VERKEHRSINFRASTRUKTUR IM AUFBAU

Der russische Staat hat 2008 rund 421 Milliarden Rubel (11,5 Milliarden Euro; Jahreswechselkurs: 1 Euro = 36,54 Rubel) in den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur des größten Landes der Welt gesteckt. Das waren 42 Prozent mehr als noch 2007. Bisher mehren sich die Anzeichen, dass 2009 sogar noch mehr investiert werden dürfte. Und das trotz des derzeit schrumpfenden Güterverkehrsaufkommens auf Russlands Straßen, Schienen und Flughäfen. BERND HONES, GTAI

Der Warentransport ist im ersten Quartal 2009 im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum um 17,6 Prozent geschrumpft. Dazu haben die stark gesunkenen Bahntransporte wesentlich beigetragen. Deren klassische Auftraggeber, Metallurgiekonzerne, Baumaterialhersteller und Erdölförderer haben in diesen Monaten die Produktion merklich zurückgefahren. RschD etwa verzeichnete ein Minus beim Frachtaufkommen von knapp 28 Prozent und einen Verlust von 26,8 Milliarden Rubel (611 Millionen Euro, Wechselkurs vom 27.4.09: 1 Euro = 43,87).

Um wieder aus den roten Zahlen zu kommen, geht der RSchD-Konzern jetzt neue Wege: Erstmals in ihrer Geschichte will die Staatsbahn im Sommer 2009 Ermäßigungen auf Passagiertickets einräumen - im besten Fall können Fahrgäste bis zu 40 Prozent des gewöhnlichen Ticketpreises sparen. Die üblichen Sommeraufschläge sollen komplette gestrichen werden, es wird Frühbucherrabatte geben, auf schwach frequentierten Verbindungen gibt es obendrein noch 20 Prozent Vergünstigung. Außerdem sollen in den weniger komfortablen Sonderzügen Sparpreise gelten. RSchD erwartet dadurch einen deutlich niedrigeren Einbruch bei den Passagierzahlen, zunächst war der Staatskonzern von einem Rückgang von 8,5 Prozent im Vergleich zu 2008 ausgegangen. Die Rabattaktion soll das Minus auf fünf Prozent begrenzen und dem Konzern drei Milliarden Rubel in die Kasse spülen.

Dieses Geld reicht natürlich bei weitem nicht, um die ambitionierten Modernisierungspläne für das laufende Jahr zu finanzieren. Schließlich prognostiziert der Bahnriese für 2009 einen Rückgang beim Güterverkehr um 19 Prozent und Verluste von 50 Milliarden Rubel. Deshalb muss frisches Kapital aus dem föderalen Haushalt her. Dafür hat sich Mitte April 2009 auch Premierminister Wladimir Putin stark gemacht. Neben Investitionen in Höhe von 252 Milliarden Rubel, für die die Finanzierung bereits steht, gibt es weitere 50 Milliarden Rubel vom russischen Staat als Ausgleich für zurückgestellte Tariferhöhungen sowie - aller Wahrscheinlichkeit nach - eine weitere Finanzspritze in Höhe von 100 Milliarden Rubel. Damit läge das Investitionsvolumen für 2009 wieder über 400 Milliarden Rubel.

Mit dem schiebt RSchD auch im asiatischen Teil Russlands eine Reihe von großen Projekten an, etwa in der Republik Sacha. Der Konzern wird unter anderem für 75 Milliarden Rubel(1,71 Milliarden Euro) eine 377 km lange Strecke zwischen Kerkakit, Tommot und Jakutsk bauen. Zusätzlich sollen bis 2020 weitere 1700 km Schienenstrecken verlegt werden. Ein prioritäres Projekt ist zum Beispiel die Verbindung zwischen Jakutsk, Moma und Magadan. Das 735 km lange Stück der ersten Bauetappe soll 144 Milliarden Rubel (3,2 Milliarden Euro) kosten.

Nicht nur in das Schienen-, sondern auch in das Straßennetz Jakutiens fließen in den nächsten Jahren großen Summen: 2000 km Bundes- und Regionalstraßen werden gebaut. Aus dem föderalen und regionalen Haushalt kommen dafür 160,6 Milliarden Rubel (3,7 Milliarden Euro). Zu den Projekten gehören die föderalen Magistralen “Kolyma“ (Jakutsk - Magadan), “Lena“ (B. Newer - Jakutsk) sowie “Wiljui“ (Tulun - Bratsk - Ust-Kut - Mirnyi - Jakutsk) und die Regionalstraßen “Amga“, “Kobjai“, “Umnas“ und “Jana“. Obwohl das Gebiet achtmal größer ist als die Bundesrepublik Deutschland, gibt es in der gesamten Republik Sacha gerade einmal 623 km befestigte Straßen.

Der Ausbau des Straßenverkehrsnetzes besitzt nicht nur in der dünn besiedelten sibirischen Republik, sondern in ganz Russland einen hohen Stellenwert. Eine große Rolle dürfte dabei eine geplante russlandweit agierende Straßenbaufirma spielen, in deren Einflussbereich bis 2015 rund 6.000 km Straßen übertragen werden sollen. Es soll sich dabei um wichtige Verkehrsadern handeln - etwa von Moskau nach Tscheljabinsk oder nach Nowosibirsk. Entlang der üblichen Strecken sollen neue Mautautobahnen entstehen. Neben Verkehrsminister Igor Lewitin unterstützt auch Präsident Dmitri Medwedew die Bezahlautobahnen, solange die parallel dazu verlaufenden kostenfreien Strecken erhalten blieben.

Der Gütertransport auf der Straße brach zwar - wie viele andere Transportarten auch - im 1. Quartal 2009 gewaltig ein. Allerdings sehen Verkehrsexperten trotz Krise genau in diesem Sektor Investitionsbedarf. Und auch Landeskenner wie etwa der für Russland zuständige Weltbankvertreter Klaus Rohland halten diese Maßnahmen für sinnvoll, um die Basis für nachhaltiges Wachstum im Lande zu schaffen und erneuten Engpässen bei einer Revitalisierung der Wirtschaft vorzubeugen, sagte er im Interview Germany Trade and Invest in Moskau.

Ein positives Zeichen in die richtige Richtung ist daher die Ankündigung der Regierung, für die St. Petersburger Westtangente aus dem Haushalt 2009 eine Kofinanzierung von sechs Milliarden Rubel und für das Folgejahr sogar 14,6 Milliarden Rubelbereitzustellen. Im Budget der Hafenstadt sind zusätzliche drei Milliarden Rubel(2009) beziehungsweise 3,6 Milliarden Rubel (2010) vorgesehen.

Für den Weiterbau der Amur-Strecke von Tschita nach Chabarowsk investiert die Regierung der russischen Föderation 2009 rund 14 Milliarden Rubel. Das hat Verkehrsminister Igor Lewitin Mitte April in Irkutsk bekannt gegeben. Damit soll das Projekt im Jahr 2010 endgültig fertig gestellt werden.

Auch im Gebiet Nischni Nowgorod wird auf Staatskosten weiter gebaut: 7,5 Milliarden Rubel sollen in den Erhalt und den Bau neuer Trassen investiert werden. Das wäre 1,7 mal mehr als noch im Vorjahr. Ein Teil des Geldes fließt auch in den Abschluss der Projektierung einer neuen Wolgabrücke im Kreis Podnowja, einem Vorort von Nischni Nowgorod. Laut dem Gouverneur des Gebietes, Waleri Schanzew, dürfte der Bau der Brücke 48 Milliarden Rubelkosten und von 2010 bis 2015 dauern.

Russlands Warenumschlag nach Verkehrsträgern (in Milliarden t-km)

Verkehrsträger

2008

Veränd. 08/07 in  Prozent

Veränd. 1. Quartal 09/1. Quartal 08

Gesamtes Frachtvolumen, davon

4.944,0

0,6

-17,6

.Bahntransporte

2.113,2

1,1

-25,8

.Straßentransporte

215,5

4,1

-17,3

.Schiffstransporte, darunter

 

 

 

..Binnenschifffahrt

63,5

-26,1

-15,1

..Hochseeschifffahrt

84,6

30,1

32,0

.Lufttransporte

3,7

7,6

-27,4

.Pipelinedurchleitung

2.463,5

0,0

-11,9

Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation

Investitionsprogramm RSchD 2009 (in Milliarden Rubel)

Projekt

Kosten in Milliarden  Rubel

Erneuerung des Fuhrparks (Passagierwaggons)

19,5

Schienenverbindung (Zentral- nach Südrussland), Ausbau des Hafenzugangs am Finnischen Meerbusen, Ausbau des Moskauer Verkehrsknotens

20,9

Schienenbau

17,2

Kauf von 13.600 Güterwaggons bei Uralwagonsawod *)

k.A.

*) entsprechend der vor Beginn der Wirtschaftskrise gefassten Investitionspläne

Schienentransporte nach Art der Fracht (in Millionen t)

Frachtart

2008

Veränderung 08/07 in Prozent

Veränderung. 1. Quartal 09/ 1 Quartal 08

Frachtvolumen insgesamt, davon

1.303,7

-3

-27,1

.Steinkohle

296,6

3,6

-20,4

.Koks

12,2

-2,7

-40,9

.Erdöl und Erdölprodukte

232,1

-0,4

-6,0

.Eisenerz und Manganerz

102,3

-7,2

-26,4

.Buntmetalle

24,8

-3,9

-23,5

.Schwarzmetalle

78,7

-5,4

-32,5

.Alteisen

24,6

-8,4

-46,9

.chemische und mineralische Düngemittel

42,1

-6,7

-22,5

.Baumaterialien

197,1

-1,8

-50,6

.Zement

36,0

-13,1

-39,1

.Holz

55,4

16,1

-43,0

.Getreide und andere Erntegüter

24,1

-11,1

21,9

.Mischfutter für Viehzucht

1,4

0,4

-28,4

.importierte Güter

15,6

8,6

-55,4

Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation

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