„Das ist viel mehr als nur Fußball!“

20 Jahre Roter Hammer Moskau. Ein Rückblick von Jens Böhlmann, Roter Hammer Moskau

Selbst die Altvorderen wissen es heute nicht mehr so genau: Wie und wann der Hammer zu seinem Namen kam. 1989, in der Umkleidekabine in Fili, soll es gewesen sein, oder in der Warsteiner Stube oder in der Sauna. Nur über eines sind sich die „alten Herren“ einig, es war viel geistig Anregendes im Spiel. In Moskau erzählte man sich zu dieser Zeit, dass irgendwelche verrückten Deutschen Fußball spielen und selbst der KGB soll sich für die Truppe mit dem martialischen Namen interessiert haben. Aber begonnen hat alles noch viel früher, irgendwann in den Siebzigern als sich ein paar Deutsche trafen, um gemeinsam zu kicken – an wechselnden Orten mit wechselnder Besetzung. Am Anfang reichte ein Stückchen Rasen und Tore aus Taschen.

Thomas Muhler ist einer der ganz enthusiastischen, die alles mit heißem Herzen und mit vollem Einsatz machen. Er ist von Anfang an dabei und der wohl beste Torwart, den der Hammer je gehabt hat. Immerhin hatte es mit ihm einen Spieler von der Frankfurter Eintracht vom Main an die Moskwa verschlagen. Der Stolz auf das Erreichte und die vergangenen 20 Jahre sind ihm deutlich anzusehen. „Der Rote Hammer, das war und ist immer schon mehr als Fußball gewesen, das ist Tradition und Zusammengehörigkeitsgefühl. Früher hast Du in der Kabine mehr erfahren, wo Du was wie bekommst als irgendwo sonst in der Stadt.“ Muhler hat es geschafft, dass zum 20-jährigen die „Alten“ extra aus Deutschland nach Moskau gekommen sind und beim Jubiläumsturnier als „Roter Hammer a. D.“ antraten. Er hat es geschafft, dass der Gesandte der Deutschen Botschaft das Turnier eröffnete, und ihm ist es zu danken, dass die Party in der Deutschen Botschaft zu einem rauschenden Fest wurde; und zu einer Feier der Erinnerungen mit Film, Fotos, Anekdoten, einer Jubiläums-CD. Der Ruf des Hammers hallte in den frühen Neunzigern bis in deutsche Fernsehanstalten, die in einer wohl einmaligen Dokumentation festgehalten haben, was der Hammer auch war. Günter Benker, seit Jahrzehnten mit Russland und dem Roten Hammer verbunden, blickt zurück in eine „wilde und spannende Zeit“, in der „die deutsche Community noch fest zusammengehalten hat. Da hat dich der Botschafter noch mit Namen gekannt und gegrüßt. Beim Hammer sind Freundschaften entstanden - mit Russen, mit Deutschen, mit ‚Ösies’ -  die halten bis heute. Viele von uns sind schon seit Jahren wieder in Deutschland und trotzdem mit Moskau verbunden.“ Die Fotos, der Film, die Geschichten und vor allen Dingen die Menschen machen deutlich wie sehr die jeweils Aktiven den Gedanken an eine (fußballerische) Einheit gelebt haben.

„Der Rote Hammer ist wie eine Insel, auf die wir uns zurück ziehen können“, sagt einer, der seit 1995 dabei ist. Thomas Mundry, Doktor der Jurisprudenz und Vorstandsmitglied weiß von seinem „Vorstellungsgespräch“ Erstaunliches zu berichten: „Irgendwann hat mich einer angesprochen und gefragt, ob ich Fußball bei dem deutschen Verein in Moskau spielen möchte. Aber damit nicht genug. Sie dürfen mal bei uns mitspielen, und dann schauen wir, ob sie zu uns passen.“ Ganz so elitär geht es heute nicht mehr zu. Jeden Dienstag treffen sich die Hämmer zum Training im MGIMO-Stadion, um vor allen Dingen Spaß am Fußball spielen zu haben und die entstandenen Freundschaften zu pflegen, denn daran hat sich seit 20 Jahren nichts geändert, auch wenn wie Mundry es scherzhaft formuliert: „der Leistungsgedanke nicht mehr so im Vordergrund steht, immerhin haben wir früher auch mal Turniere gewonnen.“ Der nächste Versuch wird schon am 11. Juli beim Bierfestturnier im Luschniki-Stadion unternommen. Auch wenn nach oben noch Potential bleibt, ist klar: „Wir sind und bleiben der deutsche Fußballverein, um nicht zu sagen der deutsche Sportverein, in Moskau. Wir sind eine verschworene Truppe, die sich hilft und auch mal aneinander gerät. Wir fahren zusammen ins Trainingslager, feiern Weihnachten gemeinsam, gewinnen und verlieren zusammen. Wir sind ein lebendiger Verein, mit Tradition und Zukunft. Wir sind ganz einfach: der Rote Hammer Moskau.“ So klingt es, wenn einer aus den jüngeren Reihen, Bernd Hones, über den Roten Hammer spricht.

Das Sportliche ist schnell erzählt. Bei Kaiserwetter standen sich zum Jubiläumsturnier am vergangen Samstag im Stadion des MGIMO acht Mannschaften gegenüber: Bolschoj-Theater, die Truppe von Axel Springer, Maracana, die Elf des MGIMO, Rehau, die Kroaten, Roter Hammer und Roter Hammer adé, auch liebevoll die deutsche Außenstelle genannt. Gespielt wurde in zwei Gruppen, danach Halbfinale und Finale. Wir hatten uns viel vorgenommen, der Geist war willig, doch das Fleisch… Am Ende hieß es Platz fünf für den jüngeren Hammer und Platz sechs für die Gründungsväter. Gewonnen hat Maracana in einem Endspiel gegen die Springer-Jungs, das im Fünf-Meterschießen 2 : 1 ausging. Am Ende zählte natürlich der olympische Gedanke: Dabei sein ist alles. Und die Erkenntnis, der Rote Hammer Moskau ist und bleibt eine Institution.

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