König Fußball sorgt für milliardenschwere Aufträge

Vorbereitungen zur Weltmeisterschaft 2018 laufen bereits auf Hochtouren. Deutsche Unternehmen sollten sich früh rühren, um ins Geschäft zu kommen. / Gerit Schulze, AHK Russland

Wenn es um internationale Großereignisse geht, zeigt sich Moskau erstaunlich spontan und freizügig. Für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 im eigenen Land hat das Wirtschaftsministerium bereits einen Gesetzesentwurf vorbereitet, der Visaerleichterungen vor und während der WM vorsieht. Sportfans aus aller Welt sollen ohne Sichtvermerk nach Russland reisen dürfen, wenn sie sich vorher elektronisch registriert haben. Mit ihrer Eintrittskarte können sie außerdem den öffentlichen Nahverkehr kostenlos nutzen. Um Wucher und Spekulation zu verhindern, sollen die Hotelpreise in den Austragungsorten staatlich reguliert werden.

Nachdem Russland im Dezember 2010 den Zuschlag für die Austragung des wichtigen Sportereignisses bekommen hatte, überschlugen sich russische Medien mit Schätzungen des nötigen Investitionsvolumens. Damals war von etwa 35 Milliarden Euro die Rede. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass diese Summe kaum ausreichen wird.

Besonders kapitalintensive Vorhaben stehen im Eisenbahnbau an. Die russische Bahngesellschaft RZhD hat Anfang Juli 2011 ein Konzept zum Bau von Schienenwegen für die Fußball-WM 2018 vorgelegt. Laut Schätzungen des Transportkonzerns sind dafür in der Maximalvariante Investitionen von 3,35 Billionen Rubel (85 Milliarden Euro) nötig. Drei Viertel davon gehen in den Bau von Hochgeschwindigkeitstrassen zwischen Moskau und Sankt Petersburg sowie nach Kasan, Nischni Nowgorod und Jekaterinburg. Auf diesen Highspeed-Strecken sollen die Züge mit bis zu 400 Kilometer pro Stunde (km/h) verkehren.

Die übrigen Investitionen sollen in die Sanierung des bestehenden Netzes fließen, um alle 13 WM-Austragungsorte mit Schnellzügen anzubinden, die Höchstgeschwindigkeiten zwischen 140 und 250 km/h erreichen. Die komfortable Verbindung der meist über 1.000 Kilometer voneinander entfernen Austragungsorte wird eine der größten Herausforderung der WM-Organisatoren.

Um Qualität und Geschwindigkeit beim Bau der Hochgeschwindigkeits-Trassen zu erhöhen, will RZhD private Partner über Konzessionsverträge einbinden. Diese sollen über einen Zeitraum von 30 Jahren Zahlungen aus dem Staatshaushalt erhalten und zugleich am Betrieb der Strecken beteiligt werden, um so ihre Investitionen zu refinanzieren. Ein Kilometer Hochgeschwindigkeitsstrecke kostet in Russland nach Schätzungen der RZhD zwischen 14 Millionen und 22 Millionen Euro.

Als rollendes Material kommen voraussichtlich Züge der Marken Alstom "AGV", Siemens "Velaro" oder Bombardier "Zefiro" zum Einsatz, zitiert die Moskauer Tageszeitung Wedomosti ein internes Papier der RZhD.

Neben den Langstrecken plant die Bahngesellschaft auch die Anbindung von zehn WM-Flughäfen an ein S-Bahn-Netz. In Moskau und Jekaterinburg kursieren diese Schnellzubringer bereits unter dem Namen "Aeroexpress". Um ähnliche Züge in acht weiteren Städten aufs Gleis zu bringen und neue Trassen bis zu den Flugterminals zu verlegen, sind rund 242 Milliarden Rubel Investitionen nötig. Der größte Teil davon fließt nach Moskau, wo täglich bis zu 109 Züge zwischen dem neuen innerstädtischen Umsteigeknoten am Komsomolskaja-Platz und den drei Flughäfen verkehren sollen. Hier wird bis 2018 ein Passagieraufkommen von bis zu 20 Millionen Fahrgästen pro Jahr erwartet.

Für die Stadionbauten sind nach Angaben des russischen Sportministeriums Investitionen von 116,5 Milliarden Rubel (2,9 Milliarden Euro) nötig. Weitere 10,3 Milliarden Rubel (260 Millionen Euro) fließen in die Trainingsplätze für die WM-Teilnehmer. Für die Hotelinfrastruktur schätzt Sportminister Witali Mutko die Ausgaben auf 82,9 Mrd. Rubel (2,1 Milliarden Euro). Im Umfeld der Stadionbauten ist aber mit weitaus höherem Kapitalbedarf zu rechnen. Allein der Umbau des Moskauer Dynamo-Stadions zur "VTB-Stadium Arena" kostet über eine Milliarde Euro. Der größte Teil davon fließt in Wohn- und Geschäftsimmobilien rund um die Sportstätte.

Die meisten russischen WM-Städte hatten bis Mitte 2011 eigene Arbeitsgruppen gegründet, die sich mit der Vorbereitung auf das sportliche Großereignis beschäftigen. Die Millionenstadt Rostow-am-Don will bis 2018 eine neue Brücke über den Don errichten (sechs Milliarden Rubel), eine zehn Kilometer lange Stadtautobahn für zehn Milliarden Rubel bauen und den Süden der Stadt für zwei Milliarden Rubel an das Fernstraßennetz anbinden.

In Samara läuft bis Ende Juli 2011 eine Ausschreibung zu Planungsarbeiten des Grundstückes für das neue Fußballstadion. Die Arena entsteht voraussichtlich am Zusammenfluss von Wolga und dem Fluss Samara auf dem Gelände des ehemaligen Frachthafens. Dafür müssen rund eine Million Kubikmeter Sand aufgeschüttet und die Uferlinie auf zweieinhalb Kilometer Länge befestigt werden. Allein für die Erdarbeiten sind Investitionen von 200 Million Rubel vorgesehen. Der Stadionbau könnte bis zu elf Milliarden Rubel kosten.

Jekaterinburg hat bereits die Plätze für die Fan-Zone auserkoren. Allerdings ist noch unklar, ob die Ural-Metropole überhaupt Standort für ein WM-Spiel wird. Wie russische Zeitungen berichteten, gibt es Überlegungen, einige Städte von der Liste der Austragungsorte zu streichen, um so die Kosten für die Organisation der Weltmeisterschaft im Rahmen zu halten. Zu den Wackelkandidaten gehören Jekaterinburg, Saransk und Podolsk (Moskauer Gebiet).

Dennoch: Russlands Unternehmen sind bereit für das große Geschäft. Telekom-Konzern Rostelekom will Großsponsor des WM-Spektakels werden. Das Rohstoffunternehmen Evraz Group schätzt, dass 2,5 Millionen bis drei Millionen Tonnen Stahl für den Bau der Stadien und Infrastruktur gebraucht werden und erwartet daher neue Großaufträge.

Deutsche Unternehmen haben längst ihre Fühler Richtung Russland ausgestreckt, um sich für die bevorstehende Auftragsflut zu empfehlen. „Sie sollten sich zuerst an die lokalen Organisationskomitees in den WM-Austragungsorten wenden", rät Anna Metzler, die bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) in Moskau das Sotschi Desk leitet. In dieser Funktion hat sie deutschen Firmen im Vorfeld der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi bereits bei der Geschäftsanbahnung geholfen.

Für ein Großereignis wie die WM 2018 sei es wichtig, bei den zuständigen russischen Stellen als Konsortium aus Projektmanagern, Planern und Architekten aufzutreten, so Metzler. „Mit einem Gesamtkonzept, das komplexe technische Lösungen für die anstehenden Aufgaben aufzeigt, hat man die besten Chancen, an Aufträge zu kommen." Für Lieferanten von Baumaterialien oder Maschinen sei es noch zu früh für eine Kontaktaufnahme.

Ein wichtiger Ansprechpartner für die geplanten Stadionbauten ist der Russische Sportstätten-Verband RASS. Er versammelt alle Partner, die mit Projektierung, Bau und Betrieb von großen Sporteinrichtungen im Land befasst sind.