„WIR ÄNDERN UNS FÜR SIE!“

DIE MODERNISIERUNGSOFFENSIVE IM RUSSISCHEN BAHNMARKT. / TORSTEN FRÜHAUF, PROKONZEPT INDUSTRIEANLAGENPLANUNG GMBH

 „Wir ändern uns für Sie!“ - fast jeder Werbefilm der Russischen Staatsbahn, zu sehen auf Bahnhöfen und in Zügen, endet mit dieser Aussage – einem Versprechen an alle Passagiere und Kunden, dass in der Zukunft große Änderungen und Verbesserungen im Bahnwesen zu erwarten sind. Mit über eine Million Mitarbeitern und einem Umsatz von mehr als eine Billion Rubel ist die Russische Staatsbahn (RSchD) das größte Unternehmen Russlands. Vor dem Hintergrund der gewaltigen Aufgabe der Modernisierung des Bahnwesens hat die russische Regierung in ihrem Eisenbahnentwicklungsprogramm bis 2030 ein Finanzvolumen von 380 Milliarden Euro für Investitionen in neue Lokomotiven, Wagen und Bahnstrecken zugesagt. Die Struktur des RSchD-Konzerns selbst wird seit 2001 in einer Eisenbahnstrukturreform in drei Etappen und unter Berücksichtigung von Erfahrungen aus anderen Bahnreformen im internationalen Bereich vollzogen. Im Ergebnis sollen staatliche und unternehmerische Aufgaben des Bahnwesens entflochten, Quersubventionierungen defizitärer Unternehmensbereiche aufgehoben sowie ein Qualitätssprung in der Durchführung des Passagier- und Güterverkehrs erreicht werden.

Die derzeit laufende 3. Etappe der Eisenbahnstrukturreform, die sogenannte Investitionsphase, beinhaltet die Bildung einer Holdinggesellschaft mit zwei Güterverkehrs- und einer Personenverkehrsgesellschaft und hat das Ziel, wesentliche Bereiche der Instandhaltung sowie des Güterwagenbetriebes zu privatisieren. Beispielhaft sind hier die Privatisierungsbemühungen bei der Gesellschaft Transcontainer zu nennen, bei der sich, wie Wladimir Jakunin während seines Auftritts im Vorfeld der InnoTrans 2010 vor dem Ost-West-Ausschuss ausführte, die RSchD einen Verkauf bis zu 30 Prozent der Aktien vorstellen kann. Für die Privatisierung im Fahrzeugbereich betrifft dies z.B. die Organisationen Transmaschholding und Zheldorremash, wobei hier komplette strukturelle Neuausrichtungen des Geschäftsbetriebes, der Betriebsstruktur sowie der Produktpalette parallel verlaufen. Wie auch bei der weitestgehend abgeschlossenen Bahnstrukturreform in Deutschland gehen die Umstrukturierungsprozesse im russischen Bahnwesen nicht immer gleichförmig und harmonisch vonstatten. Sie bedingen zum Teil schmerzhafte Einschnitte und Änderungen für Mitarbeiter, Kunden und von Modernisierungsschritten betroffene Dritte. Der eingeschlagene Weg ist dennoch richtig und hat bereits bzw. wird in naher Zukunft die versprochenen Verbesserungen für Passagiere und Kunden erkennen lassen.

 

Die Umstrukturierungs- und Modernisierungsprozesse im russischen Bahnmarkt bieten für in Russland tätige Unternehmen enorme Chancen. Im Kontext eines weltweit boomenden Bahnmarktes besitzt der russische aufgrund seiner enormen Größe und seiner politisch und finanztechnisch fundierten Modernisierungsanstrengungen eine ganz besondere Attraktivität. Beispielhaft hierfür stehen die Zugprojekte „Sapsan“ und „Lastotschka“: Für die Hochgeschwindigkeitsstrecken „Moskau - St. Petersburg“ und „Moskau - Nizhny Novgorod“ hat die Russische Staatsbahn Velaro-Züge und für den öffentlichen Personennahverkehr während der Olympischen Spiele und Paralympischen Spiele in Sotschi 2014 Desiro-Zug-Systeme in Deutschland gekauft. Im Umfeld derartiger Großprojekte ergeben sich weitreichende Möglichkeiten auch für mittelständische und kleine internationale Unternehmen, ihren Beitrag an der Modernisierung des russischen Bahnsektors zu leisten. So sind bei der Planung und technologischen Ausführung eines technischen Wartungszentrums für den Sapsan in Sankt Petersburg mehr als 30 deutsche Mittelstandsunternehmen tätig geworden. Für manche war dies der Einstieg in den russischen Bahnmarkt.

In einem solchen Projekt zeigt sich die Mannigfaltigkeit der Marktchancen und der Möglichkeiten für eine dauerhafte Zusammenarbeit zwischen hochqualifizierten deutschen Anbietern der Bahnindustrie und russischen Kunden. Der Sapsan und seine Begleitprojekte haben eine Pilotfunktion in der Weiterentwicklung des russischen Bahnwesens übernommen, die in etwa mit der Situation in Deutschland im Jahr 1991 zu vergleichen ist, als der Hochgeschwindigkeitsverkehr aufgenommen wurde. Wie auch in Deutschland vollzieht sich mit dem Einsatz hochmoderner Zugsysteme ein durchgreifender Wandel in der gesamten Bahninfrastruktur, wie Strecken, Signaltechnik, Fahrstromversorgung, Bahnhöfe und Stationen, bis hin zu technischer Wartung und Service für derartige Fahrzeuge. Die Modernisierung richtet sich nicht nur auf den Um-/Ausbau oder kompletten Neubau der infrastrukturellen Einrichtungen, sie bedingt vielmehr eine komplette Neuausrichtung dieser Strukturen. Neue Berufsbilder entstehen, das allgemeine technische Anforderungsprofil an die Mitarbeiter steigt enorm, organisations- und verwaltungstechnische Abläufe sind, ausgehend von diesem Wandel, neu auszurichten. Unter Führung der Firma Siemens sind Mitarbeiter der russischen Staatsbahn für die Wartung, Instandhaltung, Reparatur, Pflege und Reinigung des Zuges Sapsan verantwortlich. Sie erbringen ihre Leistung in einem nach modernsten Technologien ausgerüsteten Instandhaltungswerk „Metallostroj“ in Sankt Petersburg. Die Fahrzeugführer werden in einem nach höchsten internationalen Maßstäben ausgestatteten Schulungszentrum mit Fahrsimulator und anderen modernen Schulungsmitteln ausgebildet. Der permanente Austausch im technischen Bereich, aber auch bei der Schaffung von Instandhaltungs- und Wartungsstrukturen mit dem deutschen Fahrzeughersteller sowie mit anderen Herstellern moderner Instandhaltungs- und Wartungsinfrastruktur bedingt seit Beginn der Nutzungsstellung dieses Zugsystems einen rigorosen Wandel in der Personal- und Qualifikationsstruktur und der hier tätigen Mitarbeiter. Es ist zu beobachten, wie vorwiegend junge Kader mit beruflichen Perspektiven im Umfeld des Sapsan-Betriebes tätig sind und ausgebildet werden. Dieses Personal wird in den kommenden Jahren das Fundament für weitere geplante Entwicklungsschritte bilden. Lastotschka, das neue Zugprojekt unter deutscher Beteiligung (Desiro-RUS), ist ein solches Projekt, bei dem die Russische Staatsbahn – ausgehend von den Erfahrungen in der Nutzung des Sapsan neue Entwicklungsschritte angestrebt. So wird ein Teil der ersten Liefermenge des Desiro-RUS in Russland lokalisiert und schrittweise der Anteil der eigenen russischen Fertigungstiefe ausgebaut werden. Für die Zukunft wird eine gemeinsame Fertigung des Zugsystems in Russland angestrebt. Auch für die begleitende Infrastruktur werden lokale Fertigungsstandorte angestrebt. Für ausländische Unternehmen ist dies Chance und Herausforderung zugleich: ein vollständiger oder teilweiser Technologietransfer muss eingebettet sein in ausgewogene Geschäftsverbindungen und bedingt Voraussetzungen, die oftmals erst zu schaffen sind, um das angestrebte Qualitätsniveau erreichen zu können. Die Modernisierungsbemühungen im Bahnsektor sind, aufgrund der großen Attraktivität dieses Marktes für ausländische Partner, daher mehr als ein reiner Exportmarkt. Potentielle gemeinsame Projekte können Keimzelle sein für die Entwicklung oder Modernisierung der Bahnindustrie in Russland schlechthin.

Auch im öffentlichen Personennahverkehr gibt es derartige Modernisierungsbestrebungen. Metrogesellschaften beginnen sich zu öffnen für ausländische Technologien, insbesondere in der Wartung und Reparatur von schienengebundenen Fahrzeugen. In den großen Metropolen gibt es erste Projekte unter ausländischer Beteiligung, die – analog zur RSchD - in der Perspektive zu einem grundsätzlichen Strukturwandel beitragen. Die derzeit eingesetzten Instandhaltungstechnologien sind zum Großteil 50 Jahre und älter. Durch neue Technologien wird es hier einen Qualitäts- und Produktivitätssprung geben, der sich positiv auf die Verfügbarkeit der Fahrzeuge, die Rentabilität und die gesamte Qualifikationsstruktur der Verkehrsträger auswirken wird. Die Verkehrssysteme der RSchD sowie des öffentlichen Personennahverkehrs werden sich weiter miteinander verzahnen.

Neben dem Verkauf von Ausrüstungen, Anlagentechnik, Zügen und Verkehrssystemen sind ist also vor allem die Modernisierung bestehender eigener Produktionskapazitäten oder die Schaffung von gemeinsamen Strukturen zur Lokalisierung von hochtechnologischen bzw. spezialisierten Ausrüstungen und Anlagen im Land gefragt. Die Ausbildung ausgewogener Geschäftsverhältnisse setzt eine langfristig angelegte Herangehensweise und strategischen Zielsetzungen voraus. Ausländische Partner und Lieferanten, wie auch russische Auftraggeber und Kooperationspartner müssen sich aufeinander zu bewegen, damit Chancen und Potential des Marktes für beide Seiten Nutzen bringen.

„Wir ändern uns für Sie!“ ist daher nicht nur ein Zukunftsversprechen an Kunden und Passagiere des russischen Bahnmarkts. Es ist gleichwohl Angebot und zugleich  Aufforderung an Kooperationspartner, den Strukturwandel und die Modernisierungsbemühungen offen mit zu unterstützen.