Russland vor einer Müllkatastrophe

Mülltrennung ist ein Fremdwort, das Gros der russischen Deponien ist veraltet und total überfüllt. Eine Lösung können nur Anlagen zur Wiederverwertung bringen. Erste Pilotprojekte gehen an den Start. / Bernd Hones, GTAI

Das Gebiet Nowosibirsk räumt auf mit seinem Müll. Von 2012 bis 2016 sollen 26 Deponien und fünf Anlagen zur Verarbeitung von Müll gebaut werden. Dieses Fünfjahresprogramm hat die Verwaltung des Gebietes Nowosibirsk 2011 verabschiedet. Der Etat für die Projekte liegt bei 5,8 Milliarden Rubel. Davon sollen 1,2 Milliarden Rubel aus dem Budget der Gebietsverwaltung und 4,3 Milliarden Rubel von privaten Investoren kommen, meldete die Nachrichtenagentur Prime Tass. Den Rest müssten die Kommunen beisteuern. Nowosibirsk verfolgt das Ziel, die Verarbeitungsquote von festen Siedlungsabfällen auf 50 Prozent und von gesundheitsgefährdenden schwermetallbelasteten Abfällen und alten Kfz-Reifen auf 95 Prozent zu erhöhen.

Damit würde die Region Nowosibirsk zu den Spitzenreitern in der Russischen Föderation gehören. Denn im landesweiten Durchschnitt werden nur fünf Prozent wiederverwertet. Zum Vergleich: in Deutschland sind es 80 Prozent. Insgesamt fallen in Russland jährlich 160 Millionen cbm beziehungsweise 35 bis 40 Millionen t fester Haushaltsmüll an. Der überwiegende Teil des Mülls wird einfach auf Deponien gelagert oder verbrannt. Wenn nicht umgehend in ein besseres Verarbeitungssystem investiert wird, versinkt Russland in seinen Abfällen. Nachrichten von brennenden Müllhalden und wutentbrannten Anwohnern, die tagelang wegen hochgiftiger Gase ihre Häuser nicht verlassen dürfen, sind keine Seltenheit.

Die Lage könnte sich zudem weiter zuspitzen. Denn Jahr für Jahr steigt das Müllaufkommen. Heute produziert jeder Bürger durchschnittlich 330 kg pro Jahr, in 15 Jahren dürften es 500 kg sein, prognostizieren Experten der International Finance Corporation (IFC). Dabei sind die heutigen Deponien bereits zu zwei Drittel vollgestopft mit Unrat. Außerdem sind laut der Aufsichtsbehörde für den Umweltschutz Rosprirodnadsor 370 Mülldeponien russlandweit illegal errichtet worden und müssten umgehend rückgebaut werden. Wenn nicht in Recyclinganlagen investiert wird, müssten zum Jahr 2025 rund 93 Prozent aller neuen Abfälle in Deponien endgelagert werden, glauben die IFC-Experten. Dazu müsste Russland in den kommenden 15 Jahren seine Deponiekapazitäten verdoppeln. Da dies nicht wünschenswert ist, muss der Müll wiederverwertet werden. Um damit künftig sogar Geld verdienen zu können, sind 40 Millairden Euro für den Bau entsprechender Recyclingkapazitäten erforderlich.

Dem Gesetzgeber sind diese Probleme bewusst: Die Abgeordneten der Staatsduma erwägen eine Müllgebühr. Diese soll nicht etwa vom Verbraucher erhoben werden, sondern von Importeuren und Herstellern von Haushaltswaren und Lebensmitteln (wegen der Verpackungsabfälle). So könnten schon bald zwei Prozent der im Einzelhandel generierten Umsätze in die Taschen von Abfallverwertungsbetrieben fließen. Doch Industrie und Einzelhandel lobbyieren massiv gegen den Vorstoß.

Bisher zahlt nur der Verbraucher für den Müll, aber entschieden zu wenig für einen rentablen Betrieb. So beläuft sich die Müllgebühr in größeren Städten auf drei bis vier Euro pro Person und Monat. In den Regionen sind die Tarife sogar noch geringer. In Kirow etwa wird der Bereich Müllabfuhr dem Posten "Instandhaltung von Wohnraum" zugeordnet. Für diese Position, unter die praktisch alle Instandhaltungskosten fallen, hat jeder Bürger 22 Rubel im Monat zu bezahlen, also gerade einmal 50 Cent. Ein Bruchteil davon fließt in die Müllentsorgung.

Die IFC empfiehlt daher, die Gebühr auf 30 bis 35 Euro zu erhöhen. Das würde Investitionen in den Abfallsektor rentabler machen und die Menschen zur Mülltrennung bewegen. Bis heute hat sich in Russland noch kein System zur getrennten Müllsammlung durchgesetzt. PET-Automaten, wie sie etwa in Moskau zwischenzeitlich aufgestellt worden waren, haben sich nicht bewährt. Pro Flasche gaben diese Automaten 10 Kopeken aus. Das heißt: Um einen Euro als Rückpfand zu erhalten, musste man 400 Flaschen abgeben - eine große logistische Herausforderung ohne pekuniären Anreiz. Viele dieser Pfandautomaten wurden wieder abgebaut oder sind seit Jahren außer Betrieb.

Dasselbe gilt für Glas und Altpapier. Beides landet heute in der Regel im Restmüll. Denn die Entgelte, die an Sammelstellen dafür gezahlt werden, sind geradezu lachhaft. Für ein Kilo Altpapier gibt es gerade einmal 1,0 bis 1,5 Rubel. Für einen Euro müssen Rentner und Arbeitslose, die auf dieses Geld angewiesen sind, 40 Kilo Papier anschleppen. Davon können sie jedoch noch nicht einmal das Metroticket für die Hin- und Rückfahrt bezahlen. Das Fatale: Vor etwa einem Jahr gab es für das Kilo noch zwei bis drei Rubel. Eine Halbliterflasche Bier, eine Wodka- oder eine Weinflasche bringt in der Regel 50 Kopeken. Sprich: Für vier Bierkästen erhalten Sammler einen Euro. Nur manche Sammelstellen sind großzügiger und zahlen einen Rubel pro Flasche.

Mit einer neuen Initiative will die internationale Organisation Greenpeace das Netz von Sammelstellen feinmaschiger stricken und transparenter gestalten. Mittlerweile finden sich auf der Homepage der Organisation Adressen von weit über 60 Sammelstellen allein in Sankt Petersburg. Dazu gibt es Infos über die Sammelstelle und die Tarife für das Sammelgut. Auf der Seite der beliebten russischen Suchmaschine www.yandex.ru sind es immerhin 33 Sammelstellen im gesamten Stadtgebiet von Sankt Petersburg. Außerdem organisiert Greenpeace in vielen russischen Städten Aktionen zur Mülltrennung.

In Sankt Petersburg ist das Problem mit den Abfällen längst zum Politikum geworden. Wütende Bürger im angrenzenden Leningrader Gebiet demonstrierten Anfang April 2012 gegen eine neue Mülldeponie, die ab 2012 nahe des Dorfes Mischinsk gebaut werden sollte. Zuvor hatte es rund um Sankt Petersburg immer wieder Brände auf uralten Mülldeponien gegeben. Anwohner klagten über Gesundheitsschäden.

Bei Sankt Petersburg, im Moskauer Gebiet und im Föderalbezirk an der Wolga wollen die Unternehmen Rosatom und OAO Inter RAO EES Gemeinschaftsunternehmen zur Wiederverwertung von quecksilberhaltigen Energiesparlampen bauen. Kostenpunkt pro Werk: zehn Millionen US-Dollar. Jedes Jahr sollen mindestens fünf Millionen Lampen pro Werk zerlegt werden. Glas, Metall und sollen vom Quecksilber getrennt und gereinigt werden, damit die Materialien wieder verwendet werden können, heißt es bei Rosatom.

 

Auch Smolensk verfolgt ehrgeizige Ziele: Die Stadt im Südwesten Russlands produziert jährlich 200.000 t Müll. Neben der bestehenden Müllhalde Kutschino im Gebiet Smolensk soll ein neues Müllverarbeitungswerk für 3,5 Millionen Euro entstehen. Das Projekt umfasst eine Müllsortieranlage, einen Werksteil zur Verarbeitung von Sekundärstoffen und eine Fabrik zur Herstellung von Baumaterialien. Die Bauarbeiten starteten Ende 2011. Außerdem plant Smolensk für 2,5 Millionen Euro ein Werk zur Verarbeitung von biomedizinischen Abfällen.

In der Nachbarregion Belgorod entsteht für rund eine Milliarde Rubel (26 Millionen Euro) eine neue Müllverarbeitungsanlage. Aus den Abfällen soll dort künftig Strom und Heizenergie erzeugt werden (Kapazität: 2,5 Megawatt). Der Betreiber OOO TK Ekotrans könnte die Arbeit schon 2013 aufnehmen, meldet das Internetportal www.cleandex.ru Anfang April 2012.

Auch deutsche Unternehmen sind in Russland am Geschäft mit dem Müll beteiligt. So plant etwa der deutsche Entsorgungskonzern Remondis ein neues Müllverarbeitungswerk in Saransk. Die Kapazität soll bei 150.000 t Hausmüll pro Jahr liegen. Das ist bereits das zweite Engagement von Remondis in der Region. Denn im September 2011 hatte das Unternehmen die Sammlung, Sortierung und Entsorgung des Hausmülls in Saransk übernommen. Seither wurden knapp vier Millionen Euro in das Projekt investiert. Daneben ist Remondis auch in Moskau und Nischni Nowgorod aktiv.

Die unterfränkische Firma Nukem hat Mitte März 2012 einen Auftrag zur Planung und Lieferung der technologischen Ausrüstung für einen neuen Abfallbehandlungskomplex im russischen Kernkraftwerk Kursk erhalten. Vor allem schwach- und mittelradioaktive Abfälle sollen dekontaminiert werden. Dadurch soll vor allem ein Großteil der Metalle wiederverwertet werden können.

In der baschkirischen Hauptstadt Ufa plant der japanische Investor Mitsubishi Heavy Industries Ltd. ein Müllverarbeitungswerk mit einer Kapazität für 90.000 t pro Jahr. Bei der Verarbeitung entstehen neben Strom auch Spaltgas und Asche, die im Straßenbau eingesetzt werden können. Weil in Russland grundsätzlich kein Müll getrennt wird, wird auch diesem Werk eine Müllsortieranlage vorangeschaltet. Die Kosten dürften sich auf 3,2 Millarden Rubel (82 Mio. Euro) belaufen.