Gemeinsam die Zukunft gestalten

Überlegungen zum Konzept des Deutschlandjahres in Russland  von Dr. Wolf Iro, Programmleiter, Goethe-Institut Moskau

Das offizielle Motto des Deutschlandjahres in Russland 2012/13 lautet „Deutschland und Russland: gemeinsam die Zukunft gestalten“. Nun ist der Differenzierungsspielraum bei den Slogans solcher Deutschlandjahre naturgemäß begrenzt (ganz im Gegensatz zum Gestaltungsspielraum des Programms, der sehr groß ist). Dabei geht es eigentlich immer um zwei Dinge: um die Verbundenheit der beiden jeweiligen Länder („Deutschland und China gemeinsam in Bewegung“, „Deutschland und Brasilien – wo Ideen sich verbinden“) und um zukünftige Perspektiven („Deutschland und Indien – unendliche Möglichkeiten“).

Dennoch ist es sinnvoll, gerade den Zukunftsaspekt hervorzuheben, hat dieser doch in Russland keinen ganz leichten Stand. Dies hat historische Gründe. War in der sozialistischen Vergangenheit die Zukunft schon immer klar und definiert (ohne indes je erreicht zu werden), so erlebten die meisten Menschen in den 90er Jahren, dass der nächste Tag ökonomisch stets schlechter war als der gegenwärtige. Eine gewisse Berührungsangst vor der Zukunft ist also erklärlich. Zugleich aber machte das Goethe-Institut mit der 2010 gemeinsam mit dem Verlagshaus NLO und dem Polytechnischen Museum aufgelegten Diskussionsreihe „Die Gegenwart der Zukunft“ die verblüffende Erfahrung, dass der „Blick in die Glaskugel“ inzwischen durchaus ein großes Publikum anzuziehen imstande ist. Und da zudem in Russland traditionell ein großes Interesse an Deutschland besteht, ist das Potential für ein erfolgreiches Deutschlandjahr also da. 

Und wie konzipiert man Deutschlandjahr?

Wie aber entwirft man ein Konzept für ein solches Jahr? Grundsätzlich gilt: man sollte sich nicht der Illusion hingeben, eine Veranstaltung dieser Größenordnung vollkommen stringent programmieren zu können. Zu heterogen sind die Teilnehmer, zu zahlreich die Partner, zu verschieden teils auch die Erwartungen der Zielgruppen. Doch kann das Motto als Orientierung dienen, als Richtungsweisung. Es geht also um die Zukunft. Diese kann man natürlich nie für sich allein genommen, losgelöst von Zeit und Raum betrachten. Vom großen dänischen Philosophen Kierkegaard stammt die Sentenz, dass das Leben nur in der Schau zurück verstanden, aber nur in der Schau nach vorn gelebt werden kann. In anderen Worten: das eine ist ohne das andere nicht zu begreifen. Das Deutschlandjahr wird daher sowohl Veranstaltungen präsentieren, die sich mit der Zukunft beschäftigen, als auch solche, die sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen.

Der Blick zurück

Dies wird schon bei der Eröffnung deutlich: Die vom russischen Historischen Museum zusammen mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz entwickelte Ausstellung „Russen und Deutsche. 1000 Jahre Geschichte, Kunst und Kultur“ präsentiert einen – natürlich schlaglichtartigen – Blick auf die gemeinsame Geschichte. Ein gewagtes, ein großes Unterfangen. Auch die zeitgleich im Rahmen des Internationalen Moskauer Filmfestivals startende Reihe „10 aus 10“ richtet das Objektiv zunächst zurück: zehn namhafte russische Filmkritiker und –experten stellen „ihren“ deutschen Film eines Jahrzehnts vor – von den stummen Anfängen bis zur heutigen „Berliner Schule“. Wie jeder Kanon ist das Ergebnis dabei gerade in seiner Subjektivität spannend. Dass Robert Wienes „Caligari“ oder Fritz Langs Klassiker „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ in der Liste auftauchen ist selbstverständlich. Andere Filme aber, wie beispielsweise Kurt Hofmanns „Wir Wunderkinder“ aus den 50ern oder Jean-Marie Straubs „Klassenverhältnisse“ (nach Kafkas Amerika) aus den 80ern sind weit weniger offensichtlich. Auch in Sachen moderner Kunst gibt es eine Retrospektive, und zwar einer ganzen Epoche: die „Gegenwart der Bilder“, eine Ausstellung zur deutschen Malerei nach dem zweiten Weltkrieg bis heute, ist mit Werken von Gerhard Richter, Sigmar Polke, Blinky Palermo und vielen anderen beides zugleich: Überblick und Einführung in fünf spannende Jahrzehnte. Schließlich die Schrecken des zweiten Weltkriegs. Ihrer muss sich – in jeder Generation neu – stets erinnert werden, um Ähnliches für die Zukunft zu verhindern. Ich freue mich besonders, dass der siebzigste Jahrestag des Endes der Schlacht um Stalingrad mit einem Besuch der Osnabrücker Symphoniker in Wolgograd begangen wird. Osnabrück und Wolgograd sind Partnerstädte, doch noch nie hatte es bisher eine solche musikalische Zusammenarbeit gegeben!

Der Blick nach vorn

Diesen Veranstaltungen stehen Projekte gegenüber, deren Inhalt ein explizit zukünftiger ist. So wird die oben erwähnte Diskussionsreihe „Gegenwart der Zukunft“ am gleichen Ort eine Fortsetzung finden. Diesmal geht es um eine Anthropologie der Zukunft, also den Fragen nach den zukünftigen Lebensbedingungen des Menschen als Mensch. Diese Lebensbedingungen spielen auch in dem in Deutschland wie Russland durchgeführten Umweltwettbewerb „Wir und die Zukunft“ eine Rolle, den das Goethe-Institut gemeinsam mit dem Russischen Ökologischen Zentrum und dem Umweltbundesamt realisiert. Die Ausstellung Ecology.Design.Synergy wiederum (Veranstalter: Goethe-Institut, ifa, Art play) beschäftigt sich mit bereits heute praktizierten, dabei aber den Anforderungen der Nachhaltigkeit folgenden Architekturformen. Ein umfangreiches Begleitprogramm aus Workshops zu Stadtentwicklung vertieft das Thema. Und auch auf künstlerischer Ebene findet die Auseinandersetzung mit zukünftigen Lebensformen statt: „Die Zukunft fotographieren“ ist ein deutsch-russisches Fotoprojekt, das besonders überrascht, weil Fotographie traditionell ja gerade mit Gegenwart und Vergangenheit, nicht aber der Zukunft in Verbindung gebracht wird. Die speziell hierfür entstehenden Arbeiten von ausgewählten Fotokünstlern werden im Februar 2013 im Moskauer NCCA und nachfolgend in den russischen Regionen präsentiert. Das integrative Theaterprojekt „Entfernte Nähe“ wiederum, in dem der deutsche Regisseur Gerd Hartmann mit behinderten und professionellen Schauspielern ein Stück erarbeitet (Premiere: Mitte November), zeigt uns, wie ein zukünftiges Zusammenleben aussehen kann: nämlich geprägt von gegenseitigem Verständnis und gegenseitiger Achtung. Nichts aber  symbolisiert die Verbundenheit von Vergangenheit und Zukunft besser als zwei zentrale Arbeiten von Joseph Beuys, die im Rahmen der umfassenden Werkschau des Künstlers im Moskauer Museum für Moderne Kunst zu sehen sein werden: da ist einerseits die große Arbeit „Das Ende des XX. Jahrhunderts“ und andererseits die rätselhafte „Straßenbahnhaltestelle“, von Beuys selbst auch „Monument für die Zukunft“ genannt. Es ist eine besonders glückliche Fügung, dass mit Prof. Eugen Blume einer der renommiertesten Beuys-Experten und zugleich Leiter des Hamburger Bahnhofs als Kurator gewonnen werden konnte, wo sich die genannten Kunstwerke befinden.

Klassische Höhepunkte und Festivals

Die Beuys-Ausstellung ist sicherlich einer der Höhepunkte des Jahres (Eröffnung: Mitte September), und kein Deutschlandjahr kommt ohne solche aus. Einige weitere seien hier nur summarisch aufgeführt: ein Konzert der Star-Sopranistin Christine Schäfer in Petersburg, der Auftritt des Münchner Kammerorchesters in der Moskauer Philharmonie unter dem Dirigat des berühmten Violinisten Thomas Zehetmair (der zudem bei einem Stück auch als Solist agiert), ein Gastspiel mit Andreas Kriegenburgs berühmter Inszenierung von Kafkas „Prozess“ sowie ein weiteres des Stuttgarter Staatsballetts zum Abschluss des Deutschlandjahres im Bolschoi Theater („Romeo und Julia“, Mai 2013). Darüber hinaus ist Deutschland im Rahmen einiger der bedeutendsten kulturellen Festivals in Russland Ehrengast oder Schwerpunktland. Das Festival des deutschen Films organisiert das Goethe-Institut gemeinsam mit Germans Films bereits seit 10 Jahren erfolgreich in eigener Regie. 

Schaut auf das ganze Land!

Die bislang erwähnten Veranstaltungen finden in Moskau oder Petersburg statt, und zumeist im zweiten Halbjahr 2012. Der Grund hierfür liegt in der schieren Größe des Gastlandes. Es ist erklärte Strategie, sich in der ersten Hälfte des Deutschlandjahres auf diese beiden Städte zu konzentrieren. In der zweiten Hälfte des Deutschlandjahres (und damit paradoxerweise der ersten Hälfte des Kalenderjahres 2013) werden insbesondere die Städte Nischni Nowgorod, Perm, Wolgograd, Jekaterinburg, Nowosibirsk und Kaliningrad, aber auch weitere Standorte bedacht.

Vorläufiges Resümee

Habe ich der Vielfalt des Programms mit diesem Text Rechnung getragen? Bedauerlicherweise stellt sich das Gefühl am Ende des Artikels nicht wirklich ein. Zu viele der insgesamt mehr als 700 Veranstaltungen mussten unerwähnt bleiben. Aber so ist es nun einmal. Es bleibt daher lediglich der obligatorische Verweis auf die begleitende Webseite www.germanyinrussia.ru. Dort findet man die Gesamtheit der Veranstaltungen. Ich wünsche Ihnen und uns allen viel Spaß dabei. Und Erkenntnis. Und Heiterkeit. Denn Letzteres ist, wie der große russische Schriftsteller Isaak Babel einmal sagte, überhaupt das Wichtigste im Leben.