Normalität in stürmischem Umfeld?

Herausforderungen, Lösungsmöglichkeiten und Grenzen der Finanzwirtschaft. / Torsten Erdmann, Commerzbank AG Moskau


Die Finanzwirtschaft steht vor der Herausforderung, zum einen den veränderten gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen gerecht zu werden, zum anderen aber auch möglichst unverändert und konstant dem deutschen Mittelstand und der Exportindustrie mit Sicherungs- und Finanzierungsinstrumenten bei seinen Aktivitäten insbesondere in Russland zur Verfügung zu stehen.

Russland - der rettende Hafen?
Russlands Realwirtschaft hat sich von dem Einbruch des Bruttoinlandsproduktes in den Jahren der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise (in 2009 um minus acht Prozent) weitestgehend erholt. Insbesondere aufgrund der Stärkung der Binnennachfrage wurde 2010 und 2011 ein Wachstum von um die vier Prozent erreicht. Stabilisierend wirken die niedrige Staatsverschuldung (11,5 Prozent des BIP), der Anstieg der Währungsreserven (derzeit knapp über 500 Milliarden US-Dollar.), die vergleichsweise niedrige Auslandsverschuldung und die Festigung des Wechselkurses des Rubels im festgelegten Korridor. Und, wie immer einer der entscheidenden Punkte: Russland war einer der Gewinner der Rohstoff Rallye des Jahres 2011. Ein durchschnittlicher Preis der Marke Ural von 108 US-Dollar per Barrel bescherte dem Nachfolger von Ex-Finanzminister Kudrin erstmals wieder einen Budgetüberschuss. Die Inflationsrate lag mit 6,1 US-Dollar im Dezember 2011 auf einem historisch niedrigen Niveau, was primär auf regulierende Maßnahmen der russischen Regierung und Zentralbank zurückzuführen ist. Auch der Ausblick für das laufende Jahr ist nicht so schlecht: offiziell rechnet die Zentralbank für 2012 mit einer Inflationsrate in Höhe von fünf bis sechs US-Dollar und es wird ein BIP Wachstum in Höhe von 3,5 Prozent prognostiziert.

Soweit die Sonnenseite. Es gibt aber auch dunkle Wolken, und die stehen wie immer auch im Zusammenhang mit dem Ölpreis: ein Absinken auf 80 US-Dollar per Barrel hätte nach Analystenmeinung eine Verringerung der Budgeteinnahmen um ca. 40 Milliarden US-Dollar zur Folge, dies entspricht zwei Prozent des BIP. Das Budget für die Jahre 2012 bis 2014 sieht zwar weiterhin eine rigide Ausgabenpolitik vor und ein Ansteigen der Einnahmen außerhalb von Öl und Gas - nur das erfordert eben auch strukturelle Veränderungen in der gesamten Volkswirtschaft. Und diese gehen nur zögerlich voran. Auch das Wirtschaftswachstum stellt im Vergleich zu anderen aufstrebenden BRIC Staaten einen eher moderaten Wert dar. Schon in den Jahren 2008 und 2009 hat sich der entscheidende Einfluss externer Faktoren gezeigt. Hier denke man nur eine sich eventuell abkühlende Weltkonjunktur mit einhergehender verringerter Nachfrage nach Energieträgern und Rohstoffen genannt und an die Europäische Staatsschuldenkrise und ihre weitere Entwicklung.

Wie weiter mit Europa?
Mitte Februar 2012, als dieser Artikel entstand, war gerade mal wieder Aufatmen angesagt, oder doch war nur ein weiterer zeitlicher Aufschub? Die griechische Regierung hat, begleitet von massiven inländischen Protesten, das nächste Sparpaket, gebilligt. Aber eigentlich ist Griechenland nicht mehr das Kernthema. Die aktuellen Fragestellungen sind vielschichtiger und es geht auch schon lange nicht mehr um einzelne Staaten wie Griechenland, Portugal, Irland, Italien oder Spanien. Schafft es Europa gemeinsam mit seinen Partnern, eine dauerhaft feste "Brandmauer" in Form des Rettungsschirms EFSF aufzustellen? Die schwindelerregenden Beträge, welche da durch die Presse geistern, sind die materielle Seite der Medaille. Die andere ist, wie es uns in den Euro-Staaten gelingt, die Versäumnisse der letzten Jahre aufzuarbeiten. Eine einheitliche Währung erfordert eben auch einheitliche Grundsätze in der nationalen Fiskalpolitik und fest verbindliche Spielregeln. Auch wenn die derzeit erzielten Vereinbarungen heftig diskutiert werden und es auch schon wieder "Abweichler" gibt - im Grunde genommen ja nicht neues in Europa - am Ende ist dies der einzige Weg, um dem Euro zu dauerhafter Stabilität zu verhelfen. Ein Zusammenbrechen des Euro-Raumes kann nicht in unserem Interesse sein, vor allen Dingen nicht für die exportorientierte deutsche Wirtschaft. Die Wiedereinführung von nationalen Währungen hätte für Deutschland sehr wahrscheinlich eine enorme Aufwertung zur Folge, was wiederum zur Verteuerung von Waren und Dienstleistungen auf den Außenmärkten führen würde, zu geringerer Nachfrage, nicht ausgelasteten Kapazitäten, zurückgehender Beschäftigung, sozialen Spannungen.

Im Zusammenhang mit der europäischen Staatsschuldenkrise kamen auch wieder die Banken und das Finanzsystem als Ganzes "ins Gerede". Um es noch einmal deutlich zu sagen: der Kauf von Wertpapieren souveräner Staaten durch Banken stellt eigentlich kein hochspekulatives Finanzgeschäft dar. Aufgrund der (regulatorisch gewollten) Nichtanrechnung dieser Kreditvergabe auf das Eigenkapital wurde in der Vergangenheit das Ziel verfolgt, dass sich auch Banken an der Finanzierung von Staaten beteiligen. Es geht jetzt auch nicht um das Abwälzen von Verlusten aus diesen Wertpapiergeschäften auf Steuerzahler. Es werden praktikable Lösungen gesucht, wie die nun auftretenden und zu erwartenden erheblichen Abschreibungen und Verluste auf diese Wertpapiere durch die Bankbilanzen absorbiert werden können. Daher auch die Forderung nach höheren Eigenkapitalvorschriften und dem Einbau von Puffern. Für die Banken selber ist dies aber schon ein Kraftakt: werden doch hier Maßnahmen innerhalb weniger Monate umgesetzt, für die unter dem Stichwort Basel 3 ursprünglich Jahre vorgesehen waren.

Paradox - was hat Russland mit Griechenland zu tun?
Die Zusammenhänge Konjunktur – Energieträger - Rohstoffe liegen auf der Hand, aber wie wirkt die Europäische Staatsschuldenkrise auf die Möglichkeit russischer Importeure, Finanzierungen durch westliche und insbesondere lokale Banken zu erhalten. Ein kleiner Ausflug in die russische Finanzwelt:
Trotz Konsolidierung während der letzten Jahre scheint das Land mit noch immer über 1.000 Instituten auf den ersten Blick förmlich mit Banken übersät zu sein, bei näherem Hinschauen stellt man aber fest, dass man weit von einem Zustand des "overbanked" entfernt ist. Die zwölf größten Banken des Landes vereinen ca. 70 Prozent aller Bankaktiva auf sich, und die Top 200 decken bereits weit über 90 Prozent der Aktiva und 80 Prozent der Eigenmittel ab - somit relativiert sich das Bild von Banken doch recht schnell, welche insbesondere für Finanzierungen und die Übernahme von Risiken in Frage kommen. In den letzten Wochen wurde häufig über Liquiditätsengpässe spekuliert. Ja, es wurde Liquidität zugunsten steigender Kreditvergabe (und verbesserter) Ertragslage abgebaut, es wurden auch wieder aktiver Refinanzierungen bei der Zentralbank in Anspruch genommen, aber dies eher vor dem Hintergrund eines ausgewogenen Refinanzierungsmix. Die vorliegenden neun Monatszahlen nach IFRS und die Jahresendzahlen nach russischen Rechnungslegungsstandards zeigen, dass die russischen Banken ein profitables Jahr 2011 hinter sich haben und wieder in der Lage sind, sich von innen zu finanzieren. Im Gegensatz zu 2008 haben die Banken eine geringere Abhängigkeit von Finanzierungen im Ausland, einen ausgewogeneren Laufzeitenfächer, konservativ strukturierte Wertpapierportfolios, verbessertes Risikomanagement und das Instrumentarium eventueller staatlicher Stützungen ist etabliert und kann im Notfall kurzfristig abgerufen werden. Die Banken sind, auch im weltweiten Vergleich, mit durchschnittlich 14,9 Prozent  gut kapitalisiert. Trotz der Ausweitung der Kreditvergabe um 15 bis 20 Prozent im letzten Jahr sehen sich viele russische Importeure immer noch mit einer Kreditklemme konfrontiert, und dies spüren auch deutsche Exporteure. Leider hat die Kreditvergabe noch nicht alle Sparten und Unternehmensgroessen wieder erreicht. Insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen ist der Zugang zu Finanzierungsquellen häufig versagt.
Die derzeitigen Turbulenzen an den Finanzmärkten betreffen die russischen Banken und Unternehmen in der Form, dass trotz aller Sympathie für Emerging Markets Kapitalmaßnahmen (Emissionen von Wertpapieren, syndizierte Kredite, IPO/SPO)  nur in kleinerem Umfang und in sich kurzzeitig ergebenden, dann aber auch wieder sich schließenden Zeitfenstern möglich sind. Viele traditionelle (Finanz-) Investoren sind noch nicht wieder an die Märkte mit ihren ganzen Möglichkeiten zurückgekehrt. Des Weiteren führen Volatilität und Vertrauensverlust zu einem generellen Anstieg der Risikokosten und des allgemeinen Marktniveaus.
Der erforderliche Abbau von risikogewichteten Aktiva (RWA) hat auch in vielen westlichen Banken zu einer Neuausrichtung und Fokussierung des Kundengeschäftes geführt. Geringer sind die Auswirkungen wahrscheinlich auf die klassischen Handelsfinanzierungen. Aufgrund des eingeschränkten Zugangs europäischer und russischer Banken zum US-Dollar wird es tendenziell zu einer Verteuerung von Finanzierungen im US-Dollar kommen. Zu Finanzierungen unter Deckung einer staatlichen Exportkreditversicherung (z. B. Euler Hermes) sei angemerkt: diese Absicherungen sind so gut, wie der dahinter stehende Staat. Die jüngsten Herabstufungen im Rating einiger europäischer Länder haben zu einer Verteuerung der Finanzierung von Exporten Länder geführt. Trotzdem ist der Zugang zu diesem Finanzierungsinstrument weiterhin gegeben.

Was aber nun tun?
Veränderte Rahmenbedingungen fordern auch von den Banken eine Überprüfung der angewandten Instrumente der Finanzierung und Absicherung von Handelsströmen. Letztendlich überwiegt aber die Feststellung, an Bewährtem festzuhalten: als Commerzbank stellen wir auch weiterhin unser volles Produktspektrum und die dafür erforderlichen Linien für kurz-, mittel- und langfristige Handelsfinanzierungen bereit. Hierzu zählen die Stellung von Garantien und Bestätigung von Akkreditiven und deren Finanzierung. Den russischen Banken sollen damit verlässliche Refinanzierungsquellen für ihre eigene Firmenkundschaft geboten werden und dem deutschen Mittelstand die besonders in Krisenzeiten wichtiger gewordenen Absicherungen. In Ergänzung zu eigenen Linien nutzen wir eine breite Palette von Absicherungsmöglichkeiten. So können wir auch durch unsere intensive Zusammenarbeit mit den internationalen Finanzierungsinstituten wie EBRD und IFC Risiken für alle Beteiligten absichern und damit die Exportgeschäfte unserer Kunden zum Erfolg führen.
Häufig werden wir mit der Frage konfrontiert, ob denn das Einschalten einer russischen Bank überhaupt notwendig sei. Natürlich hat die Commerzbank AG, wie auch andere deutsche Banken, eine operative Präsenz in Russland, eine eigene Tochtergesellschaft, bei uns in Form der Commerzbank (Eurasija) ZAO mit seinen Standorten Moskau und St. Petersburg, ausgestattet mit allen notwendigen Lizenzen. In den Kreditportfolien dieser Banken befinden sich russische und Tochtergesellschaften deutscher und europäischer Unternehmen. Finanziert werden Investitionen in Russland, auch in Form der Begleitung von Liefergeschäften. Nur, die Volumina, welche in Russland erforderlich sind, um sowohl die Modernisierung der Wirtschaft voranzutreiben als auch den steigenden Konsumbedürfnissen der Bevölkerung gerecht zu werden, übersteigen bei weitem die Möglichkeiten, welche den russischen Töchtern deutscher Banken aufgrund Ausstattung mit Kapital, Marktpräsenz, personeller und technischer Kapazitäten gegeben sind. Daher halten wir die Einbeziehung der russischen Hausbanken der Importeure in die Finanzierung weiterhin für erforderlich.
Fazit: Finanzierungen in Russland gab es vor, während und wird es auch nach der dieser Krise geben. Sie sind keine Modeerscheinung, die Herausforderung ist, eine optimale Struktur zu finden. Daher sei es mittelständischen (und auch den großen) Exporteuren oder potentiellen Investoren empfohlen, sich rechtzeitig mit ihrer Hausbank in Verbindung zu setzen und über die Eckpfeiler des Projektes zu informieren. Unsere Spezialisten stehen auch in 2012 für ein solches Gespräch gerne zur Verfügung.

Quelle für Zahlen und Statistiken in diesem Artikel: Commerzbank Research und Russische Zentralbank.