RUSSEN REISEN WENIGER

FÜR REISEVERANSTALTER WAR 2009 EIN BESONDERS SCHWERES JAHR. ÜBER EIN VIERTEL WENIGER RUSSEN REISTE ES IM VERGANGEN JAHR INS AUSLAND. INVESTOREN SETZEN AUF DIE ENTWICKLUNG DER INLÄNDISCHEN URLAUBSORTE. / MONIKA HOLLACHER, AHK RUSSLAND

Die Wirtschaftkrise und Rubelabwertung haben die Reiselust der Russen 2009 stark gedämpft. In den ersten neun Monaten des letzten Jahres ist der Zahl deren, die Urlaub im Ausland gemacht haben um 26,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gefallen. Auch die Wintersaison konnte offensichtlich die Branche nicht vor einem schlechten Jahresabschluss retten. Zwar waren die Verkäufe nicht so schlecht, wie im Winter 2008 / 2009, aber sie blieben immer noch 15 Prozent unter den Ergebnissen der Wintersaison 2007 / 2008. Diese negativen Zahlen liegen aber noch immer über den zu Jahresanfang gestellten Prognosen, die einen Einbruch der Touristenströme ins Ausland von 30 bis 40 Prozent befürchteten.


Ein großes Minus lässt sich bei Ländern feststellen, in den die Preise für Hotels und andere touristische Dienstleitungen wenig oder gar nicht gefallen. Dazu gehörten alle klassischen europäischen Urlaubsländer: Kroatien (-37 Prozent), Malta (-33 Prozent), Spanien und Griechenland (-20 Prozent), Italien (-17 Prozent) und sogar die Türkei (-13,2 Prozent). Unter den beliebtesten Stranddestinationen hat Bulgarien mit -1,2 Prozent am wenigsten russische Touristen verloren, was unter anderem auch auf einen verbilligten Visaservice und gebührenfreie Visa für Kinder zurück zuführen ist.  Außerdem lockte die bulgarische Hotellerie im vergangen Sommer mit umfangreichen Bonusprogrammen und Sonderangeboten für Kurzentschlossene.
Die meisten russischen Touristen hat China verloren. 2009 reisten nur noch 716.000 Russen ins Land. 2008 waren es ganze anderthalb Millionen gewesen. Das liegt in erster Linie daran, dass ein großer Teil der Touristen hauptsächlich zum Shopping für ihren Privathandel in die nördliche Gebiete Chinas gefahren sind.


Andere Länder konnten ein starkes Wachstum an Besuchern aus Russland verzeichnen. Allen voran Israel, das in den ersten neun Monaten 2009 von 88.000 Russen besucht wurde, das sind  63 Prozent mehr als im Vorjahr. Das vereinfachte Visaverfahren für russische Bürger in die USA hat ein verstärktes Interesse an Reisen in die USA ausgelöst (+ 32 Prozent). Leicht gewachsen ist auch die Anzahl der Reisen nach Deutschland (neun Prozent) und die Niederlande (19 Prozent).
Mit Ausnahme Moskaus, wo sich die Verkaufszahlen in den Sommermonaten wenig verändert haben, ist in allen Regionen Russlands, einschließlich St. Petersburg, ein starker Rückgang der Nachfrage nach Reisen zu verzeichnen. Aleksander Sinigibskij, Generaldirektor des Reiseanbieters „Tes Tour“, beklagt, dass das Preisniveau in den Regionalzentren teilweise so niedrig ist, das nur noch mit Verlust verkauft werden kann.


Die Erwartungen, die viele Reiseanbieter in den Verkauf von Neujahrsreisen gesetzt hatten, sind nicht erfüllt worden. Das Neujahrsfest verbrachten viele Russen unter dem heimischen Weihnachtsbaum, und das obwohl die Angebote für Fernreisen aufgrund gesunkener Kerosinpreise günstiger waren als in der Vergangenheit. Skiurlauber mussten für einen Skiurlaub in den klassischen europäischen Winterdestinationen wegen des schlechten Rubelkurses 20 bis 30 Prozent mehr als im letzten Jahr bezahlen. Viele russische Urlauber sind auf die Tage nach Neujahr ausgewichen, viele sind zu Hause geblieben.


Die Prognosen für 2010 fallen vorsichtig aus. Die Reiseveranstalter erwarten ab dem Frühjahr einen leichten Aufschwung im Bereich der Auslandsreisen von drei bis vier Prozent.
In dieser Situation richten nicht nur inländische Investoren zunehmend ihr Augenmerk auf die Erholungsgebiete im Inland. Im November unterschrieben Intourist und Thomas Cook eine Absichtserklärung über ihre weitere gemeinsame Tätigkeit in Russland. Beabsichtigt ist die Gründung eines Jointventures. Thomas Cook wird in das geplante Unternehmen 40 Millionen US-Dollar und Technologie einbringen, Intourist sein Reisebüronetz und stellt seine personelle und operative Expertise zur Verfügung. Damit wäre Thomas Cook nach Kuoni und TUI Travel der dritte große Player auf dem russischen Markt.
Obwohl beide Unternehmen noch keine näheren Erklärungen zum geplanten Jointventure abgegeben haben, gehen Experten davon aus, dass Thomas Cook mit dieser Investition seine Interessen am Tourismus vor allem in und nach Russland ausbauen möchte. Intourist ist auf dem inländischen Markt führend, während das Unternehmen im Bereich Auslandsreisen relativ klein aufgestellt ist.


Mit diesen Plänen könnte sich Thomas Cook im richtigen Fahrwasser befinden. Der inländische Markt wuchs in diesem Jahr um 42 Prozent. Allein Sotschi wurde in den Monaten Mai bis Juli von 740.000 Besuchern besucht.
Auch der bisher ehr schleppend verlaufende Ausbau der touristischen Sonderwirtschaftszonen erhielt 2009 neuen Schwung. So konnte Ende November 2009 die Sonderwirtschaftzone Birjusowaja Katyn, vertreten durch  den russischen Investor Fedor Leonov (Ski-Komplex) einen Vertrag zur gemeinsamen Ausrüstung eines Skigebiets mit der TechnoAlpin AG und der Leitner AG unterschreiben. Die Vertragshöhe beträgt 15 Millionen Euro. Die beiden italienischen Partner sollen die Planung eines Alpinskizentrum in der Sonderwirtschaftzone übernehmen, wobei Leitner den Bau der gesamten Liftanlagen im Skigebiet übernehmen, TechnoAlpin für die Beschneiungssysteme zuständig sein wird. Der russische Partner Ski-Komplex übernimmt im Auftrag des Gebiets den Aufbau der Infrastruktur und als Privatinvestor den Bau dreier Hotels.
Große Pläne auch im Skigebiet Bajkalsk im Gebiet Irkutsk: Hier hatte Anfang Dezember der Reiseveranstalter „Grand Bajkal“ bekannt gegeben, bis 2015 eine Milliarde Rubel in das Skigebiet investieren zu wollen. Die Finanzierung wird voraussichtlich die Sberbank übernehmen. Der Reiseveranstalter hat bereits eine Milliarde Rubel in den Ausbau des Kurortes „Gora Sobolinaja“ (Zobelberg) in der Nähe von Bajkalsk gesteckt. Zu den bereits durchgeführten Maßnahmen gehören: Bau eines Sessellifts mit Technik und Ausrüstung der österreichischen Firma Doppelmayr, Renovierung von zwei Seilbahnen, Bau einer neuen Tubing-Trasse, Erweiterung von drei bestehen Skitrassen und deren technische Ausstattung (Beschneiung, Zahlsysteme etc). In den kommenden fünf Jahren soll der Ort weiter in ein Skizentrum mit Weltniveau ausgebaut werden.
Für diese ehrgeizigen Pläne braucht „Grand Bajkalsk“ aber auch staatliche Unterstützung. Zurzeit wird ein Antrag an den „Investfond“ der Russischen Föderation über 130 Millionen Rubel für den Ausbau der Infrastruktur des neuen Skizentrums erstellt. Firmenchef Viktor Grogorow hofft, dass bis zum 1. Juli 2010 eine Entscheidung über den Antrag gefällt wird. Anstoß für eine positive Entscheidung soll die Ausweitung der touristischen Sonderwirtschaftszone „Worota Baikala“ auf das Skigebiet Bajkalsk geben. Diese wurde Ende des Jahres zwischen der Russischen Regierung und der Regierung des Gebiets Irkutsk beschlossen.