Wie das Netz die Medienlandschaft verändert

DIE ENTWICKLUNG DES INTERNET FÜHRT NICHT ALLEIN ZU TECHNISCHEN UMWÄLZUNGEN SONDERN AUCH ZU INHALTLICHEN. DER EINFLUSS DES NETZES AUF POLITIK UND MEDIENLANDSCHAFT IST TIEFGREIFEND. / MARINA LITWINOWITSCH, BESTTODAY.RU

Unter dem Begriff Medienlandschaft versteht man gemeinhin die Gesamtheit der Quellen, aus denen die Menschen Informationen beziehen und der Bedeutungszusammenhänge, innerhalb derer sich diese Quellen bilden. Letzteres verändert sich ständig, z.B. können Menschen das Vertrauen in die eine Quelle verlieren und stattdessen eine andere Quelle, die ihnen vertrauenswürdiger erscheint, wählen. Oder aber sie ändern ihre technologischen Vorlieben, ändern Ihren Interessenkreis oder aber hören auf fernzusehen und ziehen ihre Informationen aus dem Internet.

Der Wechsel vom Fernsehen zum Internet ist zumindest für Russland signifikant. Immer mehr Menschen beziehen ihre Informationen aus dem Internet, während das Fernsehen in der Regel nur noch Unterhaltungsfunktionen hat.

Das Internet verändert die Rolle der herkömmlichen Massenmedien. Vor noch nicht allzu langer Zeit waren die Massenmedien sozusagen Monopolisten auf dem Gebiet der Informationsvermittlung. Sie bildeten eine Art Filter zwischen der Realität und den Verbrauchern. Abhängig vom Willen der Redaktion oder des Journalisten, erhielt der Verbraucher nur die Informationen, die die Redaktion ausgewählt hatte. Frei nach dem Motto: „Wenn ein Baum im Wald umfällt und keiner berichtet darüber, dann ist er auch nicht umgefallen.“ Die Schlüsselfrage „Ist es wichtig oder interessant über den Baum zu berichten?“ entschied allein die Redaktion. Die Massenmedien begrenzen den Zugang des Verbrauchers zu bestimmten Informationen und mit unter benutzten sie ihre Schlüsselstellung häufig auch zu ihrem Vorteil: „Es existiert nur das, worüber wir berichten.“

 

Das führte auch zu einer politischen Zensur: Bringt man einige Massenmedien unter seine Kontrolle, kann man auch das Weltbild, das diese Medien ihren Kunden vermitteln, beeinflussen. Besitz und Kontrolle von Massenmedien wurde also nicht nur zum „Geschäft“ sondern auch zum politischen Instrument. Das trifft nicht nur, aber in einem besonderen Maß, auf Russland zu.

Menschen in einer immer komplexeren Welt geben sich aber offensichtlich nicht mit eindimensionalen Antworten und Weltbildern zufrieden. Durch das Internet haben die herkömmlichen Medien ihre Rolle „Filter“ oder „Vermittler“ verloren. Das stürzt die herkömmlichen Medien zunehmend in eine ernsthafte Krise. Jedes Medium muss jetzt seinen Platz in der Medienlandschaft neu definieren und sich durch neue Angebote dem Verbraucher empfehlen. Die Monopolstellung bei der Nachrichtenvermittlung ist gefallen.

Hierzu ein einfaches Beispiel. Über die Terroranschläge in der Moskauer Metro im März 2010 wurde zuerst im Internet berichtet. Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich die Informationen unmittelbar nach dem ersten Anschlag im Internet, kurz danach kamen über Blogs, YouTube und Twitter schon die ersten Bilder und Augenzeugenberichte hinzu. Die herkömmlichen Medien reagierten mit großer Verzögerung, besonders das Fernsehen, während im Internet auf verschiedenen Blogs und sozialen Netzwerken laufend vom Geschehen an den Unglücksstellen berichtet wurde. So wurden viele für kurze Zeit unfreiwillig zu Journalisten.

Wo ist in dieser Situation die Rolle der herkömmlichen Medien? Es gibt keine Exklusivität mehr: Augenzeugen schreiben ihre Berichte selbst und stellen sie ins Netz. Experten analysierten die Ereignisse ebenfalls auf ihren Internetforen und selbst Politiker führen ihre Blogs und teilten sich dort mit. Journalisten waren in dieser Situation nahezu überflüssig.

Ein weiterer Vorteil des Netzes ist, das es, im Gegensatz zu Journalisten und Redaktionen, niemals schläft, der Informationsfluss bricht keine Sekunde ab. Was nachts passiert, wenn alle schlafen, das findet seinen Weg zuerst ins Internet, das als kollektiver Verstand nicht schläft, nicht ausruht, nicht innehält.

Die Veränderungen durch das Internet, erfordern auch von der Wirtschaft eine neue Herangehensweise in den Bereichen Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. Nehmen wir an, in Ihrem Unternehmen kommt es nachts zu einem Vorfall, der negative Folgen nach sich ziehen kann, z.B. eine technische Störung. Früher hätte der Pressedienst am nächsten Morgen eine Mitteilung verfasst, diese mit der Unternehmensführung abgestimmt und dann an die Presse geschickt. Dafür wurden einige Stunden benötigt.

Der kollektive Verstand des Internets erfordert aber ein neues Tempo, am besten Echtzeit. Niemand wartet heute mehr auf eine Pressemitteilung. Denn nachts während Sie schlafen, kann sich die Nachricht über den kleinen Unfall derart schnell und negativ bewertet verbreiten, dass bis zum nächsten Morgen aus Ihrem kleinen Unfall eine wahre Katastrophe geworden ist (selbst wenn das gar nicht stimmt). Wer nicht gleich reagiert, verliert die Kontrolle über die Meinungsbildung und das ist später nur noch sehr schwer wieder gut zu machen.

Zur Illustration: Vor kurzem habe ich einen wütenden Artikel über eine, meiner Meinung nach, betrügerische Lotterie, in die mein minderjähriger Sohn von der Telefongesellschaft BeeLine hineingezogen wurde, in meinem Blog veröffentlicht. In nicht einmal drei Tagen haben 60.000 Menschen meinen Beitrag gelesen, der darüber hinaus auch in anderen Blogs gepostet wurde. Das Thema wurde rege diskutiert. Erst nach 24 Stunden versuchten Vertreter des Unternehmens mich zu kontaktieren, um das Problem zu schlichten. Aber zu der Zeit war es für eine Schadensbegrenzung schon zu spät. Das Thema hatte schon so weite Kreise gezogen, dass es in vielen Beiträgen schon um ganz andere Beanstandungen ging.

Im Vergleich mit Blog und Netzwerken sind die traditionellen Medien immer zu spät. Das gilt nicht nur für die Druckmedien, die erst am nächsten Morgen erscheinen, oder Fernsehnachrichten, selbst Online-Nachrichtendienste sind davon betroffen. Wenn irgendjemand einen Beitrag ins Netz stellt, erreicht er je nach dem in fünf Minuten mehrere 1000 Menschen. Das ist schneller als selbst irgendein Onlinedienst diese Information überprüfen und veröffentlichen kann. Diese Schnelligkeit wirft auch das Problem der Vertrauenswürdigkeit von Informationen aus dem Netz auf. Kann ich demjenigen, der schreibt vertrauen oder nicht? Wenn ich ihm vertraue, gebe ich die Nachricht weiter an die Personen, die mir vertrauen und die Nachricht weitergeben, Die Vertrauensfrage ist hier essentiell. Eine Umfrage der Stiftung „Öffentliche Meinung“ zeigt, dass die Menschen den Nachrichtenmachern im Internet mehr Vertrauen entgegenbringen als anderen. Den traditionellen Medien wird häufig Zensur, Selbstzensur, Käuflichkeit oder Einseitigkeit vorgeworfen, während der „Mensch aus dem Internet“ den meisten als ehr unabhängiger Geist erscheint, insbesondere Blogger und sozialen Netzwerke gelten laut Umfrage unter den Usern als glaubwürdig.

Dieses Vertrauen kann leicht zu eigennützigen Zwecken missbraucht werden. Allerdings werden Falschinformationen in der Regel schnell aufgedeckt, der Schaden ist nicht wieder gut zu machen. Das Vertrauen einer Comunity zu gewinnen ist ein langer Prozess, um es zu verlieren genügt ein einziger Fehler. Vielleicht wird die Reputationen der Nachrichtenquelle in Zukunft die Ware mit der höchsten Nachfrage sein.

Die traditionellen Medien werden durch die Gesetzgebung relativ streng reguliert. Auch das ist ein Nachteil gegenüber Bloggern und sozialen Netzwerken, die bisher noch völlig frei von jeder gesetzlichen Kontrolle sind. Das bietet Möglichkeiten einerseits zu unlauterem Gebrauch, andererseits können über diesen Weg auch Gerüchte oder Materialien verbreitet werden, die auf nicht ganz offiziellem Weg erlangt wurden. Ein Blogger, der ein Gerücht veröffentlicht, wird höchst selten zur Verantwortung gezogen. Finden seine Leser das Gerücht interessant, geben sie es weiter. Professionelle Nachrichtendienste können keine ungeprüften Fakten weitergeben, sie tragen die offizielle Verantwortung für ihre Inhalte.

Man kann gegen die Gerüchteküche kämpfen, wenn man die Mittel kennt und ebenfalls anwendet. In der neuen Medienlandschaft ändern sich die Formen der Informationsvermittlung. Das Presse Release wird für die Pressearbeit von Organisationen und Unternehmen zunehmend überflüssig. Die Menschen interessieren sich nicht für trocken ausgelegt Sachverhalte. Sie wollen Geschichten mit Verwicklungen, Höhepunkten und Auflösungen lesen – wie im Kino, Theater oder auch im richtigen Leben. Sie interessieren sich nicht für Ziffern sondern für Schicksale. Jedes Ereignis wird durch das eigene Prisma gesehen und auf die eigene Person bezogen. Kleinigkeiten, die nie den Weg in ein Release finden, sind oft das, was bei den Menschen hängen bleibt. Die emotionale Komponente gewinnt an Bedeutung. Deshalb legen sich immer mehr politische Führungskräfte, bis hin zum Präsidenten, ihren eigenen Blog zu. Aus den offiziellen, rein sachlichen Quellen ergibt sich kein „menschliches“ Bild, selbst wenn der „Lieblingshund“ oder das Hobby Eingang in diese Informationen finden. Die Kommunikation über den Blog erlaubt es, den Menschen als „Menschen“ zu sehen und nicht in seiner Funktion. Das Bild setzt sich aus einfachen Geschichten, inoffiziellen Fotos, kurzen Repliken etc. zusammen. Daraus entwickelt sich Vertrauen, sogar zu eigentlich unbekannten Menschen.

Auch die Art und Weise wie die Nachrichten zum Konsumenten kommt verändert sich. Früher waren es die Frühstückszeitung oder die Neun-Uhr-Nachrichten im Fernsehen, heute sind es RSS – Feeds, automatische Benachrichtigungen aus Blog, Twitter usw., die dann auch noch auf mobilen Empfängern direkt abgerufen werden können. Es entwickeln sich neue Genres, wie z.B. die direkte Twit-Reportage von jedem beliebigen Ort aus, oder auch Fotoreisen und vieles andere mehr.

Aus all diesen Besonderheiten entwickelt sich die ein völlig andere Medienlandschaft, die nach ganz anderen Regeln lebt als früher. Ausgerüstet mit einem neuen Instrument zur massenhaften Informationsverbreitung, beginnen gewöhnliche Leute dieses Instrument für ihre jeweiligen Ziele zu nutzen. In letzter Zeit versuchen immer mehr Menschen durch das Internet die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Politik auf Probleme – kleine und große - zu lenken und auf diesem Weg Gerechtigkeit zu erlangen und manchmal wird das Ziel auch auf diesem Wege erreicht. Das Internet und die sozialen Netzwerke ermöglichen den Zusammenschluss in neuen Gemeinschaften, das geschieht sehr schnell, spontan und massenhaft. Diese neuen Formen werden in Zukunft die Formen der politischen und gesellschaftlichen Beteiligung der Bevölkerung prägen. Das werden eine andere Gesellschaft und ein anderes Leben sein.

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