Nowosibirsk heißt deutsche Geschäftsleute willkommen

Wachstumsraten liegen über dem russischen Durchschnittswert. Industriegüter und Dienstleistungen sind gefragt. / Ullrich Umann, GTAI

„Das Gebiet Nowosibirsk unterhält Außenhandelsbeziehungen zu 117 Ländern, Deutschland befindet sich unter den ersten fünf", hob Vizegouverneur Andrey Ksenzov auf einer Informationsveranstaltung der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) in Moskau hervor. „Wir importieren Maschinen aller Art, Apparaturen und Ausrüstungen der Energiewirtschaft, Erzeugnisse der Elektrotechnik, Straßenfahrzeuge, Kunststoffe und optische Instrumente, um nur einige zu nennen.“

Im Jahr 2012 bezog das Gebiet Nowosibirsk Güter im Wert von 2,4 Milliarden US-Dollar aus dem Ausland. Davon entfielen 2,3 Milliarden US-Dollar auf Industriewaren, der Rest auf Dienstleistungen. Die Liste der Erzeugnisse und Dienstleistungen, die vorrangig aus Deutschland eingeführt werden, ist lang. Dazu gehören metallbearbeitende Maschinen und Werkzeuge, Pump- und Wassertechnik, Holzbearbeitungs- und Forstmaschinen, Bau- und Bergbaumaschinen, Produkte der Bautischlerei, Baustoffe und -materialien, Energie-, Wärme- und Klimatechnik, Getränke- und Nahrungsmittelmaschinen, Landmaschinen, Erzeugnisse der Elektrotechnik, Elektronik, Messtechnik, Medizintechnik, Chemieerzeugnisse, Bau- und Projektierungsleistungen, Zertifizierungsleistungen, Know-how für die Getreide- und Tierzucht, für den Einzelhandel und Tourismus sowie Finanzdienstleistungen. Dem amtlichen Register zufolge sind 93 Firmen und Institutionen deutscher Herkunft im Gebiet Nowosibirsk niedergelassen.

Nowosibirsk bietet mit 1,5 Millionen Einwohnern einen großen Markt und weist durch das schnelle Entwicklungstempo der Regionalwirtschaft interessante Geschäftschancen für deutsche Firmen auf. Die Industrieproduktion im Gebiet Nowosibirsk ist im 1. Halbjahr 2013 im Vergleich zum analogen Vorjahreszeitraum um vier Prozent gewachsen, während der landesweite Durchschnitt bei 0,1 Prozent lag. Zu den Wachstumstreibern gehören der Bergbau (+19,6 Prozent) sowie die Energie- und Wasserwirtschaft (+6,0 Prozent). Der Kohlebergbau legte sogar um 41,5 Prozent zu, wohingegen die Ölindustrie um 77,4 Prozent eingebrochen ist.

Überdurchschnittlich wuchsen auch die Metallerzeugung (+15,6 Prozent), die Gummi- und Kunststoffproduktion (+12,1 Prozent), der Fahrzeugbau (+11,8 Prozent) und die chemische Industrie (+6,8 Prozent). Dagegen war der Rückgang in der Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie mit -5,9 Prozent mehr als deutlich. Beobachter führen diese Talfahrt insbesondere auf die Erhöhung der Verbrauchsteuer auf Trinkalkohol zum Jahresanfang zurück.

Eine Reihe von Großprojekten, die für deutsche Hersteller von Maschinen, Apparaturen und Anlagen sowie Dienstleister interessant sein können, befindet sich in Planung. Ausschreibungen werden vorbereitet. Zu den Vorhaben gehören zwei Krankenhäuser für Onkologie und Kardiologie; die Absprachen zwischen den regionalen und föderalen Ministerien für Gesundheit ziehen sich allerdings noch hin.

Dies ist dem Sachverhalt zuzuschreiben, dass die Gesundheitswirtschaft landesweit bis 2015 von einer zentralen budgetgestützten, auf eine dezentrale, vorrangig von der gesetzlichen Krankenkasse OMS durchgeführten Finanzierung umgestellt wird. Anschließend beschränkt sich das föderale Gesundheitsministerium auf die Finanzierung ganz großer Klinikprojekte, die von überregionaler oder gar landesweiter Bedeutung sind.

Im Gesundheitswesen bestehen auch Geschäftsmöglichkeiten für deutsche IT-Dienstleister. Angedacht sind zum Beispiel die fortgesetzte Digitalisierung der Patientenakten sowie verbesserte Diagnosemöglichkeiten mittels visueller Bildbetrachtung und -bearbeitung. In diesem Zusammenhang wird auch der Ausbau der Telemedizin vorangetrieben, die im größten Flächenland der Welt von besonderem Interesse ist.

Deutsches Know-how ist nach Worten des Vizegouverneurs zudem für Vorhaben der Energieeinsparung und Erhöhung der Energieeffizienz gefragt. Aktuell läuft ein Programm zur zweiprozentigen Energieeinsparung in allen öffentlichen Gebäuden. Der Schwerpunkt liegt bei Kindergärten und in einem Austauschprogramm für Schulfenster. Hinzu kommen Modernisierungsprogramme für Heizkessel von 1 MW, 2 MW und 3,5 MW Leistung. Die Anlagen, die sich in staatlichem oder kommunalem Eigentum befinden, sollen per Konzession oder Pachtvertrag und unter Modernisierungsauflagen privaten Betreibern zur Nutzung überlassen werden.

Interessante Projekte befinden sich im Bereich Tiefbau in der Pipeline. So besteht die dringende Notwendigkeit, die Verkehrswege nach Zentralasien auszubauen, insbesondere nach Kirgistan, wo mit russischer Hilfe ein Wasserkraftwerk errichtet wird. Die dafür benötigten Energieanlagen werden unter anderem aus Nowosibirsk geliefert.

Auch der anstehende Ausbau der U-Bahn in Nowosibirsk zieht deutsche Technologielieferanten an. Die Linie Dscherdschinsk soll um zwei Stationen oder 2,7 km verlängert werden. Außerdem wird ein U-Bahn-Depot gebaut. Die Kosten gab Vizegouverneur Ksenzov mit 10,5 Milliarden Rubel an. Gleichzeitig bestätigte er, dass ein Teil der Schienen gemäß jüngster Planungen nun doch unterirdisch und nicht - wie vorher angegeben - überirdisch verlegt wird. Federführend ist hier das Transportministerium in Nowosibirsk.

Überdies ist der Bau dreier Straßenbahnlinien geplant. Für diese Zwecke haben die Vneshekonombank und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) ein Memorandum unterschrieben, dass die Finanzierung grundsätzlich regelt. Wie Ksenzov hervorhob, wird erwogen, den Bau dieser Linien an private Betreiber zu vergeben. Diese können dann mit Zuschüssen aus dem Regionalhaushalt rechnen.

Gleichfalls steht die Modernisierung der Wasserwirtschaft an. Wie Ksenzov abschließend ausführte, greifen verschärfte Bestimmungen des aktualisierten Föderalen Gesetzes für Wasserwirtschaft. „Aus diesem Grund müssen alle Föderalsubjekte handeln, auch Nowosibirsk.“