Made in Russia

Die russische Regierung möchte ausländische Unternehmer zur Lokalisierung ihrer Produktion animieren. Den Weg dorthin sollten Regierung und Unternehmen gemeinsam gehen. / Monika Hollacher, AHK Russland 

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat noch einmal ganz deutlich werden lassen, was auch vorher schon alle wussten: Russland muss die Abhängigkeit seiner Wirtschaft von Gas und Öl überwinden, um den Schritt in den Kreis der modernen Industrienationen zu schaffen. Die Ansiedlung von Produktion und der Know-how-Transfer sollen nun mit allen Mitteln forciert werden.

Die Anwendung neuer protektionistischer Einfuhrregelungen soll helfen, das Interesse an einem Aufbau lokaler Fertigung zu stimulieren. Das allein wird jedoch nicht ausreichen. Industrie und Wirtschaftsministerium arbeiten daran, die Investitionsbedingungen zu verbessern und gleichzeitig die eigenen Interessen durchzusetzen. Ein Weg, der oft zwiespältig ist und nur im Dialog mit der Wirtschaft gehbar ist. Impuls befragte Vertreter deutscher Unternehmen zu ihrer Situation, ihrer Stimmung und den Wünschen in Bezug auf die Lokalisierung ihrer Produktion.

Produktion ist nicht gleich Produktion und selbstverständlich sind die Gegebenheiten und Anforderungen von Branche zu Branche unterschiedlich. Für die Entscheidung eine Produktion in Russland anzusiedeln spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle. Aber gemeinsam sind allen der Wunsch nach Marktnähe und der lokale Bedarf. „Wir müssen den Puls des Marktes spüren“, formuliert es Dr. Ralf Bendisch, Generaldirektor von OOO Claas . Der westfälische Landmaschinenhersteller ließ sich nach sorgfältiger Standortanalyse von 13 Regionen vor gut acht Jahren in Krasnodar nieder, wo auf drei Prozent der gesamten Anbaufläche Russlands zehn Prozent der Ernte eingefahren werden.

Auch für so große Hersteller wie Bosch ist der lokale Bedarf ausschlaggebend für eine Lokalisierungsentscheidung. Aber der ist oft zu gering um ganze Fertigungslinien auszulasten, deshalb ist die Fertigung von Bosch auch auf den Export der Ware ausgelegt. Bosch fertig in Russland Kraftfahrzeugkomponenten, Industrie- und Gebrauchsgüter. „Alle Produkte, die wir in Russland herstellen, müssen exportfähig sein“, erläutert René Schlegel Repräsentant der Bosch Gruppe in Russland. „Der Name Bosch bürgt für gleichbleibende Qualität weltweit, nicht das Herstellungsland und deshalb bleiben Bosch-Elektrowerkzeuge oder Zündkerzen ‚made in Russia’ auch in anderen Ländern nicht im Regal liegen“, so Schlegel.

Diesen Anspruch haben wohl alle deutschen Hersteller, aber Bosch bildet in Sachen Export eher die Ausnahme als die Regel. Die meisten produzieren bisher nur für den russischen Markt, einige beliefern von hier aus allenfalls die Länder der Zollunion oder der GUS mit. Auf dem Weltmarkt dringen Waren „made in Russia“ meistens gar nicht vor. Das liegt zum Teil an den relativ hohen Produktions- und Logistikkosten, aber auch an den schwierigen Rahmenbedingungen für den Export (Zollverfahren und Mehrwertsteuerrückerstattung). Daher werden auch viele potentielle Lokalisierungsprojekte in Russland z.B. in der chemischen Industrie nicht realisiert, weil die Anlagen für den russischen Markt allein viel zu groß und nicht ausgelastet wären. Exportorientierung ist darüber hinaus wichtig, um aufgrund des härteren globalen Wettbewerbs weltmarktfähige Qualitätsstandards zu halten. .

René Schlegel von Bosch sieht die Ursache aber weniger in den Rahmenbedingungen, die zwar schwierig aber „beherrschbar“ sind. Das Problem Nummer eins sei vielmehr die russische Zuliefererindustrie. Und dies betrifft gleichermaßen große und mittelständische Unternehmen und jede Branche. Drei Problembereiche im Umgang mit Zulieferern lassen sich feststellen: Zulieferer oder Materialien sind entweder nicht vorhanden, oder wenn sie vorhanden sind, sind sie zu teuer und meistens genügen sie nicht den Qualitätsansprüchen der Produzenten. So fasst es Walter Schöpf, stellvertretender Generaldirektor und zuständig für den Bereich Kraftfahrzeugtechnik bei Bosch in Russland, zusammen. Alle in Russland produzierenden Unternehmen betreiben einen erheblichen Aufwand mit Ihren Zulieferern. Um an Komponenten mit der geforderten Qualität zu kommen legen die meisten Produzenten Programme mit entsprechenden Qualifizierungsmaßnahmen für potentielle Zulieferer auf, mit denen das notwendige Know-how aufgebaut und so langfristige Zulieferer ausgebildet werden. Bei Bosch sieht das in vielen Fällen so aus, dass ein Mitarbeiterstab entsendet wird, um den Zulieferer zu beraten und den Herstellungsprozess zu organisieren. Da nicht selten auch der Maschinenpark der Zulieferer veraltet oder unzureichend ist, liefert Bosch oft auch Maschinen aus den eigenen Beständen. Aber selbst wenn alles glatt läuft, kommt es immer wieder zu Qualitätseinbrüchen. Qualitative Schwankungen kann sich ein weltweit produzierendes Unternehmen jedoch nicht leisten.

Für Unternehmen wie den westfälischen Landmaschinenbauer Claas ist die Situation schwieriger, denn Landmaschinen sind keine Massenware. Für Mähdrescher liegt das Marktpotential in Russland bei 7000 bis 8000 Stück pro Jahr. Diese relativ kleine Stückzahl erschwert die geforderte Erhöhung der Lokalisierungstiefe, denn Lieferanten lassen sich damit nur schwer finden. Deshalb haben sich die Westfalen nach vielen Experimenten entschlossen, in die Eigenproduktion von Komponenten zu investieren. Sicher kein Königsweg, so Generaldirektor Dr. Bendisch. Ideal wäre natürlich die Ansiedlung passender Betriebe in der Nähe der Produktionsstätte. Aber das sei unter den bisherigen Bedingungen in Russland nicht realistisch.

Aber selbst hohe Stückzahlen garantieren keine zuverlässigen Zulieferer. „Ein großes Problem ist auch, dass Zulieferer in Russland mit einem wenig spitzen Bleistift kalkulieren“, bemängelt Schlegel, „Wer einen Produzenten wie Bosch beliefert, hat nicht nur lokale Chancen, sondern automatisch auch internationale, denn Bosch produziert jedes Produkt mehrfach auf der Welt. Also müsste man von Anfang an so rechnen, dass man den ersten Auftrag im Wettbewerb erst einmal bekommt, um dann weltweit zu liefern.“ Aber da fehle nicht wenigen russischen Zulieferern nicht nur das Können, sondern teilweise auch das Wollen, so Schlegel.

In diesem Bereich sollte das Industrieministerium aktiv werden. Denn wer einen hohen Lokalisierungsgrad fordert, muss auch ausreichende Zulieferinfrastruktur bieten, damit diese Bedingungen überhaupt erfüllbar werden. Für Firmen wie Bosch sei es aufwändig und zu schwierig sich selbst alle Lieferanten zu suchen. Das Industrieministerium, so Schlegels Vorschlag, könnte eine zentrale Anlaufstelle einrichten, an die Firmen ihren Bedarf an Komponenten mit veranschlagter Stückzahlproduktion und Zielpreis einreichen können. Das Ministerium seinerseits müsste nach solchen Zulieferbetriebe suchen und wenn es sie gibt, die Anfrage entsprechend weiterleiten und die entsprechenden Offerten zurückgeben. Ein solches Vorgehen würde den Produzenten signalisieren, dass Lokalisierungsvorschriften nicht nur verlangt, sondern die Einhaltung auch ermöglicht wird, so Schlegel. Und es wäre ein echtes Signal an die Produzenten.

Ein weiteres Problem insbesondere für Hersteller aus Branchen, die weitgehend von staatlichen Aufträgen abhängig sind, wie z.B. das Gesundheitswesen oder auch die Landwirtschaft, ist die fehlende verbindliche Statusdefinition, ab wann man als einheimischer Produzent gilt. Denn bei Staatsaufträgen oder staatlichen Förderungsprogrammen, hat nur der eine Chance, der auch als russischer Produzent anerkannt ist und die vorgeschriebene Fertigungstiefe erreicht, obwohl teilweise selbst das nicht unbedingt hilft. Denn schwammige Definitionen lassen Willkür zu. Besonders ärgerlich ist, dass gerade einheimische Unternehmen eben diese Fertigungstiefe nicht erfüllen, sondern ihre Komponenten oft importieren und trotzdem bevorzugt behandelt werden. „Manche heimischen Hersteller betreiben geradezu eine ‚Antilokalisierung’“, bringt es Dr. Bendisch für die Landmaschinenbauer auf den Punkt. Während sich Claas glücklich schätzt, weil Sberbank und Rosselchosbank den Landmaschinenbauer in Programme zur Vergabe von zinsvergünstigten Krediten für landwirtschaftliche Betriebe einbezogen hat, sind andere Unternehmen in der Branche weniger gut aufgestellt.

Die Bemühungen der russischen Regierung, Produzenten aus dem Gesundheitswesen und der Pharmabranche zur lokalen Produktion zu bewegen, sind teilweise erfolgreich. Dabei gibt es die verschiedensten Formen des Engagements: Kauf bestehender Werke (Übernahme von Bioton Wostok durch Sanofi-Aventis), Greenfield-Investitionen (Nycomed, Jaroslawl), Bau von Forschungszentren (Novartis, St. Petersburg), Forschungskooperationen (Roche und Chimar), Lizenzproduktionen ausländischer Präparate durch russische Hersteller (Johnson & Johnson und Farmstandard) und auch Gemeinschaftsproduktionen. Insgesamt sollen im kommenden Jahr mehr als eine Milliarde US-Dollar in die Produktion in Russland investiert werden. Ein Beispiel für eine gelungene Kooperation liefert das Dialyseunternehmen Fresenius, das 2008 gemeinsam mit dem Ischewsker Pharmaunternehmen Rester eine gemeinsame Produktion von Lösungen für die Peritonealdialyse etablierte. "Rester war für uns der ideale Partner", berichtet Julius Krüger, heute Direktor International Business Development bei Fresenius Medical Care. In ganz Russland habe es vor der Kooperation nur drei bis vier Pharmaziebetriebe gegeben, die auf einem vergleichbar hohen und modernen Niveau fertigten. In Ischewsk gebe es qualifiziertes Personal, Rester habe schon damals über ausreichende Lagerkapazitäten verfügt und auch logistisch ist der Betrieb günstig gelegen. Allerdings müssen auch die russischen Pharmabetriebe 90 Prozent ihrer Ausgangsstoffe im Ausland einkaufen.

Mit der Forderung der russischen Regierung auch Forschung und Entwicklung zu lokalisieren tun sich viele Unternehmen schwer. Geistiges Eigentum ist nach Ansicht vieler nur unzureichend geschützt. Aber gerade hier, so Bosch-Chef Schlegel, sind genug Lieferanten auf hohem Qualitätsniveau vorhanden. Diesen Umstand nutzt Bosch und unterhält in St. Petersburg eines von drei Forschungskompetenzzentren außerhalb Deutschlands. Dieses Kompetenzzentrum arbeitet mit Instituten und Universitäten in ganz Russland zusammen. Der Schwerpunkt der Forschung und Entwicklung in Russland liegt auf der Materialwissenschaft, einer traditionelle Stärkte der russischen Wissenschaft.

Auch in der Entwicklung setzt Bosch auf russisches Know-how. „Wir haben im Kraftfahrzeugbereich die Know-how-Träger bezüglich der Applikationen einschließlich des Projektmanagements von Deutschland nach Russland transferieren können“, berichtet Walter Schoepf „und wir haben bisher ein Applikationszentrum in Nabereschnyje Tschelny für Dieseleinspritztechnik. Außerdem haben wir Applikateure für den Bereich Gasoline Systems in Togliatti. Wir produzieren also nicht nur Komponenten, sondern erbringen auch Ingenieurdienstleistungen vor Ort.“

Was ist spürbar besser geworden für die Unternehmen? Die Durchsetzung von Rechtsansprüchen vor Gericht, lautet die etwas überraschende Antwort bei allen Gesprächspartnern. „Wenn man Recht hat“, so René Schlegel „bekommt man es auch.“ Gesetze seien moderner und anwendbarer geworden. Außerdem sei die Durchsetzung im Vergleich zur Vergangenheit relativ zeitnah und kurzfristig möglich, so Schlegel. Andere Unternehmen bestätigen das. Allerdings sei der Kostenaufwand doch erheblich und zumindest für kleine Unternehmen oft zu hoch, kritisiert Dr. Bendisch von Claas.

Was sollte der Staat möglichst nicht tun? Auch darin sind sich alle einig: Sich zu sehr in Unternehmensbelange und Produktionsdetails einmischen. Vorschriften wie z.B. die Bestimmung, dass bestimmte Produktionsmengen in einem Zwei-Schichtbetrieb erreicht werden müssen, oder die Vorschrift von Pflichtbaugruppen, ohne Rücksicht auf Wirtschaftlichkeit, all das sollte den Staat weniger interessieren. Industriepolitik sollte soviel Freiheit wie möglich zulassen und sich um Produktionsdetails nicht kümmern. Die befragten Unternehmen würden es begrüßen, wenn sich der Gesetzgeber vorab mit den verschiedensten Wirtschaftsvertretern intensiver beraten würde. „Aber in Russland ist nichts in Stein gemeißelt“, formuliert es René Schlegel positiv. Es sei durchaus schätzenswert, dass nicht gelungene Änderungen vom Gesetzgeber auch wieder zurückgenommen würden.