Welchen Buchhalter brauchen Sie ab 2013?

Bei der Auswahl des geeigneten Buchhalters scheiden sich die Geister; stehen bei der Wunschliste Fachkenntnisse an oberster Stelle, das Beherrschen einer Fremdsprache oder insgesamt Kommunikationsfähigkeiten? Spätestens mit dem neuen Gesetz über die Buchhaltung 2013 kommt in diese Diskussion wieder frischer Wind. / Ulf Schneider, RUSSIA CONSULTING

Lange Zeit standen für den russischen Buchhalter das Steuerrecht und die Interessen des Finanzamtes an oberster Stelle. Die russischen Rechnungslegungsstandards, kurz PBU, standen im Hintergrund und das Interesse des Unternehmens durch ganz legale Ausnutzung von gesetzlichen Spielraum Steuern zu sparen, wurde als gefährlich eingestuft, denn es drohten empfindliche Strafen. Dabei muss jedoch berücksichtig werden, das russische Wort „Straf“ / «Штраф» bedeutet im Deutschen nicht Strafe, sondern Ordnungsgeld.

Rückstellungen obligatorisch ab 2011

Lange Zeit hat sich kaum jemand für die richtige Anwendung der PBU interessiert, auch die Handelsbilanz wurde mehr als Steuerbilanz erstellt. Mit dem Jahresabschluss 2011 hat sich dies geändert. Die russische Rechnungslegung forderte nun erstmals obligatorisch die Erstellung von Rückstellungen. Leider hat sich dies nicht bei allen Buchhaltern herumgesprochen. Übrigens können einige Rückstellungen auch für steuerliche Zwecke berechnet werden. Dies ist noch weniger Buchhaltern bekannt und wird dementsprechend kaum genutzt, auch wenn das Unternehmen hierdurch Steuern sparen kann.

Abschaffung der Papierberge

Seit Frühjahr 2012 müssten in Sibirien weniger Birkenwälder gerodet werden, denn erstmals ist es gestattet, dass Dokumente wie die Umsatzsteuer-Rechnung (Счет-фактура) und das Übergabe-Protokoll (Акт bzw. Накладная) zwischen Unternehmen elektronisch ausgetauscht werden und nicht mehr notwendiger Weise ausgedruckt werden müssen. Bisher befindet sich das neue System jedoch noch in der Testphase.

Durchbruch: Buchhaltung 2013

Das neue Gesetz über die Buchhaltung, das im Januar 2013 in Kraft tritt, bringt eine Reihe von signifikanten Neuerungen und kann als der Start einer Revolution bezeichnet werden:

Repräsentanten und Niederlassungen (Filialen) ausländischer Gesellschaften sind nicht mehr verpflichtet Buchhaltungsstandards einzuhalten, sofern eine ordentliche russische Steuerbuchhaltung geführt wird. Dies kann z.B. für Bauunternehmen eine Erleichterung darstellen, die Langfristprojekte durchführen, bei denen die steuerlichen und buchhalterischen Regeln auseinanderklaffen und recht komplex sein können.

Für Buchhalter gelten Mindeststandards für die Ausbildung und Qualifikation. So wird z.B. ein Hochschulstudium in Rechnungswesen ebenso gefordert wie 3-5 Jahre relevante Berufserfahrung. Diese Regelungen gelten zunächst nur für offene Aktiengesellschaften, Verwaltungs- und Buchführungsgesellschaften, Versicherungen, Pensionsfonds etc.

Die Verantwortung für die Buchhaltung liegt bisher immer bei der Hauptbuchhalterin. Ab 2013 kann das Unternehmen auch andere Mitarbeiter für das Rechnungswesen als zuständig erklären, z.B. den CFO oder den Finanzdirektor und die Hauptbuchhalterin wäre damit nicht mehr die juristisch zweite Person im Unternehmen.

Freie Formatwahl bei Formblättern wünschen sich viele Unternehmen, z.B. um Firmenlogos und corporate standards besser darzustellen. Grundsätzlich ist dies ab 2013 möglich, sofern alle bisherigen Informationen auf dem Formblatt enthalten sind.

In der Theorie klingt dies gut, in der Praxis mag es jedoch zum Teil schwer umsetzbar sein. Möchte man die neuen Möglichkeiten des elektronischen Dokumentenaustausches nutzen, wird man vermutlich zunächst weiter an die staatlichen Formblätter gebunden sein. Auch der Polizist auf der Straße wird sich beim Anhalten eines LKW schwer tun, wenn er nicht mehr den ihm bekannten Lieferschein (TORG-12) zu sehen bekommt.

Sinn machen eigene Formblätter bei internen Dokumenten oder z.B. auch beim „Laufzettel“ auf Geschäftsreisen (Командировочное удостоверение). Bisher haben hier alle Geschäftspartner, die man im Rahmen einer Geschäftsreise besucht hat, auf einem Blatt unterschrieben. Aus Vertraulichkeitsgründen sollte man hieraus mehrere Blätter machen, damit zwei Konkurrenten nicht gegenseitig sehen, dass der andere auch besucht wurde.

Innenrevision als Pflichtveranstaltung definiert das neue Gesetz. Diese Regelung ist jedoch leider nur zwei Sätze lang und somit sehr unkonkret. Es bleibt abzuwarten, welche weiteren Regelungen hierzu bis Ende 2012 erlassen werden. Interessant wird es auch sein zu sehen, ob Wirtschafsprüfer bei der Prüfung des Abschlusses für 2012 auch darauf achten, ob Unternehmen sich z.B. bezüglich der Einrichtung einer Innenrevision noch in 2012 darauf vorbereiten.

Was ist jetzt zu tun!

Im Folgenden eine kleine Checkliste zu den hier diskutierten Fragen:

  • Wurden Rückstellungen im Jahresabschluss 2011 und den Quartalsabschlüssen 2012 fürs Handelsrecht gebildet?
  • Wenn ja, hat dies wegen des großen Verlusteffektes bei der erstmaligen Bildung evt. zu einer Verletzung der Eigenkapitalvorschriften geführt.
  • Hat das Unternehmen aufgrund des nun deutlich geringeren Eigenkapitals evt. ein Problem mit der Zinsschranke (Thin Capitalization Rules) bei Gesellschafterdarlehen.
  • die Innenrevision der Zentrale informiert und mit eingeschaltet, dass ab 2013 Innenrevision in Russland Pflicht ist?
  • Gespräche mit Geschäftspartnern über die Einführung eines elektronischen Dokumentaustausches.
  • Welche Formblätter möchte man anders gestalten.

 

Welcher Buchhalter wird gebraucht

Eine ebenfalls sehr wichtige Frage ist, sind Ihre Buchalter fit für die großen Veränderungen in der russischen Rechnungslegung. Welche wichtigen Eigenschafften sollte eine gute Buchhalterin heutzutage mitbringen, außer dass sie fachlich hochqualifiziert sein muss:

  • Zum Buchhalterberuf gehört heute auch die Fähigkeit Unternehmensabläufe betriebswirtschaftlich beurteilen zu können. Spätestens mit der Verpflichtung, Rückstellungen zu bilden, kann man sich nicht mehr auf den Standpunkt zurückziehen, man habe keine Dokumente bekommen.
  • Mit der Einführung eines automatischen Dokumentenaustausches wird die Frage effizienter Prozesse stärker thematisiert werden. Mit Effizienz haben sich viele Buchhalter bisher nicht intensiv beschäftigt.
  • Die steuerliche Abwicklung war bisher eine starke Domäne der Buchhalter. Seit 2012 gelten neue Regelungen für steuerliche Verrechnungspreise u.a. zwischen verbunden Unternehmen. Diese Regelungen verlangen mehr wirtschaftlichen und analytischen Sachverstand. Sofern Buchhalter in diesem aktuellen Steuerthema eine gewichtige Rolle spielen möchten, muss entsprechender Sachverstand und ökonomisches Verständnis aufgebracht werden.