„Verständliche Spielregeln für ein transparentes Geschäftsklima“

Interview mit Aleksej Rachmanov, stellvertretender Minister für Industrie und Handel

Welche ausländischen Unternehmen können damit rechnen, ihre Nische in der russischen Industrie zu finden?

Zwei einfache Dinge müssen berücksichtigt werden: Unternehmen müssen in Russland in Hinblick auf das technische Niveau und den logistischen Aufwand, die notwendig für ihre Produktion sind, effektiv arbeiten können. Dort wo es zu aufwendig ist, eigene Kompetenzen und Kräften von Null an aufzubauen, ist es sinnvoll, ausländische Produzenten, die in diesen Sparten ihr Können auf dem Weltmarkt bewiesen haben, willkommen zu heißen. Selbstverständlich auch deutsche Unternehmen.

Ein großes Problem für viele ausländische Unternehmen ist die unterentwickelte Zuliefererindustrie. Viele Produkte fehlen ganz oder genügen nicht den Ansprüchen. Dies ist ein Hindernis bei den Lokalisierungsvorgaben.

Wenn wir die Automobilbranche betrachten, mache ich mir keine Illusionen über die Qualität der meisten russischen Zulieferer von Autokomponenten. Es gibt in Russland keine Zuliefererkultur auf der ersten Ebene, die in der Lage wäre, gute Technik und Produktion zu entwickeln, weil es früher nur vertikal integrierte Strukturen gab. Sie in horizontal orientierte Aktiva um zuwandeln ist sehr kompliziert. Deshalb müssen wir hier westliches Know-how hinzuziehen, wie z.B. Bosch, Siemens, Continental. Ich bin davon überzeigt, dass diese Unternehmen hierher kommen, weil er für sie strategisch als Wachstumsmarkt mit langfristigen Perspektiven interessant ist. Wir hoffen, dass unser Automobilmarkt in diesem oder im nächsten Jahr den deutschen Markt überholen wird.

Wir haben bei den PKW eine Partnerschaft vereinbart. Der Automarkt ist schon von ausländischen Unternehmen besetzt, uns interessiert jetzt die Wahrung einiger Kernkompetenzen, dabei sind unterschiedliche Formate denkbar: 100 Prozent ausländische Investitionen, Joint Ventures und hier und da gibt es auch noch unsere Unternehmen, die einiges leisten können. Hier werden wir keine Hürden aufstellen, im Gegenteil wir bemühen uns diese abzubauen, auch durch günstigere Zollsätze.

Die ausländischen Zulieferer der großen Hersteller, besonders in der Autoindustrie, sind häufig Mittelständler.  Welche langfristigen Pläne gibt es, mittelständische  Industrieunternehmen in Russland zu entwickeln?

Momentan wird viel unternommen, um die wesentlichen Risiken für mittelständische Unternehmen zu beseitigen. Z.B. werden für die Autoindustrie und Schiffsbau Technoparks gebaut, die insbesondere mittelständischen Unternehmen offenstehen, sich niederzulassen und ihre Produktion hochzuziehen. Dort wo es eine Konzentration solcher Industrieniederlassungen gibt, findet man schon konkrete Angebote. Ich nenne Kaluga, Samara, Tatarstan, wo es auch eine Sonderwirtschaftszone gibt, die es ermöglicht, eine Export orientierte Produktion zu etablieren. Leider machen das bisher zu wenige, und hier gibt es noch einiges zu tun. Wir arbeiten in diesen Fragen sehr eng mit dem Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung zusammen und achten sehr genau auf die Signale aus der Wirtschaft. Nach denen wir Maßnahmen vorschlagen, die dem Mittelstand mehr Sicherheit geben. 

Die Rahmenbedingungen geben Sie vor. Wie sehen die konkret aus?

Nehmen wir den Schiffbau als Beispiel. So wurde das föderale Gesetz Nr. 305 angenommen, das es ermöglicht eigene freie Zonen für den Schiffsbau zu entwickeln. In diesem Zusammenhang laden wir alle traditionellen Zulieferer aus der Branche ein, ihre Produktion für die russischen Werften im Land zu starten.

Das heißt, wir geben die Möglichkeit eines erleichterten Starts, und geben so dem Mittelstand einen Anstoß. Die ersten zwei Pilotprojekte werden in den Gebieten Nischni Nowgorod und Astrachan realisiert.

Für das Industrieministerium ist dies ein kompliziertes und ungewöhnliches Vorgehen, weil wir in erster Linie für die staatlichen Großunternehmen und die Rüstungsindustrie zuständig sind. Das sind Unternehmen mit Milliardenumsätzen.

Aber das Industrieministerium ignoriert den Mittelstand nicht. Wir verstehen, dass 70 Prozent des Wertes aller weltweit produzierten Güter von kleinen und mittelständischen Unternehmen generiert wird.

Ein weiterer interessanter Faktor, der weiter diskutiert werden muss, sind die Basistechnologien des Maschinenbaus, wie Stahlwerke, Plastik- oder andere Materialhersteller, ohne die keine moderne Produktion aus kommt. Diesen Themen widmen wir jetzt viel Aufmerksamkeit, unser Ziel ist es, diese Produktionsketten zu schließen.

Erstens muss das Problem mit den Zulieferern für die Erstausstattung, die ja nicht einfach plötzlich da sind, gelöst werden. Solche Strukturen zu schaffen benötigt viel Zeit. Zweitens müssen wir die Kette zwischen Materialhersteller und Endverbraucher schließen. Wir sind schon auf dem Weg. Z.B. hat sich die Haltung der Metallhersteller zu kleineren Abnehmern geändert. Die großen metallurgischen Betriebe sind bereit ihre Produktionen in kleineren Lieferungen abzugeben. Ich bin sehr froh, dass sich dieser Trend weiter fortsetzt. Die Schlüsselfrage bleibt aber unverändert: Wir brauchen konkurrierende und technisch innovative Unternehmen

Ausländische und russische Unternehmen beklagen einen Mangel an qualifizierten, technischen Personal. Was kann das Ministerium für Industrie und Handel zur Lösung dieses Problems beitragen?

Im letzten Jahr haben wir angefangen, mit professionellen Standards zu arbeiten. Begonnen haben wir in der Autoindustrie, weil dort der Mangel eklatant war, Außerdem fanden sich dort auch die Initiatoren, die bereit waren, in die Vorbereitung dieser Standards zu investieren.  Im Rahmen dieses Programms wurden 12 Schlüsselberufe benannt, für die wir professionelle Standards festgeschrieben haben, die für eine effiziente Arbeit der Unternehmen notwendig sind. Diese Standards wurden an die für Ausbildung zuständigen Stellen weitergegeben. So haben wir erste Schritte unternommen,  die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage zu schließen. Allmählich kommen wir dahin, dass Unternehmen selbst ihre Bedürfnisse an bestimmten Berufen zusammenfassen. Neben diesen 12 Berufen, bereiten die Autohersteller selbstständig weitere 10 Berufe vor, um so speziell den Bedürfnissen der Autoindustrie nachzukommen.

Davon getrennt, sollte man die reinen Arbeitsberufe betrachten. Ich bin davon überzeugt, dass es sinnvoller ist, die Mitarbeiter eines Montagewerks direkt im Unternehmen auszubilden. Genau dazu entwickeln sich „Unternehmensuniversitäten“. Wie z. B. in Nischni Nowgorod, wo es ein Trainingszentrum der GAZ-Gruppe gibt, das unter Anderem auch Facharbeiter für Volkswagen und General Motors ausbildet. So können Unternehmen, Staat und die Bildungsinstitutionen alles in einem Block aufbauen. Ähnlich Programme sind auch für die Rüstungsindustrie vorgesehen und für alle übrigen Industriebranchen.

Wird es Russland gelingen bis 2020 den 20. Platz in Doing-Business-Rating der Weltbank einzunehmen?

Ich denke, es gibt für die Wirtschaft kein ideales Land. Es ist oft in anderen Ländern, aus unterschiedlichen Gründen, sogar noch sehr viel schwieriger als hier, trotzdem sagen alle es sei sehr viel leichter. Mir scheint, dass wir einfach alles auf die richtigen Gleise setzen müssen und dabei lediglich mit einigen Bürgern fertig werden müssen, die bei jedem Schritt des Verfahrens mitverdienen wollen. Nichts ist  für ein transparentes Geschäftsklima, als verständliche Spielregeln. Ich sähe es gerne, wenn sich der Staat darauf beschränken würde, diese Regeln festzusetzen und alles andere den Unternehmern überlassen würde, die besser verstehen, ob sie sich in der ein oder anderen Branche engagieren wollen und das ein oder andere Geschäft aufziehen wollen oder nicht,

Das Gespräch führten Viktoriya Sunkina und Monika Hollacher, AHK Russland