Zivildienst in Kirgistan – Reifeprüfung jenseits des Urals

DIE ALTERNATIVEN ZUM WEHRDIENST IN DEUTSCHLAND SIND VIELFÄLTIG: DER ERSATZDIENST KANN AUCH IM AUSLAND GELEISTET WERDEN. ÜBER SEINE PERSÖNLICHEN ERFAHRUNGEN BEI SEINEM ZIVILDIENST IN KIRGISTAN SCHREIBT NIKIAS WAGNER, AHK.

Die frühen Morgenstunden waren grade angebrochen, als mein Flugzeug auf dem Bischkek Manas International Airport landete. Wo genau liegt Bischkek? Und warum in aller Welt fliegt man da hin? – Die Geschichte fängt früher an, genauer gesagt, ein Jahr früher: Kurz vor dem Abitur traf der Brief des Kreiswehrersatzamtes ein, die obligatorische Musterung rückte unweigerlich näher. Aber da ich zum damaligen Zeitpunkt noch nicht genau wusste, was ich studieren wollte, erschien mir der „Andere Dienst im Ausland“, die Möglichkeit Zivildienst in einem anderen Land zu leisten, eine gute Entscheidung. Aber wohin genau? Frankreich oder England, das klang zwar ganz nett, aber es zog mich weiter weg.

Wenn schon, denn schon, dachte ich mir und wählte ein Straßenkinderheim in Bischkek, der Hauptstadt der Zentralasiatischen Republik Kirgistan. Man hätte auch in Projekten in Buenos Aires, Sydney, Katmandu oder Wladiwostok arbeiten können, aber Kirgistan klang exotisch und versprach Horizonterweiterung. Offiziell gibt es in Kirgistan eigentlich gar keine Straßenkinder, so belehrte mich der Chef der kirgisischen Konsularabteilung beim Visa-Antrag aufgebracht. Die Realität in ‚meinem’ Straßenkinderheim, dem Zenter Reabilitazsiyi Besprisornych Detej, sah allerdings anders aus.

Ich konnte kein Wort Russisch, und in dem Crashkurs, den ich kurz vor meiner Ausreise belegte, faszinierten mich die hübschen Augen der Russischlehrerin mehr als der Zauber des Weichheitszeichen und anderer Tücken der russischen Sprache. Dennoch lernte ich vor meiner Ausreise nach Kirgistan das russische Alphabet und ein paar Vokabeln.

Vor lauter Aufregung verwechselte ich dann gleich bei meiner Ankunft an der Zollkontrolle im Flughafen Privet und Poka, die russische informelle Begrüßung und Verabschiedung. Etwas später, auf die Frage einiger Heimkinder, ob ich eine Dewuschka hätte, erklärte ich stolz, dass ich zwar kein Dewuschka habe, aber dafür eine Babuschka (Ich hatte die im Russischen ähnlich klingenden Wörter für Freundin (Dewuschka) und Großvater (Deduschka) verwechselt).

Ich zog bei einer kirgisischen Gastfamilie ein, und dank ihnen und vor allem dank der Kinder im Heim lernte ich mit einer Geschwindigkeit Russisch, die mich bis heute selber erstaunt. Ich erhielt Einblicke in Sprache und Gesellschaft, die Ausländern sonst eher verschlossen bleiben: Ich kann heute noch im Schlaf das Russische Märchen von Kolobok und Krasnaya Shapochtchka erzählen, und den Rap, den ich mit der älteren Gruppe des Heims einstudiert hatte, habe ich immer noch manchmal im Ohr.

Die Tätigkeiten im Kinderheim musste ich mir größtenteils selber suchen, was einerseits eine Herausforderung war, andererseits auch viel Raum für eigenes Gestalten und Ideen ließ. Anfangs bastelten mein Zivi-Kollege und ich mit den Kindern Paperflieger, organisierten Sportturniere oder lasen Geschichten vor. Später wagten wir uns an größere Projekte heran und spielten Theater mit den älteren Kindern, bauten hölzerne Schmuckschatullen, es folgten ein Hasenstall und ein Hühnerhaus. Als Frank-Walter Steinmeier auf Delegationsreise in Zentralasien war, konnten wir durch Glück den Repräsentanten einer großen deutschen Firma dafür gewinnen, das Heim großzügig finanziell zu unterstützen.

Abends machten wir die Stadt unsicher, tanzten zu langsamen russischen Balladen und heißem usbekischem Pop, lernten Kultur, Menschen und Schicksale kennen, schlossen Freundschaften, diskutierten nächtelang über zentralasiatische Politik und halfen der Gastfamilie beim Schafschlachten. Bei einer der zahlreichen Feiern wurde mir eine aus westeuropäischer Sicht eher zweifelhafte große kirgisische Ehre zuteil: Ich sollte mir mit meinem Gastbruder ein ausgekochtes Schafsauge teilen – damit wir uns immer gegenseitig sehen können. Dieser Bund fürs Leben musste selbstredend mit dem allgegenwärtigen selbst destillierten Wodka gebührend gefeiert werden.

Aber nicht alles war perfekt. Meine erste Gastfamilie trank, der Gastvater schlug seine Frau und ich erlebte meinen ersten Winter mit minus 30 Grad Celsius. Die Unterstützung der Trägerorganisation ließ zu wünschen übrig, meine zweite Gastfamilie suchte ich mir selber. Die Arbeit im Heim war oft schwierig und die Schicksale der Kinder hart und traurig: Dem Elternhaus entflohen, leben die Kinder in einem Alltag, der von Armut, Gewalt und Alkoholismus geprägt ist. Kälte und Hunger, Krankheiten und Probleme mit der Polizei kommen hinzu. Erleichterung suchen die oft schon früh drogenabhängigen Kinder beim Klebstoffschnüffeln oder im Wodkatrinken.

Was kann man als Zivildienstleistender in so einer Situation bewirken und wie geht man mit den Herausforderungen um? Ist die Arbeit verlorene Liebesmüh? Ein ausländischer Besucher, der das Kinderheim einmal besuchte, verkündete mir, dass die Arbeit „ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein“ sei. Vielleicht hat er Recht. In jeden Fall bin ich dankbar, dass ich Teil dieses Tropfens sein durfte: Aus Sicht der Kinder haben wir zwar nicht ihr Leben retten können, aber dazu beigetragen, dass sie ausgelassene und unbeschwerte Momente erleben durften. Manchmal konnten wir sie trösten, und immer wieder versuchten wir ihnen zu vermitteln, dass Sie etwas Wert und wunderbare Menschen sind.

Wenn ich überlege, was ich persönlich aus diesem Jahr mitgenommen habe, weiß ich gar nicht wo ich anfangen soll. Es war für mich wohl der erste Schritt in die Selbstständigkeit, ins Erwachsenwerden und in die russischsprachige Gesellschaft. Es hat lange gedauert, bis ich mich nach all den Eindrücken und Erfahrungen in Europa wieder zurechtgefunden habe. Der Zivildienst im Ausland war eine unglaubliche Erfahrung und Chance, die ich jedem empfehlen kann.

Fakten – Engagement im Ausland als Ersatzdienst / FSJ

Der freiwillige Dienst im Ausland steht nach erfolgreicher Bewerbung bei einer anerkannten Trägerorganisation allen jungen Menschen im Alter von 16 bis 27 Jahren beiden Geschlechts offen. Der Dienst kann in einem Zeitraum von sechs bis 24 Monate geleistet werden, Verlängerungen sind u. U. möglich. Um den Dienst als Wehrersatzdienst anerkennen zu lassen, muss der Dienst in mindestens elf zusammenhängenden Monaten geleistet werden. Es gibt fast in jeder größeren Stadt auf der Welt Möglichkeiten einen Freiwilligendienst zu leisten.

Viele Freiwilligenprogramme werden durch das weltwärts Programm des BMZ subventioniert und z. T. zahlen die empfangenden Einrichtungen auch ein Taschengeld (dies gilt nicht in Schwellen- und Entwicklungsländern). Oft muss Versicherung, Anreise, etc. selber getragen werden. Wichtig ist die Suche nach einer guten Trägerorganisation, welche entsprechende Vorbereitung, Betreuung vor Ort als auch Nachbereitung des Dienstes anbietet. Es ist überdies interessant zu wissen, dass ein Freiwilligendienst auch für Nichtdeutsche möglich ist, die dann einen Dienst in einer sozialen Einrichtung in Deutschland absolvieren können.

Weiterführende Informationenfiden Sie unter: www.fsj-adia.de, www.pro-fsj.de, www.weltwaerts.de, www.go4europe.de, www.volunity.net, www.grenzenlos.org, www.quifd.de

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