„In Russland gibt es keinen Raum für Experimente“

Warum kommt in Russland die Kreativwirtschaft nur langsam vorwärts? Ein Interview mit Elena Zelentzova, Direktor der Agentur für Kreative Industrien. / Monika Hollacher, AHK Russland

Weltweit werden zunehmend Hoffnungen in die Kreativwirtschaft als ein Wirtschaftsmotor, insbesondere in Krisenzeiten, gesetzt. Wie stellt sich die Situation in Russland dar?

In der Tat konnte der letzte Bericht der UNO zur Kreativwirtschaft von 2010, in dem die Daten aus der Krise 2008 / 2009 schon verarbeitet waren, darauf verweisen, dass der Handel in der Kreativwirtschaft um zwölf Prozent in der Krise gewachsen ist, während er in allen anderen Branchen stark zurückging. Das bedeutet, dass das nicht materielle, schöpferische Potential der Kreativwirtschaft auch in Krisenzeiten nachgefragt ist.

Was Russland betrifft, ist die Situation sehr viel komplizierter und vielschichtig. Auf der föderalen Ebene wird Kreativität nicht als prioritäres Thema erkannt, schon gar nicht wenn es nicht unmittelbar mit Kultur verbunden ist. Wenn von Modernisierung und Innovation die Rede ist, dann ist immer nur technologische Modernisierung gemeint, im besten Fall sind Innovationen in der IT Branche gemeint. Wenn von Verbesserung des Investitionsklimas die Rede ist, denke man an den Ansiedlung und Aufbau von Produktion. Das für das Investitionsklima in einer Region auch kulturell geprägt Projekte besondere Bedeutung haben können, wird völlig außer Acht gelassen.

Aber auf der lokalen Ebene gibt es durchaus Städte oder Regionen, die die Entwicklung kreativer Industrien in ihren Programmen als prioritär deklarieren, z.B. Krasnojarsk, Surgut und noch einige andere.

Gibt es schon konkrete Projekte?

Leider erst sehr wenige. Bisher befindet sich noch vieles auf der theoretischen Ebene. Aber es gibt auch schon wirkliche Vorreiterregionen, wie z.B. Perm, die die kulturelle Erneuerung als einen Motor für ihre wirtschaftliche und soziale Entwicklung formuliert und mit der Realisierung begonnen haben. Perm hat schon sehr viel getan, dazu gehört auch die Gründung des „Permer Zentrum für Designentwicklung“. Das Zentrum realisiert Programme zur Umgestaltung des öffentlichen Stadtraums, es befasst sich unter vielem anderen mit der gesamten Außendarstellung des Permer Gebiets. Perm hat sich zur Kulturhauptstadt erklärt und begreift dies nicht als Selbstzweck, sondern als Strategie. Man will hier Kultur auf Weltniveau implementieren und alles weiter soll sich daran orientieren und später nachziehen.

Neben diesem Großprojekt gibt es aber eine ganze Reihe lokaler Projekte, meistens auf Initiative privater Geschäftsleute, z.B. die Initiativen hier in Moskau auf dem Gelände der Fabrik „Krasnyj Oktjabr“, wo wir uns gerade befinden, das Zentrum für zeitgenössische Kunst Winsawod, die Design Fabrik „Flacon“ etc. Aber auch in den Regionen gibt es sehr erfolgreiche Projekte, z.B. in Karelien, wo das Zentrum für Kulturinitiativen der Republik Karelien Handwerkern und zeitgenössische Künstler und Designer zusammengebracht hat, die auf der Basis der traditionellen Volkskunst etwas ganz Neues und Originelles geschaffen haben. Diese Produkte sind gut nachgefragt und kommerziell sehr erfolgreich.

Unter welchen Bedingungen entwickeln sich die kreativen Industrien in Russland?

Es gelten die gleichen Bedingungen, die auch für alle anderen kleinen und mittleren Unternehmen aus anderen Branchen gelten. Das heißt all die Schwierigkeiten mit denen KMU in Russland kämpfen, treffen auch auf die kreativen Industrien zu. Hinzu kommen spezifisch russische Probleme, z.B. dass wir es in Russland oft mit sehr jungen Märkten zu tun haben. Einen Werbemarkt gibt es erst seit 1991. Das heißt, es gibt noch nicht genug Erfahrung. Vieles entwickelt sich zunächst durch direkte Entlehnungen aus anderen Sprachen und anderen Ländern. Reklame wird einfach übersetzt, Ideen zu Serien oder Fernsehshows werden eingekauft und bestenfalls an die russische Realität angepasst. Der Anteil der eigener Ideen ist noch relativ gering entwickelt.

Warum ist das so?

Um ein kreatives Produkt zu erzeugen muss man in die kreative Infrastruktur investieren. Rein formell erfand z.B. Steve Jobs das iPhone, oder Bill Gates Windows innerhalb eines Unternehmens. Aber natürlich kommt das nicht von ungefähr. Die meisten kreativen Menschen und die meisten Copyrights und Patente gibt es in den Ländern, wo die entsprechenden Voraussetzungen stimmen. Das heißt, die wirtschaftlichen Bedingungen sind günstig, das Bildungssystem ist in der Lage qualifiziertes kreatives Personal auszubilden. Es gibt Stadtentwicklungsprogramme die eine kreative Klasse anziehen. Die kreative Infrastruktur hängt stark von den wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten ab, die den Grundstein für eine kreative Wirtschaft bilden. Das heißt, wird nicht genügend in das menschliche kreative Potenzial investiert, führt das automatisch zu einem Defizit an kreativen Produkten.

In Russland sind die Unternehmer nicht weniger kreativ oder talentiert als anderswo. Aber wenn die entsprechenden Voraussetzungen fehlen, ist es sehr schwer etwas zu erreichen. Ein Beispiel aus der Filmbranche: Erst heute habe ich mit einem Bekannten darüber gesprochen, dass das VGIK (Moskauer Staatliche Filmhochschule) nicht in der Lage ist, ausreichend qualifizierte Regisseure, Kameraleute, Produzenten, Filmschauspieler auszubilden. Es fehlt an modernem Know-how, Erfahrungen und auch an den materiellen Voraussetzungen etc. Woher soll also eine einheimische Filmproduktion auf einem vergleichbar hohen Niveau kommen, wie es in anderen europäischen Ländern der Fall ist? In Europa gibt es fast in allen Ländern umfangreiche Programme zur Unterstützung des einheimischen Films.

Außerdem gibt es in Russland keinen Raum für Experimente. Das fängt schon mit der Wissenschaft an. Aus der Förderung von Grundlagenforschung, die dem normalen Menschen nicht verständlich und nur schwer vermittelbar ist, entstehen nach 50 Jahren Computer, Telefone usw., alles das was unser Leben heute angenehmen macht. Genauso verhält es sich mit kreativen Menschen, Künstler, Musikern etc, die einen experimentelle Zone brauchen, in der sie unter Umständen nur für einen sehr kleines Publikum arbeiten, weil das was sie tun nur wenigen Menschen zugänglich ist. Später kann daraus aber das Design für die neuesten Autos entstehen, oder die schönste Landschaftsarchitektur, oder die populärsten Modetrends. Ganz ähnlich wie bei der Wissenschaft muss es ein Übungsfeld geben, aus dem später viele schöpfen können. Diese experimentelle Zone oder auch Spielwiese ist die Grundlage für die spätere Wettbewerbsfähigkeit. Das Fehlen dieser Spielwiese in der Wissenschaft führt dazu, dass wir in der technischen Entwicklung nicht vorwärts kommen, ebenso hindert es uns in den kreativen Industrien weiter zu kommen. Diese Felder brauchen Unterstützung damit sich überhaupt etwas entwickeln kann, das fängt bei der Bereitstellung billiger Räumlichkeiten an und hört nicht bei der finanziellen Unterstützung für Start-ups auf.

Trotzdem hat sich doch einige in den letzten Jahren verändert. Besonders im Bereich Kunst und Kultur.

Das stimmt. Als wir vor 20 Jahren angefangen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zu organisieren, die von vielleicht fünf verrückten Kunstkritikern besucht wurden, stand wir unter ständigem Rechtfertigungszwang. Heute stellt niemand mehr solche Fragen. Wenn Unternehmer solche Zentren wie „Garage“ oder „Krasnij Oktjabr“ bauen, ist jedem klar, wie wichtig diese Projekte für die Stadt sind, nicht nur für die Kultur sondern auch für die gesamte Stadtentwicklung.

Eine experimentelle Spielwiese für die Wissenschaft soll ja jetzt in dem Prestige behafteten Projekt Skolkowo realisiert werden. Der russische Silicon Valley. Was halten Sie davon?

Über Skolkowo ist schon so vieles geschrieben und kritisiert worden, da kann ich nichts Neues hinzufügen. Unternehmen, besonders kleine und mittlere, befinden sich in einem schwierigen, ja bisweilen sogar aggressiven Umfeld. Bei jedem Schritt stoßen sie auf Hindernisse, angefangen mit der Bürokratie, den Steuern, dem Aufbau einer Produktion, der fehlenden Infrastruktur usw.

Der Glaube durch eine Oase in einem insgesamt wenig attraktiven Umfeld die Situation entscheidend verändern zu können ist natürlich etwas naiv.

Das stimmt. Es muss schon mehr getan werden, so wird das auch oft von deutscher Seite kritisiert.

Ja aber ich denke, dass gerade von europäischer Seite die Situation in Russland auch nicht immer richtig bewertet wird. Russland ist nach wie vor eine reine Rohstoffwirtschaft und die Umstrukturierung der Wirtschaft ist extrem schmerzhaft. Es gibt sehr viele Menschen die vom heutigen System profitieren. Es ist aber noch nicht klar, wer von einer modernisierten Technologie- und Dienstleistungsorientierten Gesellschaft profitieren würde. Es gibt also sehr viele potenzielle Verlierer, die wissen, dass sie auf der Verliererseite stehen werden, aber wer profitieren wird, ist unbekannt. Das ist ein soziales Problem und es ist die stärkste Bremse für eine durchgreifende Modernisierung in Russland.

Trotzdem hat sich dich in den letzten Jahren einiges getan, es sind ganze Kulturcluster entstanden, und dies nicht nur in Moskau sondern auch in Petersburg und einigen anderen Städten. Die Initiative kommt immer von privater Seite. Klinkt sich irgendwann die Stadt ein und fängt an diese Einrichtungen zu unterstützen?

Leider nein. Ich musste sogar feststellen, dass manchmal das Gegenteil passiert. Hier in Moskau liegen die Projekte Vinzavod und Art Play relativ nah beieinander. Beide Projekte haben jetzt eine Größe und einen Publikumszulauf erreicht, der ein Eingreifen der Stadt notwendig macht. Eine verbesserte Verkehrsführung, die Schaffung von Parkmöglichkeiten, dass kann nur gemeinsam mit der Stadt geschehen. Bisher ist da nichts passiert.

In Russland läuft die Entwicklung so, dass private Investoren die kreative Infrastruktur aufbauen, aber ab einem gewissen Punkt braucht man eben doch staatliche Unterstützung, dabei geht es nicht nur um Geld, sondern vor allem um gesetzgeberische und politische Unterstützung.

Was bietet Ihre „Agentur für kreative Industrien“ an?

Wir sind in drei Richtungen aktiv: Forschung, Consulting und Trainings oder Fortbildung.

Bei den Forschungsprojekten haben wir aktuell eine Studie zum Investitionsklima im Bereich kreative Industrien mit dem finnischen „Institute for Russia and Eastern Europe“ abgeschlossen. Wir arbeiten mit der staatlichen Universität in Krasnojarsk an einer Studie zum Kreativpotenzial in der Region.

Als Consultants beraten wir Regionen, Städte und auch Unternehmen. So haben wir haben mit den Regionen Perm und Karelien Strategiepapiere zur Entwicklung kreativer Industrien entwickelt. Oft wenden sich auch Unternehmen an uns, die entweder ihre brachliegenden Aktiva sinnvoll einsetzen wollen, oder sich in Richtung Kreativwirtschaft profilieren wollen.

Im Bereich Fortbildung sind wir sehr froh, dass es uns mit Hilfe von Spenden gelungen ist, ab nächstem Jahr einen Fernlehrgang für kreative Unternehmer anbieten zu können. Es war uns wichtig, dass es ein Fernlehrgang wird, denn nur so erreichen wir auch die Menschen in den Regionen.