsche exportorientierte Fleischwirtschaft, da noch auf Jahre hinaus die Großviehbestände in Russland den Bedarf nicht decken werden und man von Engpässen in anderen Lieferländern profitiert. Westliche Unternehmen, wie beispielsweise aus Deutschland die Tönnies Holding und aus Dänemark die Talex Holding, investieren in die Schweinefleischproduktion. Da die Produktionskapazitäten für Geflügel weiterhin stark expandieren, spricht man heute im Russischen Landwirtschaftsministerium bereits von einer perspektivischen Exportmöglichkeit für Geflügelfleisch bis zum Jahre 2012. Erwartet werden auch Investitionen für die Verarbeitung von Käse im Billigsegment, hier flankieren erhöhte Zolltarife entsprechende Maßnahmen. Große Süßwarenhersteller beklagen zwar einerseits Umsatzrückgänge wegen stark verteuerter Rohstoffe, andererseits aber steigerte Mars seinen Umsatz mit Schokoriegeln und Ferrero möchte eine Pralinenfabrik errichten. Rückgang auch beim Konsum von alkoholhaltigen Getränken, die Hersteller von Bier und Abfüller von Wein sind gezwungen ihre Kapazitäten zurückzufahren. Aber auch das alkoholfreie Segment meldet Gewinnrückgänge. Aufwärts geht es nur beim Wodka der niedrigen Preisklasse, aber auch das hat in Russland Tradition.

Fazit

Russland, als einer der so genannten BRIC-Staaten, hat gute Aussichten diese Krise besser zu bewältigen als viele andere Länder, die sich heute in einer wirtschaftlich schwächeren Position befinden. Auch werden u. a. die Devisen bringenden Energieträger sowie die umfangreichen Devisenreserven Russland helfen, diese schwierige Situation schneller zu meistern, als den 1998er Finanzcrash, von dem sich die russische Wirtschaft erst nach fünf Jahren einigermaßen erholt hat. Die die letzten Jahre zeigen, das der russische Konsument einen erheblichen Nachholbedarf hat, dieser, verbunden mit einer wieder bald steigenden Kaufkraft, wird dafür sorgen, dass deutsche Unternehmen auch künftig auf den Nahrungs- und Genussmittelsektor Russlands setzen können und sollten.

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