Erweckung des schlafenden Agrarriesen

Ein Kommentar von Adam Koziolek, Verlag Top Agrar, zur aktuellen Situation der russischen Landwirtschaft.

Die Entwicklung der Preise für Agrarrohstoffe beschäftigt in den letzten Jahren viele Finanzinvestoren. Vom Anstieg der Weizen-, Zucker-, Pflanzenölpreise in den letzten drei Jahren profitierten vor allem die Länder, in denen die Landwirtschaft eine große Rolle spielt. Brasilien ist hier ein Vorreiter.

Aber was hat das mit Russland zu tun? Welche Rolle spielt die Landwirtschaft in dem Land, das fast ausschließlich mit Erdgas und Öl assoziiert wird. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass 1910 jede dritte Tonne Weizen auf dem Weltmarkt aus Russland kam, das waren exakt 36,4 Prozent. Vor allem die Reformen des damaligen Premierministers Pjotr Stolypin beschleunigten die Entwicklung der russischen Agrarproduktion. Wir brauchen aber gar nicht so weit zurück zu blicken, um das Potential der 120 Millionen Hektar russischer Agrarflächen zu erkennen. Noch 2008 exportierte Russland fast zwölf Millionen Tonnen Weizen. Damit gehörte das Land zu den größten Getreideexporteuren der Welt. Außerdem ist Russland auch der größte Produzent von Sonnenblumen. Fleisch- und Zuckerproduktion steigt rasant. Russland ist eine wahre Kornkammer.

Auch die russische Politik bekräftigt den Willen die inländische Landwirtschaft zu unterstützen. Die Agrarproduzenten werden durch zahlreiche Programme unterstützt. Das ist wichtig und richtig, weil die Landwirtschaft über ihr Wirtschaftspotential hinaus, den ländlichen Gebieten, eine Entwicklungs- und Beschäftigungschance bietet.

Woran liegt es dann, dass die Branche nicht nachhaltig auf die Beine kommt? Warum darf nun schon das zweite Jahr kein Getreide aus Russland exportiert werden? Die Begründung kenne wir alle: Wegen der Trockenheit fiel  die Getreideproduktion niedriger aus als der Inlandsverbrauch. Folglich blockierte die Regierung den Export. Als kleine, aber bedeutende, Nebenwirkung kam hinzu, dass der Weizenpreis in Russland nur ein Drittel des Weltmarktniveaus beträgt. Sicher ist es richtig, dass die Politiker die Verbraucher vor zu hohen Lebensmittelpreisen schützen wollen, aber zurzeit geschieht das auf Kosten der Agrarproduzenten, deren Kapitaldecke sowieso sehr dünn ist.

Man kann selbstverständlich, in typisch russischer Manier ganz fatalistisch das Wetter für die Misere verantwortlich machen. Nur das ist nicht konstruktiv. So werden die Landwirte auch in Zukunft unter hohen Ertragsschwankungen leiden. Das kommt jedoch nicht nur in Russland vor. Aber hier fallen die Preise, wenn der liebe Gott mild ist und die Ernte groß, ins Bodenlose, weil es Überschuss gibt. Fällt die Ernte schlecht aus, was normalerweise mit einem Preisanstieg ausgeglichen werden könnte, werden die Preise künstlich niedrig gehalten. Aber eine Verteuerung bei den Lebensmitteln ist politisch unerwünscht.

Welche Auswege bieten sich an? Landwirtschaft ist immer und überall abhängig von den Launen der Natur, aber richtiges Know-how und moderne Technik können hier sehr helfen. Die Einführung neuer Technologien, gegen Dürre zum Beispiel Wasser schonende Bodenbearbeitung, verringert den Einfluss des Wetters auf den Ernteertrag wesentlich. Dafür sind aber umfangreiche Kapitalspritzen notwendig.

Aber Geld alleine wird das Problem nicht lösen. Ohne gut ausgebildete Fachkräfte ist die Nutzung moderner Technik nicht möglich. Hier geht es nicht nur um praxisnah ausgebildete Hochschulabsolventen. Ein großes Problem der Agrarbetriebe ist die Personalfrage. Wo finde ich die Arbeiter, die die modernen, teuren Traktoren, Mähdrescher oder Rübenroder bedienen können? Die Hersteller bieten zwar Schulungen an, aber den Feldarbeitern fehlt oft das Fachgrundwissen. Es mangelt an Berufsausbildung, unabhängiger Beratung und auch Fachzeitschriften. Hier ist die Politik gefragt. Zwar sagt man in Deutschland, dass die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln ernten, aber die Zeiten haben sich längst verändert.

Auch der Zustand der Infrastruktur hat einen entscheidenden Einfluss auf die Rentabilität der Agrarproduktion. Ohne leistungsfähige Verladeanlagen in den Häfen kann man bei den Agrarexporten nicht konkurrenzfähig sein. Wenn nicht genügend Eisenbahnwagons für Getreidetransporte zur Verfügung stehen, kann man Großverträge nicht rechtzeitig bedienen. Die Zuckerproduktion könnte schneller wachsen, wenn der Zustand der Wirtschaftswege Rübentransport auch bei schlechtem Wetter erlauben würde. Die Trockenheit wäre nicht so dramatisch, wenn ich die Felder bewässern könnte. Aber dafür braucht man die entsprechenden Anlagen.

Russland verfügt über ein riesiges Agrarpotential, das aber noch nicht annähernd ausreichend genutzt wird. Landwirtschaft spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung ländlicher Räume. Sie sichert nicht nur die Ernährung sondern auch Einkommen und Arbeitsplätze. Darüber hinaus bietet sie auch die Möglichkeiten alternative Energie zu erzeugen. Diese grüne Energie in Russland verstärkt zu nutzen wäre nicht nur ein Beitrag zum Umweltschutz und eine sinnvolle Ergänzung zu den fossilen Energieträgern, sondern auch eine zusätzliche Einnahmequelle für die Agrarproduzenten

Die Landwirtschaft spielte in der Vergangenheit des Landes eine tragende Rolle. Jetzt liegt ein Teil des Potentials brach, aber es lohnt sich das Feld zu bestellen.