Mitgliederzuwachs auch in der Krise

Die deutsche Wirtschaft sieht eine langsame Erholung in Russland. Präsident Weiss hält die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken für essentiell.  / Jens Böhlmann, AHK Russland

Die ordentliche Mitgliederversammlung der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) stand ganz im Zeichen der wirtschaftlichen Entwicklung Russlands. Der seit Oktober, November letzten Jahres spürbare Aufwärtstrend setzt sich langsam fort. Dr. Heinrich Weiss, der Präsident der AHK, sieht Licht und Schatten bei der derzeitigen Entwicklung. Einerseits hat sich die Exportstruktur unter den Verhältnissen der Krise mehr in Richtung Verarbeitungstiefe gewandelt, wirken sich die Zollbefreiungen für Investitionsgüter seit Mitte 2009 positiv aus und ist der Wille der Staatsführung zu umfassenden Reformen spürbar. Andererseits haben sich Korruption und Bürokratie verschärft, sind die protektionistischen Maßnahmen stärker und die Investitionsbedingungen schlechter geworden. Andere Probleme, die nach Ansicht Weiss’, die Auslöser der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise waren, teilt Russland mit allen anderen Industrieländern. Sein Vorschlag lautet: „Trennt Geschäfts- und Investmentbanken, dann bleibt das Finanzgefüge intakt, und wer spekulieren will, sollte dies auf eigenes Risiko tun.“ Ein entscheidender Fortschritt ist nach Weiss die offene Diskussion über die Bekämpfung der Korruption im Land. Sein Credo lautet: Kampf gegen Bürokratie und mehr Demokratie.


Insgesamt sieht Weiss die Entwicklung positiv, denn Russland wird auf lange Zeit ausländisches Know-how benötigen und die deutsche Wirtschaft sei gern bereit, ihr gesamtes Wissen und ihre Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen, um die Modernisierungsbestrebungen zu unterstützen. Auch der Vorstandsvorsitzende der AHK, Michael Harms, spürt „politischen Rückenwind für Reformen“ und hält Russland nach wie vor für einen der größten Wachstumsmärkte, vor allen Dingen für deutsche Exporteure und Hersteller.


Die eigentliche Inhalt einer Mitgliederversammlung war dann schnell abgehandelt. Ausweis einer guten Arbeit und der richtigen Entscheidungen innerhalb der AHK waren die Annahme des Rechenschafts- und Finanzberichtes und des Finanzplanes ohne Gegenstimme. Einige Veränderung gab es im Vorstand: neu gewählt wurden Harald Purainer von Schattdecor, Bernd Hofmann von der Knauf Gruppe GUS, der gleichzeitig zum neuen Vorsitzenden des Komitees für Personalfragen gewählt wurde und Dr. Ewald Ewering, der gleichzeitig zum neuen Vorsitzenden des Komitees für Handel gekürt wurde. Der besondere Dank der Mitgliederversammlung galt den scheidenden Vorstandsmitgliedern Kerstin Dauenheimer, Igor Merkulow und Sebastian Eisenberg.
Dass die Kammer im Krisenjahr 2009 ihre Anstrengung für die Mitglieder noch verstärkt hat, machen nicht nur die neu gegründeten Komitees und Arbeitsgruppen deutlich (Migration, Gesundheitswirtschaft, Compliance) sondern auch der erhebliche Mitgliederzuwachs: seit Kammergründung im Dezember 2007: 244 neue Mitglieder, 2009: 137 neue Mitglieder, 1. Quartal 2010: 37 neue Mitglieder. Trotz dieser überaus erfolgreichen Entwicklung ist das Ziel für 2010 vor allen Dingen die erneute Verbesserung des Mitgliederservices und eine Steigerung auf ungefähr 700 Mitglieder. Wie eng die Arbeit der AHK mit den Interessen der Firmen verbunden ist, macht auch die Arbeit der Visaclearingstelle deutlich: über 90 erfolgreich bearbeitete Anfragen, die Unterstützung der Unternehmen bei der Beantragung von Arbeitsgenehmigungen und die Arbeit des Sotschi-Desk; in die Unternehmensdatenbank haben schon weit über 250 Unternehmen ihre Portfolios eingestellt, deutsche Unternehmen werden bei der Auftragsvergabe zunehmend mehr berücksichtigt.


In Kooperation mit dem Deutsch-Russischen Forum gelang im Anschluss an die Versammlung ein besonderer Coup: als Gastredner konnten der ehemalige Bundeskanzler, Gerhard Schröder und der Generaldirektor der OOO Sewerstal und Vizepräsident des Präsidialrates der AHK, Alexej Mordaschow, gewonnen werden. Schröder inzwischen Aufsichtsratsvorsitzender des Nordstream-Konsortiums sieht die strategische Partnerschaft zwischen Russland und Deutschland als maßgeblich für die Entwicklung der Beziehungen zwischen Russland und der EU an. Deutschland, so Schröder, könne eine entscheidende Rolle bei der Modernisierung Russlands spielen und das komplette Spektrum eines hochtechnologischen Industriestaates in die Kooperation mit Russland einbringen. Eine Abhängigkeit der EU und Deutschlands von russischen Gas- und Öllieferungen sieht Schröder nicht: „Russland hängt in viel höherem Maße von den Zahlungen aus der EU ab. Gleiche Interessen führen zu gemeinsamem Handeln.“ Ähnlich sah auch Mordaschow die Rolle beider Länder. Zukünftig sei Deutschland der am meisten geeignete Partner für die Entwicklung der volkswirtschaftlich bedeutenden Schlüsselindustrien Energieeffizienz, Infrastruktur, Luftfahrt, chemische Industrie, und auch in der wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit den zahlreichen in Russland tätigen Forschungsinstitute und -organisationen.


Die anwesenden Unternehmensvertreter vermochten die durchweg positive Einschätzung der Situation jedoch nicht vollständig zu teilen. Sie sehen die Tendenzen zu mehr Protektionismus mit Sorge: „Internationale Wettbewerbsfähigkeit erreicht man nicht durch höhere Einfuhrzölle“, so der Generaldirektor der Volkswagen RUS Gruppe, Dietmar Korzekwa. Dem schloss sich Reiner Hartmann von E.ON an, für den eine strategische Partnerschaft auch kritische Auseinandersetzung bedeutet.