Der „heimliche Osthandelsminister“

Wie kein anderer hat Otto Wolff von Amerongen die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen geprägt. Er stand auch an den Anfängen der deutsch-russischen Auslandshandelskammer, die in diesem Jahr erstmalig ihm zu Ehren den Otto Wolff von Amerongen Mittelstandspreis verleiht. / Dr. Andrea von Knoop, Ehrenpräsidentin der AHK Russland

Vieles ist über Otto Wolff von Amerongen gesagt und geschrieben worden: „Brückenbauer zwischen Ost und West“, aber auch „engagierter Pionier der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen“, Berater der Bundesregierungen von Adenauer bis Kohl, gesuchter Gesprächspartner auf dem internationalen Parkett: Präsidenten, Generalsekretäre und Minister aus aller Welt holten sich bei ihm Rat. Er war Mitglied zahlreicher internationaler Gremien und unermüdlicher Streiter für den Abbau von Subventionen, für einen freien Welthandel! Und: er war ein überzeugter Europäer!

Otto Wolff von Amerongen wurde am 6. August 1918 als Sohn von Otto Wolff und Else von Amerongen in Köln geboren. Seine Laufbahn als Unternehmer begann 1947, sieben Jahre nach dem Tod des Vaters, als er den Konzern des Vaters zu einem global agierenden Handels- und Produktionsunternehmen mit rund 30000 Mitarbeitern ausbaute.

Otto Wolff von Amerongen war damals bereits das Sinnbild des erfolgreichen Unternehmers, der gleichzeitig gesamtgesellschaftliche, übergeordnete Akzente setzte.

„Heute sprechen wir von einem Mann, der unternehmerisch dachte, politisch handelte und der dank seiner Stellung, seines Charakters, seiner Veranlagung aus der Geschichte der Entwicklung der Bundesrepublik und ihrer Wirtschaft nicht weg zu denken ist. Trotz seiner unternehmerischen Vorreiterrolle sind es vor allem die einflussreichen Ehrenämter, die Otto Wolff während seiner Lebenszeit bekleidet hat, die ihn für die Gesellschaft so unentbehrlich gemacht haben. In diesen Ämtern zeigte sich, wie er dachte und handelte und welche Werte und Ideale er durch sie weitergab. Er wuchs nicht nur in einem Industriellenhaushalt auf, sondern ebenso in einem Umfeld, in dem viel und kenntnisreich über Politik diskutiert wurde. In seinem Leben sollte sich noch zeigen, welch vermittelnde Rolle er zwischen Politik und Wirtschaft einzunehmen vermochte.“ (Otto Graf Lambsdorff)

Es ist wohl eben jene Vermittlerrolle, die Otto Wolff zu einer Berühmtheit gemacht hat und die sein Handeln stets prägte. Als Ende 1952 auf Initiative von Bundeskanzler Adenauer, Ludwig Erhard und führenden deutschen Industriellen der Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft ins Leben gerufen wurde, war Otto Wolff von Anfang an in Spitzenposition dabei. Auf Anraten Ludwig Erhards zunächst Leiter der Arbeitsgruppe Sowjetunion, übernahm er ab 1956 den Vorsitz des gesamten Gremiums, ein Amt, das er fünfundvierzig Jahre lang innehatte. Die im Dienste der deutschen Wirtschaft übernommene Aufgabe war insbesondere in den Anfangsjahren unter den Bedingungen des kalten Krieges, in einem Klima, das von wechselseitigem Misstrauen geprägt war, keine leichte.

Ein besonderes Merkmal der Arbeit des Ostausschusses in jenen Anfangsjahren war, dass er bis zur Aufnahme normaler Beziehungen zur Sowjetunion und ihren Verbündeten auch handelspolitische Gespräche führen sollte. In dem damaligen Vakuum zwischenstaatlicher Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und den Ostblockländern hatte der Ostausschuss insofern auch in gewissem Masse eine Funktion als verlängerter Arm der Bundesregierung. Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Sowjetunion erfolgte erst im Jahre 1955 und war bei der Etablierung des Ostausschusses noch überhaupt nicht absehbar.

“Nur mit immer neuem Mut konnten wir selbst in den frostigsten Jahren des Kalten Krieges die geschäftliche Fahrrinne offen halten, bis wieder politisches Tauwetter einsetzte.“ (Otto Wolff von Amerongen) Es ist dem Fingerspitzengefühl Otto Wolffs, seinem wirtschaftlichen Erfahrungsschatz, seinem hochkarätigen Beziehungsgeflecht und seinem diplomatischen Geschick zu verdanken, dass die Aktivitäten des Ostausschusses bald Früchte trugen. Sein guter Name flösste Vertrauen ein und stand bei seinen Gesprächspartnern für Kontinuität. Daher war er wie kein anderer in der Lage, der deutschen Wirtschaft den Weg nach Osten zu bahnen.

So bewährte sich der Ostausschuss unter komplizierten Rahmenbedingungen. Unter seiner aktiven Mitwirkung vervielfachte sich der deutsch-sowjetische Warenumsatz. Bereits 1956 erlangte Deutschland einen Exportüberschuss im Handel mit der Sowjetunion. Diese Erfolge konnten somit noch vor dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Handelsvertrages von 1958 verzeichnet werden, an dessen Zustandekommen Wolff wesentlichen Anteil hatte.

Seit Abschluss dieses Handelsvertrages galt Wolff als der „heimliche Osthandelsminister“. Er selbst hat diese Bezeichnung immer zurückgewiesen und mit seinem typischen rheinischen Humor heruntergespielt: “Natürlich habe ich dabei manchmal in politischen Fragen vorgefühlt, aber politischer Unterhändler war ich nie. Ich bin immer nur der Rosenkavalier gewesen.“

Er sah sich selber als Vermittler, als Unternehmer und unabhängigen Ratgeber, der oft freier reden konnte als die zu diplomatischer Rücksichtnahme verpflichteten Bonner Politiker. Diese wussten allerdings seine Mittlerrolle sehr zu schätzen.

Einen Durchbruch in den deutsch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen stellte zweifelsohne das erste Erdgasröhrengeschäft aus dem Jahre 1970 dar. Dieses „Jahrhundertgeschäft“, das unter wesentlicher Mitwirkung von Otto Wolff zustande kam, umfasste drei Säulen:

Die Sowjetische Seite bezog für rund eine Milliarde Mark Stahlrohre bei Mannesmann. Die Ruhrgas AG vereinbarte den langfristigen Bezug von Erdgas über 20 Jahre im Umfang von 2,5 Milliarden Mark. Und drittens gewährte ein deutsches Bankenkonsortium unter Führung der Deutschen Bank den Sowjets einen Zehn-Jahres-Kredit über 1,2 Milliarden Mark.

“Die Vertragsunterzeichnung hatte über den ökonomischen Gehalt hinaus demonstrativen Charakter: sie fand kurz nach dem Regierungsantritt der sozialliberalen Koalition und zeitgleich mit dem Beginn der Verhandlungen über den Moskauer Vertrag statt, der die Entspannungspolitik einleitete.“ Otto Wolff unterstützte nachhaltig die neue Ostpolitik Willi Brandts.

Dem spektakulären ersten Röhren-Gasgeschäft folgten weitere - sehr zum Missfallen der Amerikaner. Der transatlantische Disput gipfelte im so genannten Pipeline Embargo, das US-Präsident Ronald Reagan 1982 verhängte. Die Deutschen aber wollten sich nicht beugen und diese Projekte auch gegen amerikanischen Widerstand durchzusetzen. Erneut war es Otto Wolff, der die bundesdeutschen Bemühungen in den USA um eine Aufhebung des Embargos nachdrücklich unterstützte.

Er war hierfür geradezu prädestiniert aufgrund seiner engen und vertrauensvollen Beziehungen zu den höchsten Kreisen der amerikanischen Wirtschaft und Politik. Er saß - als einziger Ausländer - im Board der Exxon Corporation, war Mitglied der europäisch-nordamerikanischen Bilderberg-Konferenz sowie der überaus einflussreichen Trilateralen Kommission EU-USA-Japan. Otto Wolff war ein Freund von David Rockefeller, Henry Kissinger und vieler anderer einflussreicher Zeitgenossen. Weil er eine so hohe Wertschätzung genoss, schenkte man ihm Gehör. Die verhängten Sanktionen wurden noch im selben Jahr wieder aufgehoben.

Neben dem Vorsitz des Ostausschusses hatte Otto Wolff ab 1969 auch das Amt des Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) inne, den er fast 20 Jahr lang prägte. In dieser Doppelfunktion war er damals zweifellos der prominenteste Wirtschaftsvertreter Deutschlands, gesuchter wirtschaftspolitischer Gesprächspartner rund um den Globus mit einem weltumspannenden Netzwerk und großem Einfluss.

„Möglich war dies aber auch durch die klare Haltung Otto Wolffs, die Geschäftsinteressen seiner Unternehmen von seinen Verbandsaufgaben zu trennen. Ich kann mich an keinen Fall erinnern, in dem er beides miteinander vermengt hätte. Das war eine Ausnahme, eine höchst respektable Ausnahme.“ (Otto Graf Lambsdorff)

Als sich Ende der 80er und Anfang der 90ger Jahre die politische Landschaft Osteuropas und der Sowjetunion dramatisch veränderte, bekam auch das Engagement Otto Wolffs eine neue Gewichtung. Er wandte sich verstärkt den Reformprozessen in Osteuropa zu und engagierte sich kontinuierlich für die Integration der Nachfolgestaaten der UdSSR in die Weltwirtschaft. Gorbatschow, Jeltzin und auch Putin waren in Köln seine Gäste.

Ab dem Jahr 1993 begleitete er aktiv den Aufbau der Delegation der Deutschen Wirtschaft in der Russischen Föderation. Dem Verband der Deutschen Wirtschaft in der Russischen Föderation stand Otto Wolff seit dessen Gründung 1995 als Präsident vor und war bis zu seinem Tode im März 2007 dessen Ehrenpräsident.

Sein oberstes Anliegen war dabei stets die Umwandlung der beiden Organisationen in eine bilaterale Auslandshandelskammer, sobald die Zeit dafür reif wäre. Als er kurz vor seinem Tode von der bevorstehenden Gründung erfuhr, hatte ihn das sehr erfreut. Aber leider erlebte er diese nicht mehr.

Otto Wolff hat das hohe Ansehen, das er gleichermaßen in Deutschland wie in Russland genoss, von Anfang an in den Dienst des Verbandes gestellt und ihm dadurch besonderes Gewicht verliehen. Darüber hinaus hat sein Wirken insgesamt wesentlich dazu beigetragen, dass die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen heute so gut sind, wie nie zuvor. Dafür gebührt Otto Wolff unser aller Dank.

Quellen:

Otto Wolff von Amerongen: Der Weg nach Osten. München, 1992.

Peter Danylow; Ulrich Soenius (Hg.): Otto Wolff. Ein Unternehmen zwischen Wirtschaft und Politik. München 2005.

Otto Graf Lambsdorff: Rede anlässlich der Gedenkfeier für Otto Wolff von Amerongen am 26.11.2007 in Berlin.

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