„Die Balance von Wohnen, Erholung und Arbeiten muss wieder hergestellt werden“

Interview mit Karima Nigmatulina, kommissarische Direktorin des Forschungs- und Projektinstitut des Generalplanes Moskau, über das Moskau von Morgen.

Die Stadt hat sich die Devise „Moskau – Stadt komfortabel für das Leben“ auf die Fahnen geschrieben. Bitte umreißen Sie in Kürze was das bedeuten soll.

Die wichtigste Ressource, die eine Stadt heutzutage hat sind die Menschen, die in ihr leben. Die großen Metropolen konkurrieren um diese Ressource. Leider steht Moskau, trotz seines enormen wirtschaftlichen Potentials, im internationalen Vergleich in vielen Punkten nicht gerade glänzend da. Die Staus, die Ökologie, die eher unwirtlichen Straßen, all das trägt dazu bei, dass sich die Menschen nicht wohl fühlen. Das ist umso trauriger, weil das Potential Moskaus ungeheuer groß ist. Z.B. gibt es keine Metropole in der Welt mit so vielen Grünflächen wie Moskau. Ebenso der öffentliche Raum: Es gibt schöne Straßen, breite Gehwege, historische Boulevards, aber alles ist zu geparkt mit Autos, nichts lädt zum Verweilen ein. Nur wenn wir diese Potentiale realisieren, können wir die Menschen erreichen, die für eine langfristige, stabile Entwicklung der Stadt wichtig sind.

Wie können wir das erreichen? Erstens, die Entwicklung des öffentlichen Raums. Moskau muss eine Stadt werden, die man zu Fuß erkunden kann. Nur so nehmen die Menschen ihre Stadt wahr und entwickeln eine Beziehung zu ihr. Zweitens, die Erhöhung der Lebensqualität durch Freizeit und Erholungsmöglichkeiten. Das ist die Gestaltung unserer Parks und Grünflächen. Drittens, die Verbesserung des Straßenverkehrs und des öffentlichen Nahverkehrs. Die Einwohner sollen sich maximal bequem von Punkt A nach B bewegen können. Das ist elementar für eine nachhaltige und langfristige Entwicklung. Viertens, die soziale Infrastruktur. Hier sind wir nicht schlecht, aber das Niveau in der Bildung und Gesundheitswesen kann noch um einiges angehoben werden. Fünftens, Multifunktionalität. Moskau ist in vielen Teilen monofunktional. Betrachten Sie z.B. die vielen Schlafviertel, in denen es nichts gibt, was das Leben angenehmen macht. Cafés, kleine Geschäfte, Treffpunkte im öffentlichen Raum. Kurz: es fehlt eine Quartalskultur (Kiezkultur). Und in anderen Viertel, z.B. im Zentrum, wird hauptsächlich gearbeitet. Es muss eine Balance zwischen Wohnen, Erholen und Arbeiten hergestellt werden.

Wie wollen Sie das alles realisieren?

Natürlich reichen dafür fünf Jahre nicht aus. Man benötigt eine Strategie, die auf einen sehr langen Zeitraum angelegt ist. Jedes Viertel muss einzeln betrachtet und entwickelt werden, nicht alle haben das gleiche Potential. Ein relativ neues Schlafviertel wird man mittelfristig kaum in seiner Struktur grundlegend ändern können. Aber Kleinigkeiten kann man schon verändern. Cafés, Geschäfte ansiedeln, Freizeit- und Sportmöglichkeiten schaffen, öffentliche Treffpunkte gestalten. Andere Viertel dagegen bergen sehr großes Potential. Z.B. Viertel, die um die Moskauer Industriezonen liegen.

Hier gibt es weitreichende Pläne zu einer Wiederbelebung dieser Industriegebiete, die nach dem Niedergang viele sowjetischen Großbetriebe nun vor sich hin dümpeln.

Das ist richtig. Und sie können bei der Herstellung der Balance zwischen Wohnen und Arbeiten eine wichtige Rolle spielen. Wie diese Industriezonen über die Stadt verteilt sind zeigt, dass diese Balance von früheren Stadtplanern ideologisch angestrebt wurde. Unsere Aufgabe ist es, diese Industriezonen wiederzubeleben und dort neue Arbeitsplätze anzusiedeln.

Dann gibt es Viertel mit einem hohen Anteil baufälliger Wohnsubstanz, die ersetzt werden muss. Bei der Rekonstruktion muss die Wiederherstellung der Multifunktionalität berücksichtigt werden. Nur so kann man Strukturen mit der Zeit verändern.

Außerdem wird die Stadt bei der Gestaltung ihrer neu eingemeindeten Gebiete dieses Konzept der Multifunktionalität umsetzen, damit hier nicht eine einzige monofunktionale Schlafstadt entsteht. Im Rahmen der Erstellung der Besiedlungspläne für die neuen Stadtgebiete haben wir berechnet, das in einem Zeitraum von 20 Jahren auf 1,5 Millionen Einwohner eine Million Arbeitsplätze pro Gebiet entstehen sollten.

Der letzte Generalplan wurde sehr heftig kritisiert. Vor Ihnen liegt die Aufgabe den neuen Generalplan zu erarbeiten. Was wird sich ändern, was bleibt vom alten übrig?

Das kann ich zum heutigen Zeitpunkt nicht konkret beantworten. Bis jetzt hat unser Institut erst einmal die Ausschreibung des Moskauer Komitees für Architektur zur Sammlung aller Ausgangsdaten für den neuen Plan gewonnen. Auf Basis dieser Daten wird der Generalplan aktualisiert und konkretisiert werden.

Aber einige ideologische Grundlagen stehen heute schon fest. Das ist die Schaffung einer polyzentrischen Struktur. Dazu gehört die Konzentration auf die sogenannten Wachstumspunkte. Das sind Skolkowo, das internationale Finanzzentrum Wrublowo - Archangelskoe, Molschaninowo, in Neu-Moskau das Zentrum für Verwaltung und Wirtschaft nahe der Siedlung Komunarka und die zwölf Wachstumszentren.

In den historischen Grenzen des alten Moskaus, ist die Entwicklung des MKZHD (Moskauer Eisenbahnring) von zentraler Bedeutung. Entlang des Rings befinden sich die Industriezonen, deren Restrukturierung durch den MKZHD einen entscheidenden Impuls erhalten wird und die wesentlich für die Dezentralisierung des alten Moskaus sein werden.

Die grobe Richtung steht fest, aber viele Nuancen werden später erarbeitet werden. Ich möchte noch betonen, dass der Generalplan von 2010 zwar korrigiert wird, aber das Entwicklungstempo der Stadt nicht still steht. Die mittelfristig angelegten Projekte, wie z.B. der Metroausbau werden alle vorangetrieben. Die Stadt kommt hier voll und ganz ihren Verpflichtungen gegenüber Bürgern und Investoren nach. Aber ein Generalplan sieht 20 bis 50 Jahre in die Zukunft.

Wie wird Neu-Moskau aussehen?

Für uns ist wichtig, dass das grüne und kulturelle Potential des Gebiets erhalten bleibt. Dazu muss auch die Besiedlung kompakt gestaltet werden. Es darf auf keinen Fall ein vom Zentrum aus auseinanderlaufender Pfannkuchen entstehen. Es soll keine Hochhäuser geben. Eine Höhe von neun bis maximal 14 Etagen wird angestrebt. Auch sollen keine Mikrorayons entstehen, sondern kleinere Quartale. Ich persönlich wünsche mir, dass hier energieeffiziente und grüne Technologien zum Einsatz kommen. Davon könnten viele neue Impulse für die ganze Stadt ausgehen.

Gibt es Städte, deren Erfahrungen für Moskau vieles ein besonderes Vorbild wären?

Jede Stadt ist auf Grund ihrer Geschichte und Geografie einzigartig, aber es macht Sinn, Städte ähnlicher Größenordnungen miteinander zu vergleichen. In Moskau leben rund 12 Millionen Menschen, im Großraum Moskau sind es an die 19 Millionen. Wir schauen also auf Ballungsgebiete mit einer ähnlichen Einwohneranzahl, New York, Tokio, Paris usw.  Es gibt immer Probleme, die alle Metropolen haben, z.B. Staus. Schauen wir uns die Erfahrungen Tokios an, sehen wir, dass der Straßenbau in mehreren Etagen für Moskau nicht taugt, während die Tokioer Erfahrungen mit der Entwicklung des Schienenverkehrs für uns hoch interessant sind. Beim Thema Umgang mit dem kulturellen Erbe, schauen wir nach Paris und können dort Anregungen für eine Moskauer Strategie finden.

Hans Stimmann, der wie kein anderer das heutige Berlin geprägt hat, ist das einzige ausländische Mitglied im Moskauer Architekturrat. Was macht die Berliner Erfahrungen für Moskau interessant?

Vom Standpunkt der Stadtplanung aus betrachtet, ist für uns interessant, wie Herr Stimmann die äußerst komplizierte Aufgabe der Rekonstruktion Berlins in extrem knappen Fristen bewältigt hat. Er hat durch seine Planung den Grundstein für die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Stadt gelegt und es ist ihm gelungen, der Stadt durch Ansiedlung der Kreativwirtschaft neues Leben einzuhauchen.

Zum Abschluss: Wird es einmal ein Moskau ohne Staus geben?

 

Wahrscheinlich erst, wenn völlig neue Technologien der Fortbewegung erfunden werden (lacht). Es gibt wohl keine Großstadt ohne Staus. Aber was wir schaffen können, ist den Moskauer Staus ihre Unberechenbarkeit zu nehmen. Momentan weiß man nie: werde ich eine Stunde im Stau stehen oder drei. Diese Unvorhersehbarkeit macht die Situation so unangenehmen und angespannt. Wenn ich aber weiß, zu einer bestimmten Zeit werde ich für eine bestimmte Strecke einen gewisse Zeit x brauchen, die aber kalkulierbar, ist es sehr viel einfacher und entspannter. Dahin wollen wir in den nächsten sechs Jahren erreichen.