„Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“

Historische Ausstellung aus Deutschland wurde zum 70. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion in Moskau eröffnet. / Phillip Neumann, Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion wird im Moskauer Zentralmuseum des Großen Vaterländischen Krieges die Ausstellung „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“ gezeigt. Die unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Christian Wulff stehende Ausstellung geht auf eine Initiative der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) zurück und wurde von ihr gefördert. Zur Eröffnung der Ausstellung am 22. Juni 2011, dem 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, wurden Grußbotschaften des russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew und Bundespräsident Christian Wulff verlesen.

Es ist das erste Mal, dass in Russland anlässlich eines Jahrestages des deutschen Überfalls eine zeithistorische Ausstellung aus Deutschland gezeigt wird. Zur außerordentlichen Bedeutung dieses Ereignisses sagte Prof. Dr. Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora: „Diese Präsentation in der russischen Hauptstadt, in deren Mittelpunkt die Opfer des nationalsozialistischen Raub- und Vernichtungskrieges stehen, stellt einen bedeutsamen Schritt im deutsch-russischen Verhältnis wie in der gemeinsamen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Zweiten Weltkrieges dar.“ Dr. Martin Salm, Vorstandsvorsitzender der Stiftung EVZ, stellte heraus: „Ich freue mich, dass die Wanderausstellung zum Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in Moskau eröffnet werden kann. Uns geht es dabei vor allem um die Würdigung derjenigen, die nicht nur im Schatten der Geschichte, sondern auch im Schatten der Erinnerung standen: die ehemaligen Zwangsarbeiter. Sie nicht zu vergessen ist das Anliegen der Stiftung EVZ.“

Die internationale Wanderausstellung zur NS-Zwangsarbeit ist bis zum 23. Oktober 2011 in Moskau zu sehen. In enger Zusammenarbeit mit den Partnern vom Zentralmuseum des Großen Vaterländischen Krieges haben die Ausstellungsmacher ihre Exposition und den russischsprachigen Begleitband um zusätzliche Zeugnisse zu den Erfahrungen von Zwangsarbeitern aus Russland und den anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion ergänzt.

Zwangsarbeit war im nationalsozialistischen Deutschland ein Massenphänomen. Die aus allen Teilen Europas deportierten Arbeitskräfte wurden überall eingesetzt: in Rüstungsbetrieben ebenso wie auf Baustellen, in der Landwirtschaft, im Handwerk, in öffentlichen Einrichtungen und in Privathaushalten. Ob als Besatzungssoldat in der Sowjetunion oder als Bäuerin in Thüringen – alle Deutschen begegneten Zwangsarbeitern, viele profitierten von ihnen. Zwangsarbeit war kein Geheimnis, sie war ein öffentliches Verbrechen. Dieses Verbrechen betraf besonders die Sowjetunion: Von hier verschleppten die deutschen Besatzer zwischen 1941 und 1945 fast fünf Millionen Männer, Frauen und Kinder zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich. Millionen weitere Menschen mussten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion Zwangsarbeit zur Unterstützung der deutschen Kriegsführung leisten. Zu den sowjetischen Zwangsarbeitern im Deutschen Reich zählten nicht nur zivile sogenannte Ostarbeiter, sondern auch fast zwei Millionen Kriegsgefangene und mehrere Hunderttausend KZ-Häftlinge. In der NS-Rassenhierarchie standen die Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion am unteren Ende und wurden von ihren deutschen Arbeitgebern entsprechend schlecht behandelt. Für viele sowjetische Zwangsarbeiter war das Leiden mit der Befreiung im Mai 1945 nicht zu Ende. Der stalinistischen Führung in Moskau galten sie als Kollaborateure; nicht wenige wurden erneut in Lagern inhaftiert. Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden Geschichte und Leiden der Zwangsarbeiter in Deutschland und in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion in vollem Maße anerkannt und gewürdigt: Erst 2000 bekannten sich die Bundesregierung und die deutsche Wirtschaft mit der Gründung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ zu ihrer historischen Verantwortung und machten die Zahlung von Hilfsgeldern für ehemalige Zwangsarbeiter aus der früheren Sowjetunion und vielen anderen Staaten möglich.

Die Ausstellung stellt erstmals die gesamte Geschichte des Verbrechens Zwangsarbeit und seiner Folgen nach 1945 dar und zeigt, dass die Zwangsarbeit von Beginn an Teil der rassistischen Gesellschaftsordnung des NS-Staates war: Die propagierte „Volksgemeinschaft“ der deutschen „Herrenmenschen“ und die Zwangsarbeit der angeblich Minderwertigen gehörten zusammen. In der Alltäglichkeit der Zwangsarbeit und in der breiten gesellschaftlichen Beteiligung zeigte sich der rassistische Kern des Nationalsozialismus.

Besonderes Augenmerk legt die Ausstellung auf die Beziehungsgeschichte von Deutschen und Zwangsarbeitern. Jeder Deutsche musste sich entscheiden, wie er den Zwangsarbeitern begegnete: mit einem Rest von Mitmenschlichkeit oder der angeblich gebotenen, rassistisch motivierten Kälte und Unerbittlichkeit des Angehörigen eines vermeintlich höherwertigen Volkes.

Über sechzig repräsentative Fallgeschichten bilden den Kern der Ausstellung. Wie die gezeigten Dokumente und Bildüberlieferungen sind sie das Ergebnis akribischer Recherchen in Archiven in Europa, den USA und Israel. Thematisch reichen diese Fallgeschichten von der entwürdigenden Arbeit politisch Verfolgter in Chemnitz bis hin zur mörderischen Sklavenarbeit von Juden in der besetzten Sowjetunion oder dem Zwangsarbeitsalltag auf einem Bauernhof in Niederösterreich.