„RUSSLAND IST LANGFRISTIG DIE RICHTIGE ENTSCHEIDUNG“

MONIKA HOLLACHER UNTERHIELT SICH DEM KONZERNBEAUFTRAGEN RUSSLAND DES VOLKSWAGENKONZERNS, DIETMAR KORZEKWA, ÜBER DAS GUTE ABSCHNEIDEN DES KONZERNS IM ERSTEN QUARTAL UND DEN RUSSISCHEN AUTOMOBILMARKT IN KRISENZEITEN.

Eigentlich kann man Ihnen Gratulieren: Volkswagen hat im ersten Quartal in Russland gute Zahlen vorgelegt. Sind Sie zufrieden?

Was unseren Marktanteil betrifft sind wir sehr zufrieden. Wir haben es geschafft, innerhalb von 14 Monaten unseren Anteil von knapp drei Prozent auf über sieben Prozent zu steigern. Während der Gesamtmarkt um 41 Prozent zurückgegangen ist, haben wir ein Plus von 15 Prozent gemacht.

Worauf führen Sie das zurück?

Da greifen mehrere Faktoren ineinander: Durch unser Investment in Kaluga können wir hier marktgerechtere Preise als andere anbieten. Unser Produktprogramm ist jung und attraktiv und im Gegensatz zu den Vorjahren haben wir unsere Marketingaktivitäten deutlich gesteigert. Dazu kommt natürlich auch der gute Ruf unserer einzelnen Marken.

Insgesamt hat es im ersten Quartal eine deutliche Preisbewegung gegeben. Wenn der Rubel um mehr als 20 Prozent zum Euro verfällt und die Zölle um fünf Prozent angehoben werden, dann ist es klar, dass die Fahrzeugbauer dies im Preis weitergeben müssen, wenn sie etwas verdienen wollen. Wir haben unsere Preise sehr vorsichtig erhöht, auch das spielt sicherlich eine Rolle bei unserem guten Abschneiden im ersten Quartal.

Wie sehen Ihre Produktions- und Verkaufsziele für 2009 aus? Bis wann will Volkswagen die Vollauslastung des Werkes erreichen?

Unter den jetzigen Gegebenheiten ist es sehr schwer, Zahlen zu nennen. Das wäre Glaskugelguckerei. Im letzten Jahr sind wir von einem Gesamtmarkt von 3,1 bis 3,2 Millionen für 2009 ausgegangen, dann war irgendwann von 2,2 Millionen die Rede und jetzt gibt es schon Prognosen, in denen 1,4 Millionen geschätzt werden. Alle zwei Wochen kommen neue Zahlen.

Wir sind zwar nicht eins zu eins abhängig von der Entwicklung des Gesamtmarkts, aber wir sind auch nicht gänzlich losgelöst. Wenn sich der Markt halbiert, spüren wir das selbstverständlich auch in unseren Gesamtabsatzzahlen. Es ist nicht möglich, angesichts dieser unsicheren Gesamtprognosen, Zahlen für unseren Absatz vorauszusagen. Wir fahren auf Sicht, das heißt wir passen uns den aktuellen Marktgegebenheiten an. Wir sind davon überzeugt, dass wir uns in Bezug auf den Marktanteil gut behaupten werden, aber absolute Verkaufszahlen für 2009 können wir nicht prognostizieren.

Eine Vollauslastung hängt von der weiteren Entwicklung der Wirtschaftskrise ab. Schwankungen in der Automobilindustrie und in Weltwirtschaft insgesamt sind schließlich normal und kommen regelmäßig vor. Folglich gibt es auch Erfahrungswerte, in welchem Zeitraum der Ausgangspunkt wieder erreicht sein wird. Nur diesmal ist es nicht allein die Finanzkrise, die uns das Leben schwer macht. Wir rechnen aus unseren Erfahrungen damit, dass der Gesamtmarkt in drei bis fünf Jahren wieder auf dem Niveau von 2008 ist. Auch wird es nicht die rasanten Steigerungsquoten geben, die noch im letzten Jahr erwartet wurden.

Wir haben unser Investment – vielleicht in weiser Voraussicht – in zwei Stufen geplant. Für die erste Stufe eine Fertigung von 150 000 Fahrzeugen, die dann in einer zweiten Stufe aus 300 000 ausgeweitet werden kann. Momentan kann von der zweiten Stufe keine Rede sein. Es geht jetzt darum, die vorhandenen Kapazitäten auszulasten.

Wie begegnen Sie der Wirtschaftskrise in Kaluga?

In erster Linie senken wir die Arbeitszeiten. Dazu haben wir unsere Schichten reduziert. Entlassungen konnten wir so bisher vermeiden.

Ansonsten versuchen wir Lobbyarbeit zu machen. Dies nicht nur über die Kammer, sondern wir versuchen auch direkt mit den entsprechenden Ministerien zu sprechen. Präsident Medwedew war vor kurzem in Berlin und unsere Vorstandsvorsitzender konnte, auf Einladung der Kanzlerin, unsere Vorstellungen davon unterbreiten, was die russische Politik tun könnte, um die Konjunktur der Automobilbranche in Russland anzukurbeln.

Sind Sie denn mit den Antikrisen Maßnahmen der Russischen Regierung zufrieden? Profitiert Volkswagen davon?

Wir halten uns als Unternehmen mit Kommentaren über politische Entwicklungen zurück. Was die Maßnahmen der russischen Regierung für Automobilindustrie betrifft, so halten wir die Entscheidung, statt Abwrackprämie zinsvergünstigte Kredite zu subventionieren, zunächst einmal für richtig. Allerdings hat die Umsetzung zu lange gedauert und außerdem werden diese zinsvergünstigten Kredite nur für Modelle unter 350 000 Rubel gewährt. Das benachteiligt alle russischen Unternehmen, die eine ausländische Mutter haben. Wir haben hier sehr viel investiert und möchten an solchen Programmen partizipieren können. Es kann auch nicht im Sinne der russischen Volkswirtschaft sein, uns auszuschließen, denn unsere Autos haben höhere Umwelt- und Sicherheitsstandards, auch wir beschäftigen viele Menschen und zahlen Steuern. Benachteiligt wird letztendlich auch der russische Kunde. Außerdem ist selbst mit Kreditvergünstigung ist die Verfügbarkeit von Krediten sehr schlecht.

Ein weiteres Manko: Für die Vergabe von Staatsaufträgen existieren Listen, in denen wir und andere Kollegen, die in Russland produzieren, nicht aufgeführt werden. Auch das muss sich ändern.

Wir sind selbst Kreditnehmer und das extrem hohe Zinsniveau in Russland behindert uns stark. Dazu kommt die Unsicherheit der Rubelentwicklung. Dies führt dazu, dass Ansiedlungsvorhaben von Automobilzulieferern auf Eis gelegt werden. Auch das ist nicht nur für uns, sondern auch für die russische Volkswirtschaft ungünstig. Denn die wenigen einheimischen Zulieferer sind nicht in der Lage, wettbewerbsfähige Produkte anzubieten. Die russische Automobilzulieferindustrie braucht dringend Investitionen aus dem Ausland, um wettbewerbsfähig zu werden.

Können Sie unter diesen Bedingungen überhaupt den Lokalisierungsbedingungen nachkommen?

Eigentlich gibt es keine Lokalisierungsforderung. Nach Dekret 166 muss in bestimmten Zeitabständen die Zollstückliste um zehn, 20 und 30 Prozent gekürzt werden. Dies können Sie über Lokalisierung oder aber durch Zollzahlung für diese Prozente erreichen. Die ersten zehn Prozent können wir noch über Modulumfänge erreichen. Aber dann muss in den nächsten 14 Monaten eine deutliche Veränderung der Rahmenbedingungen kommen, damit ein Investment wieder leichter gemacht wird.

Natürlich können wir Zoll zahlen, aber es macht schließlich auch für die russische Regierung mehr Sinn, die Wirtschaft zu entwickeln, als lediglich Zollzahlungen zu kassieren. Auch zeigt die Erfahrung, dass Zollerhöhungen eine wettbewerbsfähige und internationale Entwicklung der heimischen Industrie eher verhindern. Es handelt sich immer nur um einen kurzfristigen Schutz.

Wollen Sie Ihre Modellpalette zukünftig erweitern?

Wir produzieren in Kaluga, anders als in anderen Niederlassungen, ausschließlich für den russischen Markt. Würden wir unsere Modellpalette hier vollständig abdecken wollen, könnten wir nur sehr kleine Stückzahlen produzieren, das wiederum lohnt sich nicht für die Zulieferer. Und wir können dann nicht günstiger produzieren als in Mitteleuropa.

Wir haben jetzt in der Vorphase ein sehr breites Spektrum, das wir aber in der Vollphase sicher nicht durchhalten können. Den ursprünglich vorgesehenen Umfang von fünf Modellen in der Hauptphase, werden wir sicher nicht erhöhen. Nur hohe Stückzahlen sind für die Zulieferer attraktiv.

Hat sich Ihre Entscheidung für eine Greenfield Lösung in Kaluga bewährt?

Wir bevorzugen immer eine Greenfieldlösung, weil wir glauben – und unsere Erfahrung hat es bestätigt –, dass wir unsere internationalen Ansprüche an Produktivität und Qualität am besten mit einer Greenfieldlösung sicherstellen können. Es ist immer schwieriger alte Strukturen zu verändern, als neue zu schaffen.

Und Kaluga war auch die richtige Wahl?

Auf jeden Fall. Wir haben damals über vierzig Regionen geprüft. Natürlich haben wir uns auch St. Petersburg angeschaut, aber die Logistik dort ist schwierig. Der Hafen ist völlig überlastet, es gibt kein Hinterland außer Sümpfe und die aktuellen Erfahrungen unserer Mitbewerber zeigen, dass wir Recht behalten haben. In Kaluga ist alles mit Ausnahme eines internationalen Flughafens ausreichend vorhanden. Das wird aber durch die Nähe zu Moskau wettgemacht.

Was würden Sie anderen Unternehmen, die ein Investment planen, empfehlen?

Obwohl es sehr schwer ist, antizyklisch zu investieren, ist es trotzdem die richtige Entscheidung jetzt zu investieren, damit man günstig bauen kann und startbereit ist, wenn die Konjunktur wieder anzieht. Vielleicht muss man noch etwas warten, bis sich die Unsicherheiten bezüglich der Währung und der hohen Zinsen gelegt haben. Aber grundsätzlich glauben wir daran, dass Russland langfristig die richtige Entscheidung ist.

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