DEUTSCH IST „COOL“

Ein Tag mit „Deutsch unterwegs“ zeigt, wie man Deutsch lernen kann, ohne die Schulbank zu drücken. / Simone Voigt, Goethe-Institut Moskau

 „Deutsch unterwegs“ ist das Motto, unter dem das Goethe-Institut die deutsche Sprache im September auf Russlandtour schickte. Drei junge, deutsch-russische Teams aus Sprachanimateuren, Puppenspielern, Footbaggern, Rappern und Bloggern machten eine dreiwöchige Reise, um in Schulen und im öffentlichen Raum Kinder und Jugendliche für das Deutschlernen zu begeistern. Sie fuhren per Zug gen Norden über Sankt Petersburg bis Archangelsk, in den Süden die Wolga flussabwärts bis Astrachan und nach Osten von Nowosibirsk entlang der Transsibirischen Eisenbahnlinie bis Wladiwostok. Auf ihrer Deutschreise legten sie mehr als 12.500 Kilometer zurück, besuchten etwa 500 Klassen an 120 Schulen in 19 Städten und trafen rund 28.000 Menschen. „Deutsch unterwegs“ ist Teil der seit 2010 erfolgreich laufenden Bildungsiniative „Учи немецкий! Lern‘ Deutsch!“ des Goethe-Instituts und steht unter der Schirmherrschaft der Ministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan und ihres russischen Amtskollegen Andrej Fursenko. Am 5. und 6. September ging das Projekt in Moskau mit Schulauftritten und einer großen Schülerparty an den Start.

Das Drehteam des ZDF-Studios Moskau steht am Vormittag des 6. September bereits vor den Toren der nagelneuen Schule Nummer 622 im Moskauer Zentrum, als der Kleinbus mit den Animateuren von „Deutsch unterwegs“ vorfährt. „Team 1: Moskau Astrachan“ ist auf dem Schild hinter der Frontscheibe zu lesen. Sechs gut gelaunte, junge Leute in quietschbunten T-Shirts mit der Aufschrift „Utschi Nemezki!“ (Lern Deutsch!) steigen aus. Es ist ihr vierter Schulbesuch in Moskau und das Lampenfieber hat sich bereits gelegt. Mit ein paar Handgriffen packen sie auf dem Schulhof ihre Requisiten aus, stellen die Technik auf und lächeln den herausgeputzten Schülern zu. So recht wissen die etwa sechzig Acht- bis Fünfzehnjährigen nicht, was sie heute erwartet. Nur einige von ihnen können ein paar Brocken Deutsch, weil an ihrer Schule Englisch als erste Fremdsprache unterrichtet wird. Deutsch steht in Konkurrenz zu Französisch und Spanisch.

Da rappt Jonas aus Bamberg auch schon los: „Ich bin Jonas und komme aus Deutschland. Yeah. Meine Freunde und ich machen Deutsch für Euch.“ Die anderen Animateure tragen ein großes Tuch auf den Schultern. Sie lassen es die Schüler an den Rändern halten und aufrollen. Es ist ein Farbenkreis. Sprachanimateurin Corinna erklärt und die Kinder sprechen ihr nach: „Das ist grün. Grün ist das Gras. Das ist blau. Blau ist das Meer. Das ist gelb. Gelb ist die Sonne. Das ist rot. Rot ist die Mütze vom Rotkäppchen.“ Rot ist das Stichwort für Puppenspielerin Sandy – genauer gesagt: für Rotkäppchen und den Wolf. Rotkäppchen wünscht sich erst einmal eine neue Mütze und Jonas schenkt ihm eine rote Rapper-Kappe.

Dann kommt Yves ins Spiel. „Eins, zwei, drei, vier…“ zählt der zweifache Footbag-Europameister und Südamerika-Meister. Er wirbelt den kleinen weichen Ball durch die Luft und ruft dazu: „Der Fuß, das Knie, der Arm, der Kopf … rechts, links, rechts, links. Und jetzt Du!“ fordert er ein Teenager-Mädchen auf. Plötzlich wollen alle mit Yves footbaggen. „Cool“, finden die Schüler.

20 Minuten lang bewegen und begeistern die vier Animateure die Schüler und gehen anschließend mit ihnen in die Klassen. Ihre Unterrichtsstunden machen sie mit Puppen, HipHop, Sport und Spiel. Die Schüler hören, lesen, schreiben, sprechen und singen ausschließlich Deutsch. Dabei geht es natürlich nicht so leise zu, wie im russischen Sprachunterricht. Einige Lehrerinnen beobachten das Treiben verunsichert. Andere staunen, wie schnell ihre Schüler die deutschen Wörter lernen.

Weiter geht’s zum nächsten Veranstaltungsort, dem Flusshafen „Retschnoj Woksal“. An der Anlegestelle fällt der mit gelben, grünen und pinkfarbenen Luftballons geschmückte Flussdampfer „Anna Karenina“ sofort ins Auge. Team 2 „Moskau-Archangelsk“ und Team 3 „Nowosibirsk-Wladiwostok“ sind schon da. Alle sind aufgeregt, denn sie treten nur dieses eine Mal gemeinsam auf und unter den Gästen sind wichtige Leute. Der deutsche Botschafter, Ulrich Brandenburg, begrüßt die etwa 150 Schüler und ihre Deutschlehrer. „Mit Deutsch könnt Ihr später an einer der 450 Hochschulen in Deutschland studieren oder in einem der 6.000 deutschen Unternehmen in Russland arbeiten. Und, wenn Euch gar nichts anderes einfällt, werdet Ihr eben Botschafter“, erklärt er. Alle lachen, das Schiff fährt los und die Party beginnt.

Die Rapper und Footbagger legen eine mitreißende Show aufs Oberdeck. Auf dem Unterdeck begeistern die Puppenspieler und Sprachanimateure mit Theater-, Wort- und Gewinnspielen. Danach geben alle zwölf Akteure Workshops für die Schüler.

Auf der Fahrt erklärt Johannes Ebert, Leiter des Goethe-Instituts Moskau, den Journalisten die Hintergründe des Projektes: „Trotz des Rückgangs in den letzten zehn Jahren, lernen hier in Russland noch 2,3 Millionen Menschen Deutsch. Diese Zahl wollen wir stabilisieren, dabei auf die Bedeutung des Erlernens einer zweiten Fremdsprache hinweisen und zeigen, dass sich Deutschlernen lohnt.“ 

Als die „Anna Karenina“ nach 3 Stunden voller Fahrt wieder im Hafen anlegt, wird es nochmal spannend. Wer die Quizfragen auf der Eintrittskarte richtig beantwortet hat, kann jetzt eine Berlin-Reise für 2 Personen gewinnen. Die zwölfjährige Wladislawa bricht vor Glück in Tränen aus, als sie ihren Namen hört.

Dann gehen die Gäste von Bord und die Schüler lassen zum Abschied ihre bunten Luftballons in den Himmel steigen. Sie haben auf dieser Fahrt von den Akteuren nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch ein großes Stück deutscher Jugendkultur mitbekommen. Zum Abschied winken sie ihren neuen Idolen strahlend zu und wünschen ihnen viel Glück auf ihrer weiten Reise durch ganz Russland.

So was Tolles hätte sie nicht erwartet, sagt Anne Gellinek vom ZDF als sie mit ihrem Kameramann wieder an Land ist. „Unter Sprachanimation konnte ich mir erst einmal nichts Konkretes vorstellen. Aber schon die Schulhofperformance hat mich von der Projektidee total überzeugt. Diese jungen Deutschen haben bei den Schülern so viel Sympathie geweckt, dass der Wunsch zum Deutschlernen sofort spürbar war“, sagt sie mit einem Augenzwinkern zum Abschied.

„Deutsch unterwegs“ wurde unter Federführung des Goethe-Instituts Nowosibirsk und mit der freundlichen Unterstützung von Lufthansa, der Visit Berlin GmbH, Haribo Russland und des Hueber Verlags durchgeführt.

Webseite zur Veranstaltung: "Lern Deutsch!": www.goethe.de/lerndeutsch