Duales System – exportiert nach Kaluga

Die „Duale Ausbildung‟ ist ein Verfahren, nach dem in Deutschland die meisten Fachkräfte ausgebildet werden. Das heißt: Theorie in der Berufsschule, Praxis in der Fabrik. Funktioniert das duale System auch in Russland? / Moritz Gathmann

Dmitrij Kostyljow dreht den Schlüssel, der Škoda-Übungsmotor läuft an, und auf dem Oszillographen erscheinen vier zackige Linien: Rot, Grün, Blau zeigen gleichmäßige Zackenlinien, nur die gelbe Linie spielt verrückt. „Was bedeutet das?, fragt Ausbilder Alexander Nikischin. „Dass der vierte Zylinder nicht richtig funktioniert, Alexander Wassiljewitsch, antworten Dmitrij und die anderen. Nikischin nickt zufrieden. Es ist Freitagmorgen im Trainingszentrum am Stadtrand von Kaluga, einer Stadt 200 Kilometer südlich von Moskau, wo derzeit Russlands größtes Automobilcluster entsteht: Die Deutschen bauen hier seit einigen Jahren Škodas und Volkswagen, Peugeot, Citroën und Mitsubishi haben ein Werk eröffnet, und inzwischen holen die ausländischen Autobauer auch ihre Zulieferer nach Kaluga. Eines der größten Probleme in der boomenden Region, die etwas kleiner als Baden-Württemberg ist, aber nur eine Million Einwohner hat: Wie findet man qualifizierte Fachkräfte? Volkswagen hat dazu im letzten Jahr zusammen mit der regionalen Verwaltung ein Ausbildungsprogramm gestartet: In zwei Jahren werden in einer ersten Versuchsphase je zwölf Mechatroniker und Kfz-Mechatroniker ausgebildet. Grundlage dafür ist die „Duale Ausbildung, nach der auch in Deutschland die meisten Fachkräfte ausgebildet werden. Das heißt: Theorie und Übung in der Berufsschule, Praxis in der Fabrik.

Partner von Volkswagen ist in Kaluga das College für Informationstechnologie und Verwaltung geworden, zu ihm gehört auch das Trainingszentrum am Stadtrand.

Der 19-jährige Dmitrij hatte schon zwei Jahre gelernt, und dann wie die elf anderen in seiner Gruppe eine Auswahl durch Personaler von Volkswagen durchlaufen. Seit letztem Jahr lässt er sich zum Kfz-Mechatroniker ausbilden. „Es ist anstrengender als das vorige Studium‟, sagt Dmitrij, „man hat kaum Zeit für andere Dinge‟ Er kann jetzt nicht mehr nebenher arbeiten, dafür zahlt VW ihm und den anderen ein Stipendium von etwa 100 Euro pro Monat – zehnmal so viel wie der russische Staat. Und er hat einen Vertrag in der Tasche, der ihm nach dem Ende der Ausbildung eine Anstellung bei Volkswagen in Aussicht stellt. Zwar glaubt er nicht, dass er gleich am Anfang jene tausend Euro verdienen wird, die den Azubis am Anfang versprochen wurden. Aber ihm und den anderen gefällt das „Duale System‟, und die im Vergleich zu anderen Colleges moderne Ausstattung.
„Die Volkswagen-Azubis sind deutlich motivierter als andere‟, sagt Alexander Nikischin, der seit 25 Jahren junge Menschen ausbildet. Allerdings gibt es in Russland den Beruf des Kfz-Mechatronikers gar nicht – deshalb musste er sich einen Teil der Lehrbücher selbst zusammenstellen. Im Sommer 2011 hat Nikischin einen Monat im Volkswagen-Bildungsinstitut Zwickau verbracht, um zu sehen, wie die Ausbildung in Deutschland läuft. „Das Duale System ist natürlich nichts Neues für uns‟, erklärt Nikischin allerdings. Seit den 1950er-Jahren hätten in der Sowjetunion Auszubildende jede Woche mehrere Tage in der Fabrik verbracht, die mit der jeweiligen Berufsschule kooperiert. „Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verloren die Fabriken allerdings das Interesse an Fachkräften‟, sagt er. Deshalb seien die russischen Berufsschulen heute zwar theoretisch noch sehr gut aufgestellt – aber die technische Ausstattung völlig veraltet.

Das Problem ist jetzt fast gelöst: Die jungen Männer arbeiten mit den gleichen Geräten, die auch im VW-Werk stehen, oder in einer der anderen Autofabriken von Kaluga. Im College stehen moderne Übungsmotoren, ein Škoda Octavia, ein Peugeot 607 und ein Citroën C4. Aber bei den schnellen technischen Neuerungen von Volkswagen kommt die Fachschule nicht immer hinterher: „Wir arbeiten hier mit einer älteren Version des Diagnostik-Systems, Volkswagen arbeitet mit der neuesten‟, klagt Nikischin.

Für Dmitrij und die anderen Azubis stellt das allerdings kein großes Problem dar: Zwei Wochen sind sie im College, dann zwei Wochen in der Produktion – da passt man sich schnell an. Auch das College und Volkswagen sind zufrieden – und nach dem Ablauf der Testphase in diesem Sommer haben schon 40 weitere Azubis ihre Ausbildung aufgenommen.

Die erste Gruppe erhält im nächsten Sommer neben einem staatlichen Abschluss auch ein Ausbildungszertifikat von Volkswagen, dann könnten Dmitrij und die anderen gleich in der Fabrik anfangen. Wenn da nicht die russische Armee wäre: Ein Jahr muss Volkswagen nach dem Abschluss noch warten, bis der qualifizierte Nachwuchs in die Fabrik kommt.

Dieser Artikel ist erstmalig auf den Seiten des Goethe-Instituts Russland unter  http://www.goethe.de/Russland/Magazin erschienen.

Moritz Gathmann, 31, schreibt nach seinem Volontariat beim Berliner "Tagesspiegel" seit 2008 als freier Journalist für verschiedene deutsche Tageszeitungen und Magazine als freier Korrespondent aus Russland.