Leasinggeschäfte im Aufschwung

Russlands Leasingmarkt boomt: Vertragsvolumen hat sich 2010 mehr als verdoppelt / Gerit Schulze, GTAI

Russlands Leasingmarkt konnte sich 2010 unerwartet schnell erholen. Die Zahl der Neuverträge hat sich gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Das Volumen erreichte 725 Milliarden Rubel (18 Milliarden Euro). Damit lag das Wachstum bei 130 Prozent, wie die Ratingagentur Ekspert in einer aktuellen Studie ermittelte.

Experten sehen mehrere Gründe für diese positive Entwicklung. Zum einen hat sich die finanzielle Situation potenzieller Leasingnehmer verbessert, wodurch die Leasinggeber ihre Risikobewertungen und -aufschläge senken konnten. Daneben expandierten vor allem die Leasing-Gesellschaften großer staatlicher Banken aggressiv, um ihre Geschäfte auszuweiten.

Der Löwenanteil des russischen Leasinggeschäfts konzentriert sich auf wenige Anbieter. Auf die drei Marktführer VEB-Leasing (Vneschekonombank), Sberbank Leasing und VTB-Leasing (Vneschtorgbank) entfielen 2010 über 41 Prozent des neu abgeschlossenen Vertragsvolumens. Diese Troika ist mehrheitlich in staatlicher Hand. Besonders VEB-Leasing trumpfte mit einer Verdreifachung des Vertragsvolumens auf. Dieser Sprung bei den Neuabschlüssen verwundert nicht, denn das Finanzinstitut hat 2010 gleich 53 neue Filialen in den Regionen Russlands eröffnet. Das größte Leasingportfolio verbuchte jedoch VTB-Leasing mit knapp 200 Milliarden Rubel.

Die Dominanz der großen staatlichen Leasinganbieter erklärt sich auch durch die Art der Geschäfte. Der Staat unterstützt häufig die Anschaffung von Schiffen, Eisenbahnwaggons oder Flugzeugen über die staatlichen Banken. Subventionen werden in der Regel nur über die staatlichen Leasinggesellschaften weitergereicht.

Wichtig ist die Renaissance des russischen Leasingmarktes für die Kfz- und Lkw-Hersteller. Allein die Leasingsparte des Lastwagen-Produzenten Kamas sorgt nach eigenen Angaben pro Jahr für eine Auslastung des Werkes von eineinhalb Monaten. Lastwagen hatten 2010 einen Anteil von acht Prozent am gesamten Leasing-Neugeschäft; Pkw kamen auf sieben Prozent. Die Volkswagen Group Finance schloss 2010 laut Ratingagentur Ekspert Leasingverträge über eine Summe von drei Milliarden Rubel ab.

Deutsche Leasinggesellschaften, die in Russland vor allem Maschinen und Ausrüstungen finanzieren, haben 2010 zwar auch ein gutes Geschäft gemacht, sind aber längst nicht so stark gewachsen wie die Marktführer. Sie setzen nicht auf Masse, sondern nehmen die Kunden nach wie vor genau unter die Lupe. „Wir haben eine strikte Risikopolitik", erklärt Jonas Roever, Geschäftsführer der Deutsche Leasing Vostok in Moskau. Dennoch war das 1. Quartal 2011 das bislang beste in der zwölfjährigen Russland-Präsenz des Unternehmens.

Auch der deutsche Siemens-Konzern will sich verstärkt im russischen Leasingmarkt engagieren. Die Münchener haben Anfang 2011 das Unternehmen DeltaLeasing gekauft, das besonders in den russischen Regionen aktiv ist und seinen Hauptsitz in Wladiwostok hat. Hinsichtlich seines Leasingportfolios lag DeltaLeasing 2010 auf Platz 25 der größten russischen Anbieter. Beim Neugeschäft gehörte das Unternehmen sogar zu den Top 15. Siemens will mit der Übernahme seinen Kunden in Russland verstärkt Finanzierungslösungen für die Anschaffung von Ausrüstungen anbieten.

Die Erholung der russischen Leasingbranche im Jahr 2010 folgte einer zweijährigen Krisenphase, in der das Marktvolumen um zwei Drittel eingebrochen war. Zahlungsausfälle, Wechselkursverluste durch den Rubel-Verfall und Liquiditätsprobleme der Banken hatten das Geschäft 2008 und 2009 stark beeinträchtigt.

Geographisch konzentriert sich Russlands Leasingmarkt immer noch auf die beiden wichtigsten Städte des Landes: 38 Prozent des Neugeschäfts entfielen 2010 auf Moskau, zwölf Prozent auf Sankt Petersburg und weitere 13 Prozent auf den zentralrussischen Föderalbezirk. Trotz ihrer starken industriellen Ausrichtung ist die Uralregion mit einem Anteil von neun Prozent nur unterdurchschnittlich vertreten (Sibirien acht Prozent, Ferner Osten drei Prozent).

Angesichts des enormen Erneuerungsbedarfs der russischen Industrie rechnen Marktkenner auch für die kommenden Jahre weiter mit einem stürmischen Wachstum des Leasinggeschäfts. Auftrieb bekommt die Branche 2011 vor allem in den Bereichen Kfz, Luftfahrt und Eisenbahn. Auch beim Leasing von Immobilien und IT-Ausrüstungen sehen Experten viel Potenzial.

Sollte die Regierung am System der beschleunigten Abschreibung festhalten, wird für 2011 bei den Neuverträgen ein Volumenzuwachs um 40 bis 50 Prozent auf über eine Billion Rubel erwartet. Selbst von dieser hohen Basis aus könnte auch 2012 noch einmal ein Plus von 20 bis 30 Prozent hinzu kommen. Allerdings bezweifeln Marktkenner wie Jonas Roever von Deutsche Leasing Vostok, dass der Steuervorteil noch lange bestehen bleibt.

Die beschleunigte Abschreibung ermöglichte es zum Beispiel, geleaste Anlagegüter statt über sieben Jahre schon innerhalb von 29 Monaten abzuschreiben. Das brachte Vorteile bei der Vermögen- und Gewinnsteuer. Experte Roever rechnet damit, dass durch die Abschaffung dieser Regelung Leasingverträge künftig länger laufen und es mehr Restwertverträge geben wird. Dadurch würde auch der Gebrauchtmarkt belebt.