KARRIERECHANCE MOSKAU

DIE GENERATION PRAKTIKUM IST IN MOSKAU ANGEKOMMEN. DIE JUNGEN AUSLÄNDER SIND AUF DER SUCHE NACH KARRIEREMÖGLICHKEITEN UND SELBSTERFAHRUNG. SIE EINT DAS INTERESSE FÜR AUSSERGEWÖHNLICHES. / NIKIAS WAGNER, AHK RUSSLAND.

Es zieht sie zu hunderten in die russische Millionenmetropole – immer mehr junge Menschen entdecken die Möglichkeit eines Praktikums in Moskau. Weder Wirtschaftskrise noch hohe Kosten für Unterkunft und Anreise konnten diesem Trend einen Abbruch tun. Vorwiegend in ihren Sommersemesterferien tauchen die jungen Leute in die Moskauer Arbeitswelt ein und arbeiten für politische Institutionen oder internationale Konzerne.


Was genau versprechen sich die jungen Menschen von den oft arbeitsreichen und selbstfinanzierten Praktika? Welche Herausforderungen und Erfahrungen erleben sie? Fest steht, dass der Großteil, der in Moskau tätigen Praktikanten, weder Abenteurer noch typische Durchschnittsstudenten sind. Vielmehr ist für viele die Berufserfahrung auf Zeit ein essentieller Karrierebaustein, der den Lebenslauf verschönern soll. Heutzutage sind Auslandspraktika für viele potenzielle Arbeitgeber selbstverständlich und häufig obligatorischer Bestandteil der Studiencurricula. Warum wählen jungen Menschen Moskau und nicht typische und bequemere Praktikumsdestinationen wie Paris, London oder New York? Die Beweggründe sind unterschiedlich.
Erin O’Grady (22), die zurzeit Praktikum in der Umweltabteilung der amerikanischen Botschaft in Moskau macht, bezeichnet sich als Russland Fanatikerin und hat ein Faible für alles Russische. Sie studiert an der amerikanischen Eliteuniversität William & Mary in Virginia zusammen mit 25 anderen Kommilitonen Post-Soviet Studies. Die Zeit in Moskau soll ihre Chancen auf dem heimischen Arbeitsmarkt verbessern und ihre Russischkenntnisse vertiefen. Nach ihrem Abschluss will sie sich für einen Masterstudiengang an der Staatlichen Universität St. Petersburg bewerben.


Maximilian Wessels (26) aus Utrecht absolviert sein Praktikum ebenfalls an einer Botschaft. Er verbindet seine Arbeit in der politischen Abteilung mit der Forschung für seine Masterarbeit über Russlands WTO Beitritt. In den Niederlanden hat er Internationale Beziehungen aus historischer Perspektive studiert. Er will herauszufinden, ob er sich vorstellen kann, längere Zeit im Ausland zu leben. Er interessiert sich für russische Geschichte und Literatur und hatte sich daher speziell auf Angebote in Moskau beworben. Er plant eine Karriere im diplomatischen Dienst, deshalb scheint ihm Arbeitserfahrung in einer Botschaft unabdingbar. Weit über die die Hälfte aller Praktikanten in Moskau ist in einer Botschaft oder internationalen Institution tätig.


Maxim Wilfert (29) kommt ursprünglich aus Gera und studiert Jura an der LMU in München. Zurzeit macht er ein dreimonatiges Praktikum bei der internationalen Rechtsanwaltskanzlei Beiten & Burkhardt in Moskau. Er steht kurz vor seinem zweiten Staatsexamen und die Zeit wird ihm als Teil seines Rechtsreferendariats angerechnet. Er hat bereits ein Austauschsemester an der juristischen Fakultät an der MGU studiert. Damals wollte er seine russischen Wurzeln kennen lernen, diesmal war es eine Liebe zu Land und Leuten, die ihn zurückkehren ließ.


Alle interviewten Praktikanten sind froh, dass sie einen Praktikumsplatz bekommen haben, auch wenn die Arbeit in den seltensten Fällen finanziell vergütet wird. Der Andrang, vor allem auf Plätze in internationalen Institutionen in Moskau, ist groß und viele, nicht minder qualifizierte Studenten und Absolventen stehen bereit eventuelle Lücken zu füllen. Erin O’Grady berichtet, dass sich auf Ihre Stelle 300 andere Interessenten beworben haben. Daher, da sind sich alle Praktikanten einig, braucht es neben herausragenden Studienleistungen und guten Kontakten auch eine gehörige Portion Glück, um einen Platz in Moskau zu ergattern.


Im Gegensatz dazu hält sich der Ansturm auf Praktika in ausländischen Industriebetrieben, die in Moskau tätig sind, in Grenzen. Dies liegt vor allem daran, dass diese Firmen nur in den seltensten Fällen ein Praktikantengehalt bezahlen. Da aber die Lebenshaltungskosten in Moskau trotz Krise immer noch hoch sind und häufig Praktikanten darüber hinaus noch Kosten für Anreise und Visum selbst tragen müssen, hat die finanzielle Absicherung des Praktikums für viele Praktikanten oberste Priorität. Ein Arbeiten ohne jegliches Gehalt kommt daher nur für wenige in Frage. Alle von uns interviewten Praktikanten erhalten ein Stipendium oder eine sonstige Drittmittelfinanzierung für ihr Praktikum. Ohne diese Förderung, so erzählen sie, wäre ihnen die Zeit in Moskau wohl nicht möglich gewesen.


Aber warum wird ausländischen Praktikanten fast nie ein Praktikantengehalt oder wenigstens eine Aufwandsentschädigung bezahlt? Dies ist kein falscher Geiz der ausländischen Unternehmen, sondern lässt sich mit den Widrigkeiten des russischen Arbeitsrechtes begründen. Steffen Kaufmann, Partner bei White & Case Moskau, erklärt die genauen Zusammenhänge: Das russische Arbeitsrecht macht keinen Unterschied zwischen Praktikanten und regulären Arbeitskräften. Dies heißt, Praktikanten muss in jedem Fall der gesetzliche russische Mindestlohn gezahlt werden. Wenn der Praktikant nicht die russische Staatsangehörigkeit besitzt, muss für ihn überdies eine Arbeitsgenehmigung sowie ein Arbeitsvisum beantragt werden. Dieser sehr komplizierte Prozess dauert mindestens drei Monate und bindet erhebliche Ressourcen der Firma. Das Beantragen einer Arbeitsgenehmigung über einen spezialisierten Dienstleister ist zwar für die Firma wesentlich einfacher, aber teuer. Laut Ekaterina Palagia von White & Case können hierfür Kosten von bis zu 10.000 Euro anfallen. Es ist daher verständlich, dass viele Praktikanten mit einem Geschäftsvisum bzw. Touristenvisum einreisen. Damit sich diese Notlösung nicht bei der nächsten Steuerprüfung offenbart, verzichten die Firmen auf Gehaltszahlungen an die Praktikanten. Viele Unternehmen machen sich jedoch nicht klar, dass es sich hierbei mitnichten um ein Kavaliersdelikt handelt, sondern um einen Verstoß gegen geltendes russisches Arbeits- und Ausländerrecht. Die staatliche Arbeitsinspektion kann bei Bekannt werden ein saftiges Bußgeld verhängen oder sogar, als Ultima Ratio, eine Geschäftsschließung anordnen. Allerdings betont Steffen Kaufmann, dass solch drastische Maßnahmen eher unwahrscheinlich sind. Solange das russische Arbeitsrecht allerdings keine Unterscheidung von Praktikanten und regulären Arbeitskräften vorsieht, werden in Moskau tätige Unternehmen sich weiterhin Tricks bedienen müssen, um ein aufwendiges Antragsverfahren für die Arbeitsgenehmigungen ihrer Praktikanten zu umgehen.


Was wird aus den Praktikanten nach Absolvieren ihres Praktikums? Erfüllen sich ihre ambitionierten Hoffnungen? Anna Comino, eine ehemalige Praktikantin, hat gleich zwei Praktika absolviert. 2003 arbeitete sie bei der NGO Human Rights Watch in Moskau und 2005 bei der Delegation der Deutschen Wirtschaft in Moskau. Sie interessierte sich für die russische Kultur und dieses Interesse bestätigte sich durch ihre Praktika. Heute, im Rückblick, ist sie sich sicher, dass die Zeit in Russland eine Horizonterweiterung war, von der sie bis heute profitiert. Ihre Praktika in Russland erwiesen sich überdies als wertvolle Karrierebausteine. Inzwischen hat sie für ein Abgeordnetenbüro des Deutschen Bundestages gearbeitet und ist seit 2009 im Russland Referat des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit tätig.


Alle von uns interviewten Praktikanten sind sich einig, dass sie ein Praktikum in Moskau empfehlen können. – Man wird zwar finanziell ärmer. Aber um viele russische Erfahrungen reicher.

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