MODERNISIERUNG DURCH PRIVATISIERUNG?

DIE DERZEITIGE PRIVATISIERUNGSWELLE BIETET AUSLÄNDISCHEN INVESTOREN GUTE MÖGLICHKEITEN IN DEN RUSSISCHEN MARKT EINZUSTEIGEN UND KÖNNTE POTENTIAL ZUR MODERNISIERUNG DES LANDES FREISETZEN.   / THOMAS DIX, KPMG MOSKAU

Die russische Regierung hat im August dieses Jahres entschieden, ihre Beteiligungen an insgesamt 11 staatlich kontrollierten Großunternehmen deutlich zu verringern. Unter das geplante Privatisierungsprogramm fallen unter anderem die zwei größten russischen Banken Sberbank und VTB sowie Unternehmen in den von der russischen Regierung als „strategisch“ definierten Sektoren wie der Ölkonzern Rosneft , der Elektrizitätsnetzbetreiber FSK und der Wasserkraftwerksbetreiber Rusgydro. Nach Aussage des russischen Finanzministers Kudrin Mitte September soll dieses Programm auf weitere bisher noch nicht näher benannte Unternehmen insbesondere auch im Infrastrukturbereich ausgedehnt werden, wobei der russische Staat sich von diesen Privatisierungen Mittelzuflüsse für den Staatshaushalt von bis zu 50 Milliarden US-Dollar verteilt über einen Zeitraum von etwa fünf Jahren erhofft. Ursächlich für die geplante Privatisierungswelle ist vor allem das nach einem von Überschüssen geprägten Jahrzehnt in 2009 erstmals wieder aufgetretene Haushaltsdefizit von 5,9 Prozent und die steigenden Haushaltsausgaben insbesondere in Bezug auf soziale Leistungen im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen in 2013. Darüber hinaus erhofft sich die politische Führung des Landes von den Privatisierungen einen Modernisierungs- und Wachstumsschub für die russische Wirtschaft.

Während die geplanten Privatisierungen durchaus zu einer Verringerung des staatlichen Anteils an der Wirtschaft führen, ist der russische Staat jedoch nicht bereit, die staatliche Kontrollmehrheit an den wichtigsten Großunternehmen abzugeben. Trotz allem geht von der jüngsten Privatisierungsinitiative eine durchaus positive Signalwirkung insbesondere für ausländische Investoren aus, bietet sie neben Finanz- auch strategischen Investoren eine interessante Möglichkeit an den Wachstums- und Ertragschancen, die der russische Markt bietet, zu partizipieren. So eröffnet der Erwerb einer qualifizierten Minderheit insbesondere solchen strategischen Investoren eine Perspektive, die bisher in Russland noch nicht aktiv sind, und das Risiko einer Mehrheitsbeteiligung oder Greenfieldinvestition als zu hoch erachten. Darüber hinaus kann eine dem  Anteilserwerb folgende verstärkte Kooperation mit dem russischen Unternehmen den Markteintritt erleichtern oder neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnen. Führt diese Kooperation zu einer Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit des russischen Unternehmens, partizipiert der Investor in der Regel über höhere Dividenden als auch die Wertsteigerungen seines Anteils. Perspektivisch ist es darüber hinaus durchaus denkbar, dass der russische Staat seine Kotrollmehrheit in bestimmten Unternehmen längerfristig aufgibt. Strategische Investoren die zu diesem Zeitpunkt einen entsprechend hohen Minderheitsanteil halten, wären dann im Vorteil, wenn es darum geht, Kontrolle über das Unternehmen zu erlangen.

Inwiefern strategische Investoren tatsächlich aktives Interesse an den zur Privatisierung stehenden Großunternehmen zeigen werden, hängt nicht zuletzt auch von den zukünftigen Mitspracherechten in den zu erwerbenden Unternehmen ab. Hierzu gibt es derzeit noch keine über das geltende Recht hinausgehenden Verlautbarungen.

Obwohl bisher kein konkreter Zeitplan für den geplanten Privatisierungsprozess vorliegt, kann davon ausgegangen werden, dass der Prozess von russischer Seite professionell geplant und durchgeführt werden wird. Hierfür spricht die geplante Einbeziehung externer Berater und Investmentbanken in den Prozess, für die einem Vorschlag zufolge jährlich etwa 165 Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt werden sollen. Während Kudrin nicht ausschließt, dass es bereits in 2010 zu ersten Veräußerungen größerer Aktienpakete kommt, bleibt abzuwarten, ob die entsprechenden Verkaufsvorbereitungen hierfür rechtzeitig abgeschlossen werden können. Letztlich hängt der Verkaufszeitpunkt im Interesse der Erlösmaximierung von den jeweiligen Marktbedingungen in Russland als auch weltweit ab. Diese sind derzeit zwar recht günstig, können sich jedoch aufgrund der derzeit weltweit höheren Volatilität der Märkte auch kurzfristig verschlechtern.

Die Privatisierungsbemühungen beschränken sich jedoch nicht auf den Anteilsverkauf an wenigen Großunternehmen. Derzeit befinden sich noch etwa 7.000 Unternehmen verschiedenster Branchen im teilweisen oder vollständigen Staatsbesitz. Hierbei handelt es sich vor allem um kleinere und mittlere Unternehmen sowie einer Reihe von wissenschaftlichen Instituten. Die russische Privatisierungsagentur versucht bereits seit einiger Zeit kontinuierlich die staatlichen Anteile an diesen Unternehmen systematisch zu veräußern. Der Privatisierungsprozess dieser Unternehmen verläuft jedoch teilweise recht schleppend, was vor allem auf mangelnde Attraktivität bezüglich der Marktchancen der zum Verkauf stehenden Unternehmen zurückzuführen ist.

Wenngleich die Mehrzahl der angebotenen Unternehmen nicht zu den Kronjuwelen der russischen Wirtschaft gehören, bieten einige von ihnen durchaus interessante Möglichkeiten insbesondere für mittelständische Investoren, die für die Errichtung einer lokalen Fertigung einen Standort suchen. Der Um- oder Ausbau eines bestehenden Industrieobjekts mit bereits vorhandener Anbindung an Infrastruktur, Energie- und kommunale Versorger bedeutet einen nicht unerheblichen Zeit- und Sicherheitsgewinn gegenüber einem Komplettneubau, berücksichtigt man die damit verbundenen bürokratischen Schwierigkeiten. Vorteilhaft hierfür ist auch, dass mit der Privatisierung keine Auflagen hinsichtlich der Fortführung des Geschäftsbetriebs verbunden sind oder Investitionszusagen oder Arbeitsplatzgarantien abverlangt werden. Die Nutzung von zu veräußernden Unternehmen für eine sogenannte Brownfieldinvestition, d.h. mit beabsichtigter Umwidmung des Geschäftszwecks, wird deshalb von der russischen Privatisierungsbehörde ausdrücklich als eine Möglichkeit gesehen, insbesondere unwirtschaftliche Unternehmen zu privatisieren.

Der Anteilserwerb an oder auch die Kooperation mit russischen Instituten kann unter Umständen für Mittelständler eine interessante Alternative bieten, in bestimmten Gebieten Forschungs- und Entwicklungsarbeiten oder Ingenieurleistungen zu günstigen Konditionen zu beziehen. Das Potential einer Vielzahl russischer wissenschaftlicher Institute ist nach wie vor hoch, wird aber bisher nur selten für wirtschaftliche Anwendungen genutzt, und droht zunehmend zu erodieren. Ein Beispiel für die wirtschaftliche Verwertung des wissenschaftlichen Potentials russischer Forschungs- und Entwicklungsinstitute durch ein ausländisches mittelständisches Unternehmen liefert sächsische Chemieanlagenbau Chemnitz GmbH (CAC). CAC verwirklichte die Planung und Errichtung einer neuartigen Pilotanlage, deren technologisches Konzept auf der Grundlage des Know How und der Ingenieurleistungen eines in  Russland ansässigen Institutes erarbeitet wurde.

Den genannten Möglichkeiten stehen die mit einem Unternehmenserwerb verbundenen oftmals nicht unerheblichen Risiken gegenüber. Bisher ist die russische Seite nicht bereit, Investoren von bestimmten Risiken, wie zum Beispiel hinsichtlich von Umweltaltlasten oder Steuerrisiken, freizustellen, woraus sich für die Erwerber die Notwendigkeit einer gründlichen Due Diligence ergibt. Auch können potentielle Erwerber nicht mit staatlichen finanziellen Investitionshilfen rechnen.

Die zuständigen Institutionen sind sich zunehmend der Notwendigkeit bewusst, Investitionshindernisse zu beseitigen und Anreize zu schaffen. So wird nach Aussagen des Leiters der russischen Privatisierungsbehörde Aksenov - nicht zuletzt auch mit Blick auf potentielle ausländische Investoren - intensiv daran gearbeitet, die Investitionsbedingungen durch geeignete Maßnahmen zu verbessern.

Das rege Interesse ausländischer strategischer und auch Finanzinvestoren an den geplanten Privatisierungen russischer Großunternehmen ist bereits absehbar und wird in bestimmten Bereichen zu einem Bieterwettbewerb führen. Inwieweit die geplanten Privatisierungen kleinerer und mittlerer Unternehmen das Investitionsinteresse ausländischer mittelständischer Unternehmen wecken und damit einen Beitrag zur Entwicklung des Mittelstands in Russland leisten, bleibt abzuwarten. Wiederholte Verlautbarungen der russischen Seite zeigen, dass der Staat erkannt hat, dass neben dem Ziel der Ertragsmaximierung die ausreichende Berücksichtigung der Investoreninteressen entscheidend für den Erfolg der anstehenden Privatisierungen ist.

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