Produktionsaufbau in Russland: es lohnt sich

Informationen, Analyse und gute Verbindungen sind der Schlüssel zur erfolgreichen  Lokalisierung in Russland. / Vladimir Nikitenko, AHK Russland

Russland soll bis 2014 die acht größte Destination für Direktinvestitionen weltweit werden und Länder wie Japan und Mexiko in punkto Attraktivität überholen, prognostizieren Experten der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD).

Was macht den russischen Markt so attraktiv? Auf der einen Seite bietet Russland deutschen Firmen den größten europäischen Binnenmarkt mit einem riesigen Modernisierungsbedarf und einer enormen Konsumlust der Bevölkerung. Auf der anderen Seite erwartet der Staat von ausländischen Partnern die Bereitschaft zur Lokalisierung ihrer Produktion und die Erhöhung des Wertschöpfungsanteils im Land. Das beste Beispiel ist die Automobilbranche. Fast alle wesentlichen Autohersteller inklusive VW, Renault, Toyota, Ford haben ihre Werke in Russland eingerichtet. Zulieferer schließen sich zunehmend an. Immer mehr Unternehmen tragen sich mit dem Gedanken, eine Produktion vor Ort aufzubauen.

Die Wirtschaftskrise 2008/2009 hatte starke Auswirkungen auf das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung Russlands und demonstrierte, dass in Zeiten defizitärer Staatsfinanzen, Geldtransfers in die Regionen wesentlich gekürzt werden können. Von dieser Situation profitierten die Regionen, die schon im Laufe vieler Jahre eine konsequente, Investoren freundliche Politik betrieben hatten, Noch vor fünf Jahren konnten sich viele Regionen erlauben, die Finanzierung der Infrastruktur auf den Investor umzulegen - heute ist diese Praxis undenkbar. Der Wettbewerb unter den einzelnen Föderationssubjekten bewegt diese dazu, immer wieder neue Angebote auszuarbeiten: erschlossene Grundstücke billig anzubieten, schon kleinere Investitionssummen mit Vergünstigungen zu belohnen, größere Steuernachlässe oder Subventionierungen aus dem Regionalbudget anzubieten. Die Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Investoren und Angeboten der Regionalverwaltungen nahm schnell ab.

Das Vorhandensein eines passenden Grundstückes samt Infrastruktur ist einer wichtigsten Faktoren bei der Auswahl eines Produktionsstandortes. Viele russische Regionen lösen dieses Probleme indem sie Industrieparks gründen. Nach Aussage des Verbands der Industrieparks, der sich unter anderem mit der Zertifizierung von Industrieparks beschäftigt, bestehen zurzeit in Russland 37 funktionierende und 65 in Planung befindliche Industrieparks. Der größte Teil der Industrieparks in Russland befindet sich in staatlicher Hand.

Einen großen Impuls erhielt die regionale Entwicklung durch die Schaffung sogenannter Sonderwirtschaftszonen, weil dieser Status vor allem in der Startphase einen großen Zufluss föderaler Investitionen in den Aufbau der Infrastruktur garantiert. Für internationale Investoren ist der Status als Resident einer Sonderwirtschaftszone vorteilhaft, weil alle Behörden, einschließlich der Migrations- und Zollbehörde unmittelbar auf dem Gelände der Sonderwirtschaftszone ansässig sind und wie ein „one-stop-shop“ funktionieren. Bis 2010 gab es zwei Sonderwirtschaftszonen dieser Art -  eine in Lipezk und die zweite in Tatarstan. Das Modell wird von der Regierung als erfolgreich bewertet. Dies bestätigt auch der Erlass der russischen Regierung, weitere industrielle Sonderwirtschaftszonen zu schaffen.

Unfassendes Wissen und Kenntnisse über die Gegebenheiten vor Ort sind der Schlüssel zum erfolgreichen Investitionsprojekt. Experten der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer unterstützen ausländische Firmen bei der Suche nach geeigneten Investitionsstandorten in Russland. In enger Abstimmung mit den Unternehmen werden die in Frage kommenden Regionen und passende Grundstücke identifiziert. Im Anschluss an diese Phase wird eine Vergleichsanalyse der in Frage kommenden Regionen, gemessen an den Ansprüchen des Unternehmens, erstellt. Dabei werden nicht nur die wirtschaftlichen Potenziale der Region, der Personalmarkt, Investitionsföderungsprogramme miteinander verglichen, sondern auch die administrativen Begleitung des Investitionsprojektes und die damit verbundenen Kosten werden analysier und gegenüber gestellt.

Die Prüfung der Verfügbarkeit der Infrastruktur erfolgt über direkte Kontaktaufnahme mit den Entscheidungs- und Informationsträ­gern in den ausgewählten Regionen. Die AHK-Experten können folgende Kriterien präzisieren: Lage und Größe der Grundstücke, Status (Greenfield/Braunfield), Eigentumsverhältnisse (Privatvermögen/Kommunalbesitz), Nutzung des Grundstücks (Wohngebiet, Industriegebiet, Landwirtschaft) und Umwidmungsmöglichkeiten, Straßenanbindung bzw. Autobahnanbindung, Gas-, Strom- und Wasserversorgung, Entwässerung, Eisenbahnanbindung.

Im finalen Schritt werden die zu besichtigenden Grundstücke oder Produktionshallen ausgesucht und eine Besichtigungsreise in die entsprechenden Regionen, inkl. die Erarbeitung eines Reiseplans (Agenda) und Begleitung zu den Verhandlungen organisiert. Die politische Unterstützung für das Investitionsprojekt auf höchster Ebene (Gouverneur, Investitionsminister) ist in der Anfangsphase sehr wichtig. Durch die Komplexität der Investitionsprojekte in Russland (langwierige und komplizierte Genehmigungsverfahren, fehlende infrastrukturelle Voraussetzungen) ist sie häufig immer noch der Schlüssel zum Erfolg eines Projekts. Das Kontaktnetzwerk der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer ist in den letzten 20 Jahren stark gewachsen. Dadurch verfügen die AHK-Experten über enge Beziehungen zu regionalen und kommunalen Verwaltungen in vielen Gebieten Russlands.