Müllverwertung wird zum großen Geschäft

Russlands Abfallwirtschaft bietet ein gigantisches Potenzial. Doch bevor aus den Müllbergen Profit geschlagen werden kann, sind effiziente Sammel- und Aufbereitungssysteme zu schaffen. / Gerit Schulze

Vorreiter in der Abfallwirtschaft ist die Moskau, deren Deponien längst an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Deutsche Entsorger sind bereits auf dem russischen Recyclingmarkt präsent. Liefermöglichkeiten ergeben sich auch für Technologieproduzenten.

Der enorme Rohstoffreichtum und das riesige Territorium Russlands hatten in der Vergangenheit kaum Anreize geschaffen, sich um Müllvermeidung, -trennung und -verarbeitung zu kümmern. Außerdem sind die Tarife für die Müllentsorgung noch niedrig und betragen pro Kopf und Jahr etwa 15 Euro, berichtet die Wirtschaftszeitschrift RBK. Die Entsorgung eines Kleinwagens kostet etwa 70 Euro.

Insgesamt schätzte Veolia Environnement 2009 das Geschäftsvolumen für die Hausmüllentsorgung in Russland auf 1,3 Milliarden Euro (zum Vergleich die USA: 43 Mrd. Euro). Bis zu 350 kg Abfall produziert jeder Einwohner des Landes. Jährlich sollen 40 Millionen bis 60 Millionen Tonnen Hausmüll anfallen.

Dieser landet meist auf den Deponien, die Recyclingquoten sind noch gering: 40 Prozent bei Altpapier, fünf Prozent bei Kunststoff, 35 Prozent bei Altglas und acht Prozent bei Reifen (Quelle: Cleandex). Doch der Druck steigt, sich verstärkt um Mülltrennung und Recycling zu kümmern, denn besonders in den Großstädten wird der Platz auf den Deponien eng. Allein in Moskau fallen jährlich fünf Millionen Tonnen Haushaltsmüll an. Neue Verbrennungsanlagen sollen nach dem Willen von Bürgermeister Sergei Sobjanin nicht mehr gebaut werden.

Als einen Ausweg aus der Müllkrise setzt Russland wieder einmal auf die Gründung einer großen Staatsholding. Über den Technologiekonzern Rostechnologii soll ein "nationaler Müll-Operator" geschaffen werden, der den gesamten Zyklus von der Mülleinsammlung und Lagerung bis zur Abfallverwertung übernehmen soll. Außerdem soll sich das Unternehmen um die Produktion von Abfallcontainern, Müllfahrzeugen und Sortieranlagen kümmern, so ein Vorschlag der führenden russischen Partei Jedinaja Rossija. Präsidentenberater Arkadi Dworkowitsch kritisierte das Vorhaben und die damit drohende Monopolisierung des Marktes.

Sinnvoller wäre auch in Russland die Dezentralisierung der Entsorgung und -aufbereitung unter Beteiligung privatwirtschaftlicher Unternehmen. In vielen Regionen des Landes gibt es bereits öffentlich-private Partnerschaften (PPP), um die Abfallwirtschaft effizienter zu betreiben.

Die westfälische Remondis-Gruppe ist der einzige ausländische Investor, der überregional in Russland tätig ist. In vier Städten organisiert das Unternehmen bereits die Abfallentsorgung, unter anderem in Naro-Fominsk bei Moskau und in Dserschinsk bei Nischni Nowgorod. Dort bekamen die Haushalte nach dem Einstieg der Deutschen erstmals Wertstoffbehälter vor die Tür gestellt, um ihren Müll zu trennen. Die Motivation zur Vorsortierung der Abfälle steigt von Tag zu Tag, beschreibt Maik Mattheis, Remondis-Geschäftsführer in Russland. Mit Aufklärung über Fernsehspots, Plakate in Hausfluren oder Veranstaltungen in Kindergärten und Schulen versucht das Unternehmen, die Mülltrennung populärer zu machen. Denn die eingesammelten Wertstoffe landen nicht auf der Deponie, sondern können gewinnbringend an Weiterverarbeiter in Russland verkauft werden.

Remondis hat mit den jeweiligen Gebietsverwaltungen und Städten PPP-Verträge geschlossen und betont, dass die Müllgebühren ausreichen, um Abtransport und Entsorgung der Abfälle gewinnbringend zu organisieren. Ein Beispiel sind die alten Müllfahrzeuge, die Remondis gegen neue Modelle ausgetauscht hat. Durch ausgeklügelte Tourenplanung und mehr Fassungsvolumen könnten drei Viertel der Fahrzeuge und somit Benzin- und Personalkosten eingespart werden. In einem nächsten Schritt wird mit der Gewinnung von mehr Wertstoffen aus dem Hausmüll begonnen. Remondis plant die weitere Expansion in den Regionen und den großen Millionenstädten der Russischen Föderation. Aber die Konkurrenz schläft nicht.

Die griechische Helector S.A. zum Beispiel peilt den Einstieg in Russlands zweitgrößten Abfallmarkt St. Petersburg an. In der Fünf-Millionen-Metropole soll bis 2015 eine riesige Müllverarbeitungsanlage für 300 Millionen Euro entstehen. Die Jahreskapazität wird mit 350.000 t angegeben, wobei die Wiederverwendungsquote bei 70 Prozent liegen soll. Der Vertrag zwischen Helector S.A. und der Stadtverwaltung läuft über 30 Jahre. Das Vorhaben gilt als Pilotprojekt in St. Petersburg. Vier weitere Anlagen sind dort geplant.

Auch die britische Etha tech Ltd. (http://ethatech.com) plant in mehreren russischen Städten Abfallverwertungsanlagen. Dabei setzt das Unternehmen auf eine Mischung aus Mülltrennung (Glas, Metalle, Kunststoffe) und der Erzeugung von Bioethanol aus dem (vor allem organischen) Restmüll. Eine solche Anlage will Etha tech ab 2012 unter anderem in Nabereschnye Tschelny (Tatarstan) bauen. Dort sollen jährlich 180.000 t Hausmüll gesammelt und verwertet werden. Doppelt so viele Haushaltsabfälle plant Etha tech in der baschkirischen Hauptstadt Ufa zu verarbeiten.

Im südrussischen Batajsk (Gebiet Rostow-am-Don) hat der Baumaschinenhändler Bobcat-Jejsk angekündigt, in den kommenden zwei Jahren für umgerechnet 17 Mio. Euro eine Müllverwertungsanlage aufzubauen. Dort sollen jährlich aus 120.000 t Abfällen Plastikrohre und Gummi-Bitumen-Beschichtungen für Asphalt gewonnen werden. Der Abfall wird nach den Planungen von Bobcat-Jejsk aus bestehenden Deponien entnommen.

In der Kleinstadt Solnetschnogorsk, 50 km nordwestlich von Moskau, startet in diesem Jahr ein Programm zum Einsammeln und Wiederverwerten von PET-Flaschen. Daran beteiligt sind der Getränkeabfüller Coca-Cola Hellenic, das örtliche Recycling-Unternehmen Plarus (www.plarus.ru) sowie die Verwaltung der Kommune. Im Stadtgebiet von Solnetschnogorsk werden neben Wohnhäusern und Schulen 80 Sammelbehälter aufgestellt. Die Kosten dafür übernimmt zum Teil Coca-Cola.

Die eingesammelten Flaschen werden anschließend in der Plarus-Fabrik zu Granulat zermahlen, das wiederum Basis ist für die Herstellung neuer Getränkeflaschen. Wie ein Plarus-Sprecher auf Nachfrage von Germany Trade & Invest mitteilte, rechnet sich das Projekt ab einem eingesammelten PET-Volumen von zwölf Tonnen pro Monat. Die Testphase läuft bis Dezember 2011. Bei Erfolg soll die Aktion auf andere Städte des Moskauer Gebiets und auf die Olympiaregion Sotschi ausgeweitet werden. Auch das Wolgograder Unternehmen Chimprom berichtete, eine Recyclinganlage für Kunststoffflaschen errichten zu wollen (Monatskapazität: 300 t).

In der Kleinstadt Dubna bei Moskau hat die finnische Lassila & Tikanoja zwei Millionen Euro in neue Sammelbehälter und Sortieranlagen gesteckt. Das Unternehmen rechnet mit einer Amortisierung seiner Investitionen innerhalb von zehn Jahren.

Das Gebiet Nowosibirsk hat Mitte August 2011 ein Programm für die Abfallwirtschaft in der Region verabschiedet. Demnach ist geplant, 26 neue Mülldeponien einzurichten und fünf Recyclinganlagen zu bauen. Ziel ist es, bis 2017 mindestens 95 Prozent aller quecksilberhaltigen Haushaltsabfälle, aller Altreifen und Elektrogeräte zu recyceln.

Im südrussischen Kursk entsteht bis Ende 2014 eine Recyclinganlage für Hausmüll (Investment: 73 Millionen Euro). Der Abfall soll durch Thermolyse-Verfahren zerlegt werden.

Ein Pilotprojekt zur modernen Wiederverwendung von Haushaltsabfällen ist in Russlands neuem Innovationszentrum Skolkowo (www.i-gorod.com) vor den Toren der Hauptstadt Moskau geplant. Außerdem sollen sich dort Forschungsinstitute ansiedeln, die effizientere Methoden zum Umgang mit Abfällen entwickeln, berichtete die Tageszeitung Kommersant.

Die Atomenergieholding Rosatom und der Stromversorger Inter RAO EES wollen in Russland drei Werke zum Zerlegen von quecksilberhaltigen Lampen errichten: Bei St. Petersburg, im Großraum Moskau und in der Wolgaregion. Für die erste Fabrik bei St. Petersburg beginnen die Bauarbeiten 2012, die Investitionskosten werden auf sieben Millionen Euro geschätzt. Jährlich sollen dort mindestens fünf Millionen Energiesparlampen recycelt werden.